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“Zehn Schritte vor und acht zurück … Das sind immer noch zwei Schritte nach vorn”

Von Elisabeth Schwerin nach einem Interview mit Wenke Ossada.

Was für eine Dynamik, eine starke Frau Jahrgang 1981, zugleich Kämpferin und Amazone, betritt zielstrebig den Raum.

Sie hat etwas mitzuteilen, möchte ihren Lebensweg für andere zur Ermutigung erzählen. Nicht aufgeben, es geht immer weiter, wenn man etwas will, kriegt man es auch hin. Wenn es nicht weitergeht, nimm dein Leben selbst in die Hand und gehe den nächsten Schritt.

Was so einfach klingt, hat Kraft. Wollen wir ein Stück des labyrinthischen Lebensweges mit Wenke Ossada zusammen gehen:

Nach zehn Jahren sächsischer Schulbildung lockte der Westen; Geld verdienen, mich ausprobieren, meine Neugier auf die Welt. In Bayern wird gekellnert, geschneidert, werden Textilien und Möbel verkauft, ehe ich mich besinne und die Heimat nach drei Jahren neu betrete.

Einer weiß sofort, was er werden will, andere müssen sich ausprobieren.

Welcher Beruf sollte es nun werden, wo finde ich meinen Platz in der Arbeitswelt?

Jedenfalls weiß ich, dass ich arbeiten will und arbeiten kann. Aber ohne Abi komme ich nicht weiter. So entscheide ich mich, noch einmal auf die Schulbank zurückzukehren und ein Fachabitur für Wirtschaft und Verwaltung zu absolvieren. Um Geld zu verdienen, arbeitete ich zusätzlich bei der Security, da mein Traum ja eine Arbeit in einer JVA oder bei der Polizei war. Dafür erfüllte ich nicht die erforderlichen Kriterien. Dann kam das Kind. Drei Wochen vor der Prüfung war es der Meinung, aus dem Bauch heraus zu müssen. Aus der Traum von Studium und Karriere, aber ich wusste, ich kriege diese Situation hin.

Bald bot sich mir ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei; Oh Büro, da geht mein Herz auf! Akten, Rechtsgeschichten, ja Rechtsgeschichten, das interessierte mich doch. Und ein Bürojob wäre auch als allein erziehende Mutter mit Kind zu bewältigen. Nach dem spannenden ersten Jahr der Ausbildung kamen mit einer neuen Kollegin Probleme auf mich zu. Familie kann man sich nicht aussuchen, Partner dagegen schon, aber Arbeitskollegen nicht. Entweder finden beide einen Weg oder eben nicht, um miteinander klar zu kommen. Der Chef half nicht in unserem Konflikt. Laut brüllte der Löwe, fand keine leisen Töne; damit kam ich allerdings nicht klar. Meine Nerven lagen blank, ich brauchte eine Auszeit für mich und für mein Kind.

Es kommt keiner an deine Tür und fragt: “Kann ich dir helfen?”

Nach drei Monaten Beharrlichkeit fand ich mit der IHK die Lösung eines Kanzleiwechsels. Sie empfahlen mir eine Kanzlei, die wirklich ausbildete. Dort bekam ich meine Fragen beantwortet, arbeitete, Fehler wurden gezeigt. Wenn man sich am Anfang nicht sicher ist, passieren Fehler. Sie dürfen sein und werden korrigiert … Bis zur nächsten Kehrtwende lief mein Leben rund, ich lernte, brachte das Kind zum Kindergarten, die Großeltern halfen. Plötzlich lag ein großer Stolperstein vor mir; der Rücken schmerzte. Alles kein Problem, sagte ich mir, schließlich wusste ich ganz sicher, was ich wollte und schleppte mich ehrgeizig zur Zwischenprüfung.

Kurz danach ließ ich den Notarzt rufen, weil ich es vor Schmerzen nicht mehr aushielt … Bandscheibenvorfall, und nicht nur einer, wurde diagnostiziert. Ab da begann ein Jahr mit Schmerzen, liegenbleiben müssen, weil der Schmerz auf den Beinen lag. Ich nahm Tabletten verschiedenster Art, absolvierte Muskeltrainings, quälte mich im Fitnessstudio bis die Tränen liefen. Dein dreijähriges Kind läuft, will spielen und du kannst nicht aufstehen. Schmerzen ziehen extrem an den Nerven. Das Kind weint und jammert: Mama, Mama, Mama! Freunde und Familie versuchen, mit Worten zu trösten. Doch der Zeitdruck, die Umschulung fristgerecht zu beenden wuchs, ich durfte nicht so lange krank sein.

Ein Jahr lang vierundzwanzig Stunden Schmerzen, das hält keine aus, irgendwann verließ mich die Kraft, ich konnte nicht mehr. Da fasste ich den Entschluss, mir professionelle Hilfe zu suchen. Diese fand ich in einer Therapie, denn schon nach einem Vierteljahr ging es mir viel besser. Ich dachte, jetzt hast du wieder die Kraft, eine Entscheidung zu treffen. Durch einen glücklichen Zufall fand ich um diese Zeit einen Arzt, der mir helfen wollte und konnte … Ein kurzer Eingriff unter dem CT und nach einer Stunde setzte ich mich in den Schneidersitz. Ein Wunder … keine Schmerzen, keine Tabletten mehr, ich stand auf und konnte gehen und bin bis heute seit fünf Jahren schmerzfrei.

Nun wollte ich wieder loslegen, erntete einen weiteren Rückschlag: Meine geliebte Ausbildung durfte ich trotz erfolgreicher Zwischenprüfung nicht abschließen, weil die Fristen durch die Krankheit alle überschritten waren.

Eine Lehre wäre möglich. Die Arbeitsvermittlerin half mir nicht wirklich weiter.

Nur vom Lehrlingsgehalt von 300-400 € kann ich nicht leben, das funktioniert nicht. Ich passte mit meiner Geschichte in kein Schema eines offiziellen Amtes. Was fangen sie an mit einer Mutter, die arbeiten will, eine Ausbildung im Büro machen möchte und kein Anrecht auf eine zweite Umschulung hat? Sie halten dich hin. Also nahm ich sämtliche Unterlagen mit und setzte mich ins Amt. Ich sagte, ich bleibe hier so lange sitzen, bis sie eine Lösung für mich finden. Ich saß vor der Tür, wartete und wollte die Chefin sprechen. Dies wiederholte ich dreimal, bis ich endlich vorgelassen wurde. Ohne Geld, ohne Auto, ohne Ausbildung, wieder an eine Kehrtwende des Labyrinthes. Ich hab nichts mehr zu Essen im Kühlschrank, kann die Miete nicht bezahlen, keiner gibt mir 20.000 € Kredit für das Lehrjahr, das kann meine Familie sich nicht leisten.

Erneut suchte ich Hilfe; es gab nur genau einen amtlichen Weg, um ein Anrecht auf eine zweite geförderte Ausbildung zu bekommen. Ein Jahr Wiedereingliederung bei der CBZ- Gruppe Computer Bildungszentrum Chemnitz mit endlosem Bewerbungstraining und Zeit absitzen ohne wahre Bildungsangebote. Na gut, wir Mütter sind aus der Statistik raus. Es blieb mir keine andere Wahl.

Den Kopf nicht in den Sand stecken war meine Devise, ich hatte ein Kind zu versorgen und wartete ungeduldig auf eine neue Chance. Sie ließen mich einen Intelligenztest machen, weil ich mich beschwerte. Dann durfte ich mir das Buchhaltungsprogramm Lexware im Selbststudium aneignen. Eine Prüfung dazu legte ich ab, lernte die Grundlagen der Buchhaltung dabei. Auf das Zertifikat warte ich bis heute.

Jedoch half mir mein Drängen, als eine Dozentin kam, die selbst in Dresden eine Firma hatte und mich sofort angestellt hätte, wenn ich umgezogen wäre. Das ging aber in diese Situation nicht.

Sie wollte mich einstellen, also würde ich mit ihr reden. Wir suchten für mich eine Möglichkeit, wo ich mit Papier und Akten arbeiten und meinen Kopf anstrengen konnte. Sie empfahl mir für mein Profil eine Spedition. Ein Praktikum in einer Spedition fand sich und zum Amt brachte ich gleich meine kompletten Umschulungsunterlagen zur Speditionskauffrau mit, die ich mit Chemnitz schon verhandelt hatte. Nach dem dritten erfolglosen Überredungsversuch, doch Erzieherin zu werden, lenkte die Vermittlerin endlich ein.

Das Praktikum mit Kind lief ganz gut, jedoch wieder ein lauter Chef und nach zwei Wochen Einarbeitung mit einem Kollegen hörte dieser auf. Plötzlich sollte ich reiner Theoretiker für 40 LKW-Fahrer Disponentin und Verwalterin in einem sein. Alle ‘piepten’ mich an, mit meinem Sandkastenenglisch war ich bei den vielen Nationalitäten anfangs überfordert, verständigte mich mit Händen und Füßen. Papierkram lag vor, ich musste von der Pike an alles neu aufbauen. In diesem Jahr habe ich Überstunden geschrubbt und viele Nerven gelassen. Nach der erfolgreichen Prüfung bei der IHK wollte ich nie wieder in diese Firma gehen. So hatte ich zwar einen Schein, aber keinen Job. Weil ich aber durch die Arbeit Kontakte zu vielen anderen Chefs hatte, hoffte ich auf Besseres. Was ich vorher nicht wusste, wie schlecht bezahlt der Job einer Speditionskauffrau ist. Da kam unterm Strich nicht mehr als Hartz 4 für mich heraus.

Eines Tages rief mich mein alter Chef an und wollte mich zurück mit einem guten Angebot. Wenke, sagte ich mir, dann nimmst du dies als Notnagel und suchst nebenbei etwas anderes. Nach neun Monaten war Schluss, aus, Feierabend! In jeder Nacht aufwachen und nur an die Arbeit, nur an die offene Arbeit denken, so sollte es nicht weitergehen. Mein Kind meinte einmal zu mir, als ich in mein Zimmer ging: “Mama, ich weiß, du bist so kaputt”; ich weinte. Das war der Punkt, an dem ich mich für mein Kind entschied.

Ohne Ende schrieb ich Bewerbungen und erhielt genau eine Einladung zum Bewerbungsgespräch. Ein Versicherungsbüro schrieb eine Stelle als Personalsachbearbeiterin aus. Ich zögerte, weil dies nicht mein Ding war. Plötzlich hatten sie die Idee, mich für die Stelle als „Schadensbearbeitung für Transportschäden” einzusetzen. Ich käme doch aus der Praxis und habe Rechtserfahrung. Als ich die mir bekannten Papiere vor mir liegen sah, dachte ich, das kriegst du hin. Das passt arbeitstechnisch und zeittechnisch.

Ein halbes Jahr später fragte mich der Chef, ob ich nicht auch Buchhaltung könne und dort arbeiten wolle. Wieder zögerte ich und wollte eine halbe Stelle in der Schadensbearbeitung behalten. So stellte er mir eine Stunde Bedenkzeit für eine Halbierung meiner Arbeitszeit auf diese beiden Tätigkeiten zur Verfügung. Ich nahm das Angebot an.

Jetzt stehe ich nach elf Jahren seit dem Schulabschluss ganz gut da, weil ich gesagt habe, ich lasse mir helfen und gebe nicht auf.

Es ist mir egal, was andere über mich denken und von mir sagen. Auf meinem Weg gewann ich einen großen Stolz auf das, was ich geschafft habe. Niemals die Hoffnung zu verlieren, weil es immer weitergeht. Nur nicht zu Hause liegen bleiben und sich von einer Depression zur nächsten hangeln. Mir vorzustellen, nur Gespräche über Kind, Haushalt und die eigene Frustration zu führen, gruselte mich. So habe ich die Verantwortung für mich und mein Kind übernommen.

“Heute möchte ich keinen Schritt missen, den ich gegangen bin”, sagt sie, sich ihrer selbst bewusst. Und sie ergänzt: “Ich schätze extrem, was ich mir von meinem erarbeiteten Geld leisten kann und das bringe ich auch meinem Kind bei. Ich möchte mein Kind ehrlich auf das Leben vorbereiten”.