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“Wenn du was willst, dann wird das auch was” Prof. Dr. Udo Bechtloff

nach einem Interview mit Prof. Dr. Udo Bechtloff von Karl-Heinz Nebel

»Diesen Punkt: ›Jetzt geht’s nicht weiter‹, den hat’s nie gegeben«, sagte Prof. Dr. Udo Bechtloff. Dabei hatten wir gerade erst begonnen zu erklären, welche Momente wir in unseren Geschichten aufspüren wollen. Was er damit ausdrücken wollte, wurde Stück für Stück klarer, je mehr wir Einblick in seine Lebenseinstellung bekamen.

Mir offenbart sich Udo Bechtloff als ein erfolgsorientierter Mensch, der sich jedoch dadurch auszeichnet, dass er stets bemüht ist, seine Mitmenschen auf seinen Weg mitzunehmen – natürlich nicht ohne die Erwartung, dass jeder sein Bestes gibt. Zitate, wie: »Tu es, oder tu es nicht, es gibt kein Versuchen.«, oder »Nimm die Ressourcen, die du hast, um den richtigen Weg zu suchen.«, verdeutlichen es. Das einprägsamste Zitat war für mich aber dies: »Diskutiert nicht, zeigt mir, wie es gehen könnte.« Dabei glaube ich nicht einmal, dass diese Haltung ihn schon von Kindesbeinen an geprägt hat, viel mehr hat ihn sein Weg, der ganz und gar nicht eben war, zu dem gemacht, was er heute ist: Ein erfolgreicher Manager, der mit Stolz und Würde auf sein Lebenswerk zurücksieht:

Ort: Ingenieurhochschule Mittweida, Zentrum elektronischer Gerätebau (ZEG).

Zeit: Wendezeit.

Dr. Udo Bechtloff war Hauptabteilungsleiter Technik im ZEG. Günther Schabowski hatte seine legendäre Grenzöffnung verkündet. Während die Menschen an der Berliner Mauer in einen Freudentaumel verfielen, schlichen sich erste Gedanken in Udo Bechtloffs Kopf, dass der Weg von nun an ein anderer werden würde. Er wusste, dass die Gesetze der damaligen BRD auch über die Hochschule kämen, und die vorhandenen Strukturen keinen Bestand haben konnten. Das ZEG hätte nur eine Zukunft, wenn es eine eigenständige wirtschaftliche Einheit würde, und das hieß schlicht und einfach Privatisierung. Er hatte es ausgesprochen, und die neue Hochschulleitung erteilte ihm eine Abfuhr. Udo Bechtloff zog seine Konsequenzen daraus, verließ die Hochschule und ging nach Dresden in das Robotron-Leiterplattenwerk, das als Joint Venture der Firma Fuba aus Osterode im Harz arbeitete, und schließlich nach der Wende von Fuba übernommen wurde.

Dort stieg er mit seinen Erfahrungen, die er im ZEG gesammelt hatte, als Produktionsleiter ein. Der Sprung ins kalte Wasser der freien Marktwirtschaft war Chance und Herausforderung zugleich. Jedoch schwebte über dem Werk in Dresden ein Damoklesschwert, denn das Haupthaus in Osterode brachte Dresden immer wieder ins Gespräch, wenn es um wirtschaftlich bedingte Schließungen ging. Die baulichen Gegebenheiten und das vorhandene Equipment erschwerten alle Vorhaben, dem Dresdener Werk das Überleben zu garantieren. Er kämpfte gegen Windmühlen.

Schließlich bekam Udo Bechtloff das Angebot, nach Osterode zu kommen, und dort als Schichtführer neue Erfahrungen zu sammeln. Der Kampf gegen Windmühlen setzte sich fort, jetzt jedoch gegen fehlende Akzeptanz, denn selbst seine Promotion vermochte nichts gegen das Klischee vom minderwertigen Ossi zu verrichten. Erst seine Entscheidung, hart gegen die Missachtung seiner Anweisungen vorzugehen, indem er die federführenden Quertreiber vor die Tür setzte, brachte ihm den nötigen Respekt in der Belegschaft.

Seine Entschlossenheit, sich im Sinne eines erfolgreichen Unternehmens mit klaren Zielen auf seinem Platz zu behaupten, blieb bei der Firmenleitung nicht unbemerkt, und damit ebnete sich der Weg für eine neue Aufgabe und Herausforderung. Bei einem abendlichen Bier wurde Prof. Bechtloff gefragt, ob er nicht Lust hätte, in Tunesien ein neues Leiterplattenwerk der Fuba in Betrieb zu nehmen.

Er lachte, als er sagte: »Da hab ich meine Koffer gepackt und bin nach Tunesien gefahren, ohne zu fragen, welche Impfungen ich brauche.«

Udo Bechtloff war mit einem klar definierten Auftrag nach Tunesien aufgebrochen: Seine Aufgabe sollte sein, die Logistik so umzubauen, dass die bestellten Leiterplatten direkt vom Werk in Tunesien, und nicht über den Umweg Osterode zum Kunden geliefert werden.

Auch diese Zeit gestaltete sich für ihn nicht frei von Hindernissen, denn er hatte es mit der Mentalität der arabischen Kultur zu tun, und seine Probleme wurden nicht kleiner durch die ihn begleitenden Fachkräfte aus dem Westen Deutschlands. Während er selbst den Tunesiern, von denen einige an der Sorbonne oder in Boston studiert hatten, auf Augenhöhe begegnete, registrierte er bei seinen eigenen Leuten eine gewisse Arroganz gegenüber den Arabern. Doch die Gastgeber waren sensibel genug, um sich selbst ein Urteil über die weißen Männer aus Europa zu bilden. Udo Bechtloff jedenfalls brachten sie die nötige und erhoffte Wertschätzung entgegen, und auch heute noch schütteln sie sich freundschaftlich die Hände, wenn sie sich auf Messen treffen.

