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“Man lernt in schwierigen Phasen” nach einem Interview mit Prof. Detlev Müller

von Karl-Heinz Nebel

Ich glaube, viele Wege führen zum Ziel. Das gilt im Besonderen, wenn Menschen auf der Suche sind – ob zu sich selbst oder einem Lebensziel, sei dahingestellt. Man muss also nicht zwingend auf dem Camino de Santiago gehen, manchmal genügt ein Spaziergang in gewohnter Umgebung, um zu innerer Einkehr zu finden.

Es war früher Nachmittag, die Luft war angenehm warm und fühlte sich für unsere Breiten ungewohnt weich an. Das Grün der Bäume sah wie frisch gewaschen aus. Ich atmete tief und lenkte meine Schritte auf einen Waldweg, den ich sonst eher seltener ging. Da drang leiser Gitarrenklang an mein Ohr und ich hörte dazu den Gesang einer männlichen Stimme. Noch konnte ich nicht verstehen, was der Inhalt des Liedes war, aber die Melodie nahm mich gefangen. Sie schien zwischen den Bäumen zu schweben. Dann konnte ich ihn sehen, die gesungenen Worte verstehen. Er stand auf einer kleinen Lichtung – groß, schlank, kurz gehaltener Vollbart, die Jahre malten Grau in sein Haar. Mehrere Zettel, vermutlich Liedtexte, lagen neben ihm im Gras. Meine Schritte wurden langsamer, ich trat sehr behutsam auf, um den Gesang nicht zu stören.


Ich bin zu Haus’ – in meinem Leben,
ich bin DAHEIM – in meiner Welt.
Kein Unterwegs muss ich im Leben – leben!
Bin sicher – dass hier nichts mehr fehlt.

Ich hatte die vorherigen Strophen nicht verstehen können, diese aber gab mir das Gefühl, dass ihr Verfasser in seinem Leben angekommen war. Ich blieb stehen, der Sänger blickte mich an, schien mich aber nicht zu sehen. Er war in sein Lied vertieft, sang es mit ganzem Herzen. Der folgende und abschließende Refrain reflektierte eine Zerrissenheit, die sich aber auflöste und ihm schließlich die Gewissheit gab, am Ziel zu sein.

Ich bin nicht draußen – und ich bin nicht drin.
Bin unterwegs und stehe still.
Weiß oft nur zweifelnd – was ich wirklich will.
Und fühle hin und wieder – schließlich doch,
… dass ich BIN! … ich bin DAHEIM!

Der letzte Akkord war verklungen, er senkte die Gitarre und lachte mich etwas verschmitzt an. Dann legte er das Instrument neben sich ab.
»Das Lied hat mir gefallen«, sagte ich.
»Du hast doch gar nicht alles gehört«, entgegnete er, und da wusste ich, dass er mich die ganze Zeit gesehen hatte. Er duzte mich, das nahm mir die Entscheidung ab, wie ich ihn ansprechen sollte.
»Wer bist du?«, fragte ich.
Er lachte wieder dieses schelmische Lachen. »Diese Frage versuche ich mir seit vielen Jahren selbst zu beantworten.« Er griff zur Gitarre, stimmte sie nach, dann nahm er sich einen der um ihn verteilten Zettel, und begann wieder zu singen – dieses Mal war es ein anderes Lied.

Mich zu erkennen hab’ ich oft versucht,
zu mir zu finden in des Alltags hartem Sein.
In Nächten draußen unterm Sternenhimmel –
hab’ ich geträumt und war allein.

Er ließ die Akkorde versonnen ausklingen, dann nahm er die Hand von den Saiten. »Das habe ich 1979 geschrieben. Ja – wer bin ich? Schwer zu sagen. Aber ich heiße Detlev. Detlev mit Vau. Davon gibt’s nicht so viele. Die anderen schreiben sich alle mit Ef.« Er reichte mir die Hand, ich nahm sie und stellte mich ebenfalls vor.
»Mit fast sechzig beginnt man, sein Leben zu sortieren«, fuhr Detlev fort. »Als erstes brauche ich dazu einen klaren Kopf. Sonst geht das nicht. Ich bin ein strukturierter Mensch, musst du wissen.«
Während er sprach, gingen wir beide an den Rand der Lichtung und setzten uns auf einen umgestürzten Baum.
»Was machst du?«, fragte er mich. »Ich meine, beruflich?«
»Ach, ich hab mal Maschinenbau studiert. Bin aber nicht dabei geblieben. Es ist interessant, wohin einen das Leben treibt«, sagte ich etwas schüchtern.
»Wem sagst du das …« Er nickte, als er das sagte.
Seine linke Hand verschwand in seiner Hosentasche. Okay, dachte ich, jetzt holt er das Handy heraus, sieht gleich eine wichtige Nachricht und sagt, dass er unbedingt antworten muss. Zu meiner Verwunderung förderte sie eine Packung Traubenzucker-Täfelchen hervor. Er bot mir eine an.
Warum nicht, dachte ich und bedankte mich dafür.
»Wenn man wie ich ständig unter Strom steht, braucht das Gehirn besonders viel Energie, damit es funktioniert.«
Detlev entfernte das Cellophan und steckte sich den Traubenzucker in den Mund. »Angefangen habe ich damit, als ich nach meinem Studium ein Leiterplattenentwurfsprogramm entwickelt habe.« Jetzt sah ich in seinem Lächeln Stolz. »Es hat sogar funktioniert.« Er sah mir in die Augen. »Kennst du dich mit Leiterplatten aus?«
»Ich weiß nur, dass man da drauf lötet. So mit Lötkolben«, antwortete ich und hob die Hände zum Zeichen, dass das nicht mein Thema war.

