Veröffentlicht am

“Schatten- und Sonnenseiten” von anonym

Höhen und Tiefen (m)eines Lebens

Ich möchte hier Lebensabschnitte vorstellen, in denen sich mein Leben auf eigene Initiative änderte bzw. durch „Zufall“ in eine neue Richtung gelenkt wurde.

Ich bin in der DDR groß geworden und habe in dieser Zeit viele Vergünstigungen in Anspruch nehmen können. So begann ich kurz nach Beendigung der Lehre ein Frauensonderstudium, das es mir ermöglichte, neben der Ausübung meines Berufes einen Fachschulabschluss zu erlangen. Ich heiratete und wir bekamen über den Betrieb, in dem wir beschäftigt waren, eine Neubauwohnung. Das glich damals einem Gewinn im Lotto – Wohnraum war rar, Neubauwohnungen heiß begehrt …

Zwei Kinder machten unser Familienleben perfekt. Die Muttis, die ihre Sprösslinge in die Kindereinrichtungen schaffen mussten, wurden mit dem betriebseigenen Auto auf Arbeit gebracht, um nicht zu viel Arbeitszeit einzubüßen. Ich war mit meiner Arbeit und mit meinem Leben zufrieden, bemerkte aber nicht, dass ich meine eigenen Wünsche immer mehr denen der Familie anpasste. Gesundheitlich hatte ich einige Problemchen, die aber leider in diesen Zeiten nicht 100%ig abgeklärt werden konnten.

Dann kam die große Wende. Wie bei so vielen beeinträchtigte sie auch unser privates Leben. Mein Mann wurde schnell arbeitslos, ich hatte weiterhin Arbeit. Schon das allein brachte Zwietrachtpotenzial. Die Rolle meines Mannes veränderte sich drastisch und die Kinder wuchsen in eine vollkommen veränderte Zeitepoche hinein, was von ihnen und uns leider sehr unterschiedlich verarbeitet wurde. So wurde aus einem Leben miteinander immer mehr ein Leben nebeneinander.

1996 wurde auch ich arbeitslos. Da meine gesundheitlichen Probleme immer stärker wurden und letztendlich eine Herzklappen-OP anstand, traf ich für mich eine Entscheidung. Sollte ich diese Operation gut überstehen, wollte ich in meinem Leben einiges ändern. Ich wollte mehr für mich leben, ohne natürlich meine Familie zu vernachlässigen. Nach einigen missglückten Bemühungen, doch noch einen gemeinsamen Nenner für unser Zusammenleben zu finden, trennten sich mein Mann und ich. Die Kinder waren alt genug, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, was den weiteren Umgang mit uns betraf.

Ich begann eine vom Arbeitsamt empfohlene Weiterbildung, die mir sogar Spaß machte. Es stellte ich jedoch heraus, dass nochmal eine OP am Herzen nötig war. Danach konnte ich eine Reha-Kur antreten. Diese hat mich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch gestärkt. Ich hatte Menschen um mich, die ein ähnliches Schicksal hinter sich hatten und ihre Erfahrungen gern weitergaben. Ich wurde stabiler und zufriedener. Trotzdem kam ich zu meinem 50. Geburtstag zu der Ansicht, dass ich das Thema „Arbeit“ wohl abhaken könne. Sogar auf eine Anfrage beim Arbeitsamt nach einer ABM bekam ich eine negative Antwort. Nun kam die „Frau Zufall“ ins Spiel. Eines Tages traf ich direkt vor meiner Haustür eine ehemalige Arbeitskollegin, die mich ansprach: „Hast du nicht Lust, im Mietertreff (er befand ich nur 2 Haustüren weiter) bei mir die Kasse zu führen? Wir haben noch eine ABM-Stelle frei und du kannst doch gut mit Zahlen.“ In diesem Moment war ich so perplex, dass ich nur nicken konnte. Dann gab ich zu bedenken, dass mir das Arbeitsamt keine ABM zusagen würde.

