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“Ich und Claudia Schiffer” von Vera Schreiber

„Guten Morgen“, sage ich mit viel Elan zu meinem müden Spiegelbild. Das schaut ziemlich grimmig zurück, ohne etwas zu entgegnen.

„Na klar, mal wieder nicht Claudia Schiffer, die mich ansieht!“

Nix mit groß, blond, geschminkt, schlank, – nee mein blank geputzter Spiegel zeigt mir eher das genaue Gegenteil: Klein, dunkel, zerruschelt, und na ja, lassen wir das. Kein Wunder nach dem spektakulären Abend bei meinen Nachbarn.

Das war aber auch eine zauberhafte Silberhochzeitsfeier, und das reichhaltige Büfett erst! Da lagen lauter leckere Sachen auf glänzenden Spiegeln angerichtet, und so drapiert sah alles gleich doppelt lecker aus. Gefüllte Hackröllchen, in Zucchini eingewickelter Ziegenkäse, verschiedene Antipasti, Fleischstücken mit und ohne Mantel, in Speck gewickelte Böhnchen, Spargel in – nein bloß nicht an die Soße denken, das kostet ein Kilo extra.

„Ehrlich, ich habe von sämtlichen Häppchen nur ein ganz klein wenig probiert. Nein noch nicht mal von allem, das mit Ziegenkäse hab ich weggelassen. Da war ich ganz standhaft.“

Jemand im Spiegel schüttelt den Kopf, was so viel heißt wie: „Du magst ja gar keinen Ziegenkäse.“ Als die aufgeregte Nachbarin gestern Abend dann auch noch mit einem Glas Sekt vorbeikam, habe ich das Addieren im Kopf (von wegen 1 Glas Sekt = 80 kcal) einfach ausfallen lassen. Da schmeckt sonst alles nur noch nach schlechtem Gewissen.

Ja, ich kannte sie mal alle – die unzähligen Diäten, die wertvollen Tipps und vernünftigen Hinweise zum bewussten Abnehmen: Vor dem Essen einen halben Liter Wasser trinken, kleine Teller benutzen, Kalbfleisch ist besser als Schweinefleisch … Hat aber auch nichts genützt, mein Gewicht blieb standhaft.

Mein Kopf musste ganz langsam, durch jahrelanges Experimentieren erkennen, was meine Waage schon seit Langem wusste: Nur bewusstes Abnehmen (sprich: FDH) und dazu reichlich Bewegung helfen auf Dauer. Dieses Gerät, auf das ich mich jeden Tag quäle, ist so stur! Die schummelt kein Bisschen.

„Ha, aber einmal hab ich es geschafft, den Frühwert um 200 g zu reduzieren! Ich habe die Waage verrückt. Ja! Das hat geholfen, aber nur mir oder besser meinem Kopf, und nur kurz.“

Also gebe ich nicht auf beim täglichen Kampf um weniger Gewicht, und seien es nur ein paar Gramm.

Ich werde mich also zu einem ausgiebigen Spaziergang aufraffen und das schöne Wetter genießen.

„Tschüss, Claudia vielleicht sehen wir uns morgen? Gleiche Stelle, gleiche Zeit?“

Mit einem energischen Ruck drehe ich meinem ungläubigen Spiegelbild den Rücken zu.