»Du musst mal zu uns in die Firma kommen. Da zeig ich dir, wie das heute industriell geht. Klar gibt’s bei uns noch Lötkolben, aber nur für Spezialsachen oder Muster.« Dann begann er zu erzählen, wie er an der Hochschule in Mittweida im Zentrum Elektronischer Gerätebau (ZEG) gemeinsam mit noch einer Kollegin und einem Kollegen aus Schaltplänen Leiterplattenlayouts erstellt hat, aus denen dann richtig funktionierende Baugruppen hergestellt wurden. Dann war die Wende gekommen und das ZEG hatte keinen Platz mehr an der Schule. Die drei Ingenieure waren so spezialisiert, dass sie darüber nachgedacht hatten, eine eigene Firma zu gründen. »Das Schicksal hat es aber so gewollt, dass ich diesen Schritt schließlich alleine gegangen bin.«

»Du hast also deine Firma gegründet?«, fragte ich interessiert und fand es mutig, allein dieses Wagnis einzugehen.
»Ich habe als Einzelkämpfer angefangen. Heute sind wir über hundertfünfzig Leute.« Sein Blick suchte die endlose Ferne zwischen den Bäumen. »Wenn ich dem Rat meiner Familie gefolgt wäre, säß ich heute immer noch alleine im Wohnzimmer in der Ecke und würde Layouts erstellen. Aber ich wollte mehr. Ich wollte die fertige Baugruppe in der Hand halten.«
»Deine Familie war gegen eine eigene Firma?«, fragte ich dazwischen.
»Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, hätte ich nicht mal studieren dürfen. Unsere Familie war eine Arbeiterfamilie. Ich war plötzlich ein Außenseiter, der verbraucht hat, was andere erarbeitet haben. Als mein Vater aber begriffen hatte, dass ich es ernst meinte, kamen dann die gut gemeinten Ratschläge, ja niemanden einzustellen.« Sein Gesicht verlor den entspannten Ausdruck und verfinsterte sich. Diese Erinnerungen schienen ihn zu belasten. Also war sein Weg nicht eben gewesen, reflektierte ich.

»Hat es Rückschläge gegeben?«, fragte ich vorsichtig.
Detlev legte die Hände in den Schoß und schien zu überlegen, ob es darauf eine einfache Antwort gab. Dann begann er zu erzählen, ohne mich anzublicken. »Wir waren inzwischen acht Mann und hatten begonnen, das ganze Spektrum anzubieten. Also Layout, Leiterplatte, Materialbeschaffung und Bestückung. Wir hatten das Glück, von ehemals Sternradio Rochlitz gute Leute bekommen zu haben. Wir wollten gerade so richtig durchstarten, da passierte es plötzlich: Eine Kollegin, sie hieß Solveig, war nicht zur Arbeit erschienen und im Radio hörten wir schon seit dem frühen Morgen von einem schlimmen Verkehrsunfall. Ich werde nie den Schrei vergessen, den eine andere Kollegin ausgestoßen hatte, als sie aus dem Keller die Treppe hochgerannt kam und schon von weitem rief, dass Solveig bei dem Unfall ums Leben gekommen war. Das war meine erste Begegnung mit dem Tod.« Er machte eine Pause und sah weg von mir. Leise fuhr er fort: »Ich habe an diesem Tag nur funktioniert. Begriffen hatte ich erst, was passiert war, als ich am Abend die Todesanzeige für die Firma schrieb. Mit einem Mal ging nichts mehr und ich dachte, nun sei alles vorbei. Aber man muss solche Situationen überstehen, um für’s Leben gewappnet zu sein. Man lernt in den schwierigen Phasen.«
Ich hatte auch schon Todesfälle in der Familie erlebt, aber das hier war etwas ganz anderes. Ich stellte es mir sehr schwer vor, damit richtig umzugehen.

»Was hast du gemacht?«, fragte ich.
Detlev hob die Schultern. »Vielleicht zu viel«, sagte er. »Ich weiß es nicht. Ich hatte mich verpflichtet gefühlt, engen Kontakt mit den Eltern zu halten, aber man kann es auch übertreiben, weil die Gegenseite es gar nicht verkraften kann, wenn sie immer und immer wieder erinnert wird. Die haben gar keine Zeit, ihren Verlust zu verarbeiten. Ich musste ihrem Wunsch entsprechen und die Besuche bei ihnen einstellen. Aber ich fahre heute noch einmal im Jahr an Solveigs Grab und stelle einen Strauß hin. Ich bin überzeugt, dass ihre Eltern wissen, dass er von mir kommt und akzeptieren das auch. Und sind vielleicht auch dankbar.«

Mein Gott, ging es mir durch den Kopf, dieser Unternehmer machte sich verantwortlich dafür, dass seine Angestellte auf dem Weg zur Arbeit in seine Firma verunglückt ist. Natürlich ist das eine schlimme Situation, die man niemandem wünscht, aber müsste für ihn nicht im Vordergrund stehen, wie es in der Firma weiter geht? Ich weiß nicht, ob er meine Gedanken erraten hatte, denn er fuhr fort, zu erzählen:
»Wir haben neue Leute eingestellt – nicht, um Solveig zu ersetzen, wir hätten sowieso neue Fachkräfte gebraucht. Heute weiß ich, dass es gar nicht möglich ist, einen Menschen zu ersetzen mit all seinen Erfahrungen und Fertigkeiten. Am Anfang habe ich gedacht, wir sind eine große Familie und bleiben sie auch, aber irgendwann ist die Familie so groß geworden, dass das nicht mehr funktioniert hat. Menschen haben eigene Pläne und Wege. Das musste ich früher oder später einsehen, auch wenn mir das immer schwergefallen war, wenn uns jemand verlassen hat.«
»Hast du mal ans Aufgeben gedacht?«, fragte ich ihn. Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich das durchgestanden hätte, wäre ich an seiner Stelle gewesen.
»Einmal ja«, sagte er. »Da hatten uns gleich zwei wichtige Leute verlassen. Im ersten Moment dachte ich, dass es ohne die nicht weitergehen kann. Aber dann fiel mir ein, dass ich all jenen in die Hände gespielt hätte, die mir den Erfolg nicht gegönnt hatten. Und da habe ich es begriffen, dass mit dem Hinfallen immer auch ein Lernprozess verbunden ist. Und irgendwie wollte ich es auch allen beweisen, dass ich es schaffen konnte. Heute bin ich stolz auf das, was ich geschaffen und geschafft habe.«
Das kaufte ich ihm ab.

Detlev erzählte mir noch, dass der Tod ihm mit Solveig nicht den einzigen wertvollen Menschen von der Seite gerissen hatte. Er hatte in der Firma gute und schwere Zeiten durchlebt. Wie er die einzelnen Situationen meisterte, hatte ihn zu einer Erkenntnis geführt, die heute für ihn eine wichtige Rolle spielte: »Ich habe erkannt, dass unsere persönlichen Entwicklungsprozesse in Zyklen ablaufen, und dass ein Zyklus sieben Jahre umfasst. Wenn ich zurückblicke, dann erkenne ich ganz deutlich, in welcher Zyklusphase ich mich befunden habe, als ganz bestimmte Dinge in der Firma, meinen Entscheidungen, oder in meinem Privatleben geschehen sind, und ich weiß auch, wo im Zyklus ich mich heute befinde. Das gibt mir die Möglichkeit, mein Leben besser zu verstehen und zu planen.«
Dann zeigte er mir eine kleine Scheibe mit zwei zueinander drehbaren Ebenen. Auf ihr waren er und seine Frau in drei Phasen ihres gemeinsamen Lebens abgebildet und eine Skala mit den Jahreszahlen von 1930 bis 2020. Die Skala durchlief drei Bereiche, die als »Erhalten – unerfahren«, »Geben – erfahren« und »Reife – weise« bezeichnet waren. Er stellte sein Geburtsjahr auf die Startposition und folgte der Skala bis zum jetzigen Jahr. »Ich befinde mich jetzt in einer ›Geben – erfahren – Phase‹«, sagte er mir. Er musste mir angesehen haben, dass ich skeptisch war, denn er schob mit etwas hektisch anmutender Stimme nach: »Also, nicht falsch verstehen, ich bin kein Wahrsager!«
»Und wofür ist sie dann gut, die Scheibe?«, fragte ich, immer noch etwas skeptisch. Und als er mich verständnislos anschaute, versuchte ich, selbst eine Antwort zu finden. »Kann es sein, dass du mit der Scheibe davon abhängig machst, ob du etwas Neues anfängst, oder Bestehendes sich entwickeln lässt?«
»Etwa so würde ich es auch beschreiben. Nach allem, was ich bisher erlebt habe und vielleicht nicht verstehen konnte, warum es so gekommen ist, möchte ich in irgend einer Weise vorbereitet sein.«
»Dann hast du dein Leben lang danach gesucht?«, fragte ich überrascht und zeigte auf die Scheibe.
Er drehte sie in seiner Hand, hob den Blick und sah mir in die Augen, dann nickte er und lachte. »Nicht nach der Scheibe«, sagte er schließlich, »sondern nach dieser Erkenntnis.«