Veröffentlicht am

“Plötzlich war da ein anderer Weg” von Karl-Heinz Nebel

Familientraditionen sind es oft, die den Entwicklungsweg der Kinder bestimmen. Bei mir hat das schon sehr früh eingesetzt, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters treten wollte. Nur in welche, wusste ich noch nicht, denn er hatte mehrere Spuren hinterlassen, die mich interessierten. Ich sehe mich noch im Schneidersitz auf dem Tisch in unserer Wohnküche sitzen, mit Stoff, Nadel und Faden und einer Kiste voller Knöpfe. Mein Vater hatte, wie bereits sein Vater, Maurer gelernt, konnte diesen Beruf aber nach einer Kriegsverletzung nicht mehr ausüben und hatte deshalb zum »Damen und Herren Maßschneider« umgelernt. Ich konnte ihm stundenlang zusehen beim Messen, Aufzeichnen und Zuschneiden der Stoffe, beim Heften mit der Hand und dann beim Nähen mit der Maschine – einer Naumann Interlock-Nähmaschine. Natürlich mit Fußantrieb. Wenn ich nicht Knöpfe annähte, übte ich mich im Bauen. Ich habe keine Gelegenheit ungenutzt gelassen, Ziegelsteine, die von den Eltern für wichtige Baumaßnahmen gekauft worden waren, für meine kleinen Häuser zu nutzen. Natürlich ohne Mörtel, obwohl mich das auch gereizt hätte. Meine kleinen Hütten hatten alle eine Tür und mindestens eine Fensteröffnung, und waren so groß, dass ich darin stehen konnte. Und das hat mich mehr gefesselt, wie das Schneidern, bei dem ich über die Knöpfe nicht hinausgekommen bin.

Also habe auch ich Maurer gelernt. Mit Stolz habe ich im weißen Arbeitsanzug meine Lehre angetreten und durfte schon am ersten Tag mit meiner Kelle Putzmörtel an die Wand werfen. Das Ergebnis sah entsprechend aus, aber die Gesellen machten mir Hoffnung.

Ich lernte die guten und die schlechten Seiten des Maurerberufs kennen. Im Sommer war es schön, im Freien zu arbeiten, aber bei fünfzig Grad im Schatten machte es dann auch keinen Spaß mehr. Im Winter wurde Innenausbau gemacht und die Gebäude waren gut geheizt, entweder mit Kokskörben oder mit Heißluftgebläsen. Aber Ziegel abladen bei Frost war auch nicht unbedingt das, was die Arbeit zu etwas Besonderen machte. Was das Besondere war, waren die Objekte selbst, die mich mit Stolz erfüllten und noch erfüllen, wenn ich an ihnen vorbeikomme, an denen ich in irgendeiner Weise mitgewirkt hatte. Es werden Erinnerungen wach.

Aber das Schicksal hatte etwas anderes mit mir vor.

1973 lernte ich meine Frau kennen. Wir sind in diesem Jahr dreiundvierzig Jahre verheiratet. Sie arbeitete damals als Weberin im VEB Wäscheunion Mittweida, Werk 2. Das ist dort, wo heute das Fitnessstudio Flexx untergebracht ist, bzw. wo die Musikfabrik war. Im gleichen Jahr begann sie ein Ingenieurstudium zum Textilingenieur in Reichenbach.

Wir konnten uns nur an den Wochenenden sehen, schrieben uns aber fast täglich Briefe. Neben unserer Liebe, die das Hauptthema war, erzählten wir uns natürlich auch von der Arbeit, oder sie mir vom Studium. Das machte mich natürlich neugierig und ich begann mich zu fragen, ob ich so etwas auch schaffen könnte. Mit der Zeit formte sich die Antwort selbst zum Ja.

Damit begann aber ein innerer Kampf in mir. Ich hatte mich schon weiterentwickelt: Aus dem Maurer war nach einer Umschulung ein Baumaschinist geworden. Ich habe meinen Beruf gern ausgeübt. Nun sollte ich das hinter mir zurücklassen und mich auf eine abenteuerliche Reise begeben, deren Ziel gefühlt in weiter Ferne lag und die sich für mich fremd anfühlte. Selbst meine Mutter hatte damals gesagt, dass wir doch einfache Leute seien und ein Studium nicht zu uns passe. Dann sagte sie aber, dass ihr Bruder, also mein Onkel, der leider zu dieser Zeit schon verstorben war, Konstrukteur gewesen sei. Und sie war sehr stolz, als sie es mir erzählte.