Trotzdem erhielt ich eine Woche später eine Einladung zum Vorstellungsgespräch im damaligen „Verein zur Förderung von Fraueninitiativen“. Dieses war kurz und bündig. Und mir wurde eine ABM-Stelle für ein Jahr angeboten, welche auch vom Amt bewilligt wurde. So begann doch nochmal ein Arbeitsleben auf einer Arbeitsstelle, von deren Existenz ich vorher nichts wusste. Das prägte mein weiteres Leben. Von den Mitarbeiterinnen erhielt ich seelisch-moralische Unterstützung während der Scheidungsphase sowie nach dem Tod meines Vaters. Ich konnte mich um meine Mutter kümmern und merkte, dass es hier einen Umgang mit Menschen gab, den man sich nur wünschen konnte, den ich aber so nicht kannte.

Andererseits unterschied sich die Arbeit dort aber total von der in der Industrie, die ich kannte. Alles war irgendwie neu und fremd und ungewohnt und ziemlich schnell befürchtete ich, dass ich trotz aller Vorteile hier nicht gut arbeiten kann und die Stelle kündigen muss. Aber auch da bekam ich alle erdenkliche Rückenstärkung und gute Worte, sodass ich schließlich doch Mut fasste und blieb und ich bereute es nicht.

Die ABM wurde verlängert. Da ich mich doch recht gut eingearbeitet hatte, konnte ich weiterhin stundenweise auf Zuverdienstbasis tätig sein. Die Leitung des Vereins fand bald eine weitere Fördermöglichkeit und ich konnte wieder voll eingestellt werden. So überschritt ich das eine ursprünglich angebotene ABM-Jahr um 15,5 Jahre, die ich nie bereut habe.

Mit 61 Jahren ging ich in Rente, arbeitete aber noch als Minijoberin weiter, so dass der Berufsausstieg allmählich erfolgte. Ich konnte somit selbst entscheiden, wann ich endgültig meine Rente genießen wollte, eine Möglichkeit, die nicht viele haben und für die ich sehr dankbar bin.

Leider verstarb meine Mutter ein Jahr nach meinem Vater und nun wurde ich wieder für mich selbst aktiv. Über eine von mir geschaltete Anzeige in der Tagespresse lernte ich einen richtig liebenswerten Menschen kennen, mit dem ich ein aktives, für mich neues Leben begann. Wir führten ein spannendes Leben mit vielen Höhen und Tiefen, heirateten nach 6 Jahren und genießen jetzt unsere Rente, tun das, was uns Freude macht und verreisen viel.

Natürlich können solche Veränderungen in einem Leben auch einen bitteren Beigeschmack haben, denn nicht jeder Familienangehörige kann diese „Verwandlung“ nachvollziehen und sieht darin eine negative Entwicklung. Als Eltern haben wir versucht, unseren Kindern viel zu ermöglichen und immer für sie da zu sein, ihnen unter die Arme zu greifen, wann immer wir es für nötig hielten. Wir haben aber vergessen, ihnen klarzumachen, dass irgendwann die Zeit kommt, wo wir uns zurückziehen und sie selbst diese Aufgaben bei ihren Kindern übernehmen sollten. Die einen sehen das als Selbstverständlichkeit an und tragen unsere Entscheidung mit, die anderen können es so nicht akzeptieren und gehen auf Abstand. Somit hat mein Mann, der keine eigenen Kinder hat, eine Tochter und Enkelkinder gewonnen. Ich dagegen habe den Sohn in sein eigenes Leben gehen lassen müssen.

Da niemand sagen kann, was einen im Leben erwartet, sollte man folgenden Spruch beherzigen, der da heißt

Es offenbart sich aber eine Kraft, die man in sich selbst nicht ahnt. (Constance de Salm)

 


Unterstützt unser Projekt jetzt mit 1,- €: