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“Letztlich können mich keine Worte für immer zu dir bringen” von Lisi

Vor zwölf Monaten hat sich mein Freund, meine erste große Liebe, dafür entschieden, die Erdumlaufbahn zu verlassen. Ich war am Boden zerstört, vollkommen am Ende. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, nicht mehr atmen. Alles in meinem Leben war umhüllt von diesem undurchdringbaren Nebel aus Gefühllosigkeit. Endlose Stille, die mich ausfüllte, mich aufsaugte, ihre Krallen um mich schlang, mich mitzureißen drohte. Ein Ozean voller Gefühle, doch jedes einzelne zu verwaschen, um es deutlich wahrzunehmen. Ich wollte und konnte mir ein Leben ohne ihn einfach nicht vorstellen. Ich grübelte Tag ein, Tag aus wieso, weshalb, warum. Es verging kein Tag, an dem ich nicht an ihn dachte. Ich wünschte mir den Sommer zurück, den April, unsere Tage, unsere Nächte, unsere Gespräche. Ich wünschte mir unsere Beziehung, unsere gemeinsamen Momente zurück. Wie oft las ich Zeile um Zeile seines Abschiedsbriefes akribisch durch, fest davon überzeugt, irgendetwas übersehen zu haben. Der Grund dafür lag darin, dass mein Freund an schweren Depressionen litt und ich sowieso in der ständigen Angst lebte, nur ein falsches Wort zu äußern und ihn zu verlieren. Wie oft habe ich nachts wach gelegen, aus Angst, ihm sei etwas passiert. Umso mehr schmerzte es mich, zu lesen, dass er tatsächlich glücklich war, als wir zusammen waren, und er dennoch von mir ging. Mir war bewusst, dass er wollte, dass ich glücklich werde, aber zu diesem Zeitpunkt war ich einfach nur leer, ein emotionsloser Klumpen Materie, der gerade so noch existierte. Deswegen fing ich an, Briefe zu schreiben. Ein Jahr lang verfasste ich jeden Tag einen Brief an ihn. Das war mein Rettungsanker, mein letzter Halt, das Einzige, was mir noch blieb.

Am Anfang habe ich noch oft über unsere Beziehung reflektiert und ihn sehr vermisst. Mein Gott, wie sehr habe ich ihn vermisst. Ich wollte schreien, ich wollte weinen, ich wollte reden. Doch der Einzige, mit dem ich über seinen Tod reden wollte, war er selbst. Ich ertrug es nicht, an unser Glück zu denken; ertrug es nicht, an dieses kurz andauernde, innige Glück zu denken, es mir Tag für Tag anzusehen; mit ansehen zu müssen, wie glücklich sie waren, die anderen, jeder einzelne von ihnen. Ich habe mich isoliert, von der Außenwelt abgekapselt. Ich war gefangen in meiner Blase aus Vermissen und Erinnern. Was auch immer ich gesucht hatte – ich fand es in ihm. Für den Moment. Denn das war unsere Liebe: für den Moment. Ich wollte sie festhalten. Jedes Bild von ihm war ein Schlag ins Gesicht, jede Erinnerung wie ein Messerstich. Er hätte mir ebenso ins Bein schießen können, es wäre nicht annähernd so grausam gewesen wie der innere Schmerz. Denn im Grunde genommen gab ich mir die Schuld an allem. Ich hatte ihn nicht retten können. Und das war beinah unerträglicher, als ihn zu vermissen: dieses Gefühl, eine Enttäuschung zu sein. Nichts richtig machen zu können. Zu nichts zu gebrauchen zu sein.

Es hat lange gedauert – etliche Monologe, Wutausbrüche und Weinkrämpfe – bis ich begriffen habe, dass ich nicht für ihn verantwortlich war. Dass das mit uns nie mehr als ein Traum gewesen wäre. Ein Teil von mir starb dadurch irgendwie. Aber es hat mir eine Last von den Schultern genommen, ohne die ich wieder etwas freier atmen konnte.
Nach dieser Phase der Schuldzuweisung wurde ich wütend. Ich wurde so wütend, dass ich eines Sonntagmorgens an einen See lief, um meine Wut herauszuschreien. Ich gab ihm die Schuld am Scheitern unserer Beziehung, an meinem zerrütteten Zustand. Emotional war ich immer noch so fragil wie eine Pusteblume. Ich hatte mehrere Nervenzusammenbrüche, die auch meine Mutter zunehmend belasteten. Aber über meine Umwelt konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken machen. Ich stellte die Beziehung in Frage. Ich warf ihm vor, mir nie gezeigt zu haben, dass er mich liebt, mich lediglich in seine schönen Worte verliebt gemacht zu haben. Mir waren die Tränen, die zahlreichen Tränen, die ich wegen ihm vergossen hatte, zu schade. Es widerte mich an, wie euphemistisch überzeichnet meine Erinnerungen waren. Dabei war es nie so, wie ich es mir gewünscht hatte. Es war perfekt, als er bei mir war, aber der Rest wie tausende Gewitter. Das Warten war das Schlimmste. Ich wusste nie, ob er zurückkommt. Ich beschuldigte ihn, mich zurückgelassen zu haben, dass er nie da gewesen war, als ich ihn gebraucht hätte.

Viele Briefe später sah ich ein, dass es auch nicht seine Schuld war, dass er mir nicht geben konnte, was ich gebraucht hätte. Vielleicht sollte das mit uns nicht sein. Vielleicht passten wir ja nicht zusammen. Vielleicht verlieben wir uns in Momente, nicht aber in Menschen.

Unsere Zeit, so schön wie sie war, brachte uns keiner zurück; so wie es war, würde es nie wieder sein. Auch wenn ich danach im Wesentlichen stabil war, gab es doch Tage, an denen mich meine Psyche niederwarf. Manchmal konnte ich nicht in die Schule gehen, aß nichts und hatte permanent das Gefühl, einen Presslufthammer im Kopf zu haben. An diesen Tagen wusste ich nichts mit mir anzufangen, saß nur da, starrte die Wand an und wartete, dass die Zeit verstrich. Sekunden wurden zu Minuten, die zu Stunden wurden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Doch ich habe nicht mehr geweint. Es flossen einfach nur stetig die Tränen.

Die letzte Zeile seines Abschiedsbriefes las: “Ich habe schon viel zu lange auf einen Menschen wie dich gewartet. Aber letztlich können mich keine Worte für immer zu dir bringen. Leider.“ Wie oft hatte ich mir gewünscht, es gäbe sie. Doch mittlerweile komme ich auch ohne ihn zurecht. Nur manchmal denke ich noch an ihn und es erschreckt mich ein wenig, dass ich noch ohne ihn leben und glücklich sein kann, auch wenn ich vor zwölf Monaten am liebsten gestorben wäre. Ich hatte Angst, wieder glücklich zu werden. Ohne ihn. Aber ich habe es geschafft und unsere Zeit ist deswegen nicht weniger wertvoll. Heute sind es nur noch Erinnerungen, kein Schmerz, kein Gefühl; nur die Erinnerungen an glückliche Tage. Ich werde ihn immer lieben, nur nicht auf diese Weise. Ein Teil von mir wird es immer bedauern, dass es nie so war, wie es hätte sein können.

Auch wenn er mich verlassen hat, so wird er doch immer meine erste, große, allumfassende Liebe bleiben. Und dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Es tut mir leid, dass ich dich nicht retten konnte.