Für ein Studium fehlte mir noch der entsprechende Schulabschluss. Also drückte ich vorerst in der Volkshochschule die Schulbank, und nicht nur meine Lehrer, sondern vielmehr ich selber war erstaunt, dass ich doch zu mehr fähig war, als ich mir bis dahin zugetraut hatte.

1975 war es dann soweit. Ich begann ein Studium an der Ingenieurschule für Schwermaschinenbau »Walter Ulbricht« in Rosswein. Vieles, das ich bis dahin nicht gekannt hatte, prasselte auf mich nieder. Ich lernte von Schnittstellen, die unendlich nah an einem Betrachtungspunkt lagen, von Momenten, die in diesen Schnittstellen wirkten, und gar nichts mit einem zeitlichen Moment zu tun hatten. Mein Horizont erweiterte sich. Ich konnte über den Tellerrand sehen, neue Zusammenhänge erkennen, Entwicklungen mitbestimmen, Verantwortung übernehmen, Mitarbeiter führen.

Und immer weiter lernen.

Das Wichtigste für mich waren die vielen Menschen, die ich auf meinem neuen Weg kennenlernen durfte. Der Weg war nicht eben und geradlinig. Aber gerade das machte ihn so interessant. Nach dem Studium arbeitete ich acht Jahre in einem Betrieb der SDAG Wismut in Karl-Marx-Stadt als Konstrukteur. Bergbauausrüstungen für die Bewetterung von Gruben, vor allem aber Teile für die Reparatur von Kraftfahrzeugen herzustellen, waren unsere Aufgaben. Eines meiner größten Projekte, an denen ich mitarbeitete, war ein Untertagekipper, der mit einem Dieselmotor angetrieben wurde. Ich war in der Hauptsache für die schweißtechnische Ausführung verantwortlich, denn mein Abschluss beinhaltete ein Zeugnis, das mich befähigte, als Schweißingenieur zu arbeiten.

Mit dem Einzug der Rechentechnik in unseren Betriebsalltag verzweigte sich mein Weg ein erstes Mal nach meinem Studium. Ich begann, kleine Programme für die Berechnung von Bauelementen zu schreiben. Später wurde in unserer Fertigung ein Schweißroboter installiert und ich war auch in diesem Projektteam, und für die Erstellung von Schweißprogrammen verantwortlich. Das hat Spaß gemacht, führte aber dazu, dass ich im Dreischichtsystem arbeiten musste. Ein Angebot von der Ingenieurhochschule Mittweida befreite mich aus den Fängen der Schichtarbeit und ich wechselte 1986 in das Zentrum elektronischer Gerätebau an die Hochschule als Konstrukteur. Die Aufgaben waren sehr überschaubar, was mich dazu veranlasste, mich in die Konstruktion von Leiterplatten einzuarbeiten. Das machte ich bis zur Wende dann auch hauptsächlich. In der aus der Hochschule ausgegründeten Mittweidaer Leiterplattengesellschaft mbH übernahm ich den ersten Leitungsjob, ich leitete die Abteilung Arbeitsvorbereitung. Mit Konstruktion hatte das dann nichts mehr zu tun, also nahm ich schließlich ein Angebot vom Ingenieurbüro Müller Mittweida (IMM) an und konstruierte wieder. Nach ein paar Jahren wurde mir die Leitung der Abteilung Konstruktion übertragen, was ich bis zum Ausstieg aus meinem Arbeitsleben tat. In den letzten zehn Jahren arbeitete ich als Vertreter der Firma IMM im Fachverband Elektronik Design mit und leitete die Regionalgruppe Dresden. Mit der Konstruktion von Maschinenteilen hatte ich nach der Wende nie wieder etwas zu tun.

Zurückschauend hätte ich das alles nicht erlebt, wenn ich die Herausforderung nicht angenommen hätte, und ich empfinde tiefe Dankbarkeit für den neuen Weg, den ich gehen durfte. Wie mein Onkel, so habe auch ich als Konstrukteur gearbeitet, und auch auf diesem gewaltigen Wegabschnitt in meinem Leben Spuren hinterlassen.

Und was ist mit der Familientradition? Die gibt es nach wie vor, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht. Wir begleiten unsere Kinder zu wichtigen Entscheidungspunkten, geben ihnen Impulse mit auf den Weg, in der Hoffnung, sie gehen ihn aufrecht.