Pünktlich vor Eintreten der Sommerhitze in dem nordafrikanischen Land hatte Udo Bechtloff sein Ziel erreicht und kehrte in die deutsche Heimat zurück. Dort erwartete ihn eine Veränderung in seinem Verantwortungsbereich, denn die Firmenleitung bot ihm an, Leiter für Forschung und Entwicklung zu werden. Er nahm auch diese Herausforderung an, mit dem Ziel, der Firma Fuba, die nun fünf Standorte umfasste, eine dementsprechende Unternehmensstruktur zu erarbeiten – Fuba war keine kleine Firma mehr, sie glich einem Konzern.

Doch immer wieder erhoben sich Hindernisse auf seinem Weg. War es in Dresden ein cholerischer Chef, so sah er sich in Osterode den Seilschaften eines Familienbetriebs gegenüber, gegen die anzukommen an den Kräften zehrte. Alle Versuche, die Firma vor finanziellem Schaden zu bewahren, scheiterten an der entschlossenen Spontanität der Chefetage bei ihrem fragwürdigen Eingreifen in den Produktionsfluss. Das Resultat waren jedes Mal größer werdende Summen, die die Firma als rote Zahlen schrieb.

Für Prof. Bechtloff war diese Situation äußerst frustrierend. Als er 1996 auf einer Messe gefragt wurde, ob er sich vorstellen könnte, die technische Geschäftsführung der Firma KSG1¹ in Gornsdorf im Erzgebirge zu übernehmen, musste er nicht lange nachdenken und sagte zu. Dass diese Entscheidung richtig war, erwies sich, als die Firma Fuba in Deutschland nicht lange danach Insolvenz anmelden musste und geschlossen wurde².

Am 1. Januar 1997 nahm Udo Bechtloff in der KSG seine Tätigkeit als Geschäftsführer auf. Mit seinem reichen Erfahrungsschatz aus der Zeit bei der Westfirma Fuba machte er sich an die Ausrichtung des Unternehmens. KSG hatte Erfahrungen in der Herstellung von Leiterplatten, jedoch nicht für hoch technisierte Produkte. »Das glaubt uns im Westen keiner, dass ein Ostbetrieb High Tech kann«, hatte er zu seiner Führungsmannschaft gesagt. Aus diesem Grund sah er die einzige reelle Chance in einer ausgefeilten Logistik, die das Vertrauen der Kunden stärkt, weil sie ihre Ware bekommen sollten, für wann sie zugesagt war. Der neue Geschäftsführer hatte gute Kontakte zum Fraunhofer Institut in Hannover, und mit deren Unterstützung gelang es, die Lieferzeiten von sechs Wochen auf wenige Tage zu reduzieren.

»Die Liefertreue hatte sich am Markt herumgesprochen«, sagte Udo Bechtloff nicht ohne Stolz, denn er fügte an, dass KSG jährlich ein Wachstum von fünfundzwanzig bis dreißig Prozent zu verbuchen hatte. Und mit dem Blick, wie es die Firma schaffen konnte, Nachhaltigkeit zu erreichen, hat er stets die richtigen Entscheidungen getroffen.

Prof. Bechtloff hat 2016 die Firma KSG, die unter seiner Führung zu einem der erfolgreichsten Leiterplattenhersteller geworden ist, und die nie Leiterplatten in Fernost eingekauft hat, verlassen und ist in den Ruhestand gegangen.

Eher müsste man Unruhestand sagen, denn er legt die Hände nicht tatenlos in den Schoß. Auf der einen Seite genießt er seine “Pflichten” als Opa, auf der anderen Seite kann er es nicht ertragen, seine Erfahrungen für sich zu behalten. So ist er auch nach seinem aktiven Berufsleben, neben einer Honorarprofessur an der Hochschule Mittweida, der Präsident des Industrievereins Sachsen 1828 e.V. Dort beschäftigt nicht nur ihn die Frage, wie die Industrie digitalisiert werden kann, damit Sachsen wieder zu einem starken Wirtschaftsstandort wird, wie es das vor dem Zweiten Weltkrieg gewesen ist.

Der Industrieverein startete den Versuch einer Messe Maker Faire Sachsen in Chemnitz, an der die ganze Familie an den Exponaten getüftelt und gebastelt hat, und er sieht darin einen Meilenstein in der Nachwuchsgenerierung für technische Berufe. Denn Udo Bechtloff ist nicht nur ein ausgezeichneter Manager, sondern auch ein nüchterner Analytiker. Mit ernstem Gesicht sagte er uns: »Die heutige junge Generation ist nicht mehr mit unserer Aufbruchgeneration zu vergleichen […] Die haben alles […] Die tun sich keinen Stress an, weil es ihnen gut geht […] Die Wohlstandsgesellschaft wird uns noch ans Bein laufen …«

Für die heutige junge und die kommenden Generationen hat er noch einen wichtigen Rat: »Das Grundbedürfnis des Menschen ist Sicherheit.« Dieser kleine Satz hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens, betont er, und er ist für ihn während seiner gesamten Zeit, die er in einer leitenden Position war, Ansporn für seine Entscheidungen gewesen.

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1: KSG wurde 1878 als Strumpffabrik gegründet, in der DDR stellte das Werk Spezialkontakte für die Elektronik und Leiterplatten her. Die KSG-Leiterplatten Gornsdorf ist heute eines der erfolgreichsten Unternehmen weltweit.

2: Das Werk in Tunesien besteht noch heute als Fuba Tunesien.