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“Ich tauche ab. Und wieder auf.” von DanielA

Ich tauche ab.
In das Wasser und in meine Welt.
Der erste Moment im Schwimmerbecken erscheint mir immer einen Tick zu kalt. Er kostet ein bisschen Überwindung und geht doch schnell vorüber.
Die Schwimmbrille sitzt.

Nun stoße ich mich ab und los geht’s mit dem Schwimmen. Schwimmen ist mein Lieblingssport. Als Schülerin konnte ich in meiner Großstadt regelmäßig einmal die Woche mit Straßenbahn und Bus zur Halle fahren. Nach meinem Umzug nach Mittweida bin ich seit 20 Jahren nicht mehr regelmäßig zum Schwimmen gekommen. Meine Zeit rauschte an mir vorbei. Erst war es die Arbeit mit Abendstudium, später unsere Kinder und Ehrenämter. Alles wichtig, alles prima. Klar waren wir als Familie immer mal wieder im Bad. Doch das ist für mich eher Planschen und kein Schwimmen. Auch schön, aber anders. Jetzt, da jedes unserer Kinder sein Seepferchen oder schon weitere Schwimmabzeichen hat, kann sich das bald ändern.

JETZT bin ich jedenfalls froh, dass ich heute allein im Schwimmbad sein kann. Ich schwimme Bahn für Bahn. Auf und Ab. Jeden Zug über Wasser und unter Wasser. Beim Einatmen hole ich mir freizügig und rasch Luft. Beim Ausatmen unter der Wasseroberfläche blubbern langsam die Luftblasen an meinem Gesicht vorbei nach oben. Alle Geräusche verschwimmen wie bei einem Bild im Weichzeichner. Ich höre nur noch ein stetiges und doch abwechslungsreiches Rauschen, Blubbern und Zischen. Meine Umgebung verliert sich. Ich weiß, dass noch andere Mitmenschen in diesem Bad anwesend sind. Und doch nehme ich sie gar nicht wahr. Ich achte nur darauf, mit niemandem aus Versehen zusammen zu stoßen und hänge meinen Gedanken nach. Alltagsdinge kommen mir in den Sinn, Probleme fallen mir ein, Wünsche machen sich bemerkbar. Alles kommt und geht. Das Wasser umschließt mich vollends, trägt mich leicht und lässt mir doch alle Bewegungsfreiheit. Es ist mein Freund, mein Therapeut, meine Nahrung.

Ich sehe das Wasser glitzern. In den letzten Tagen war sehr trübes Winterwetter. Die Sonne nun scheint durch die große Seitenscheibe der Schwimmhalle und bringt das kühle Nass zum Strahlen. Wobei – kalt empfinde ich es schon lange nicht mehr. Nach der ersten Bahn schon war es mir warm genug. Kleine Luftblasen reflektieren im Becken einzelne Sonnenstrahlen. Das sieht ganz lustig und leicht aus – wie ein Spiel im Traumland. Diese funkelnden, immer wieder glitzernden, kleinen Blasen steigen schwerelos mal hinauf, mal hinab. Am Boden des Schwimmbeckens sehe ich die Sonne in weiß-blau-grün-gelben Tönen zappeln. Dieses sich immer wieder bildende, pulsierende Muster über dem Edelstahl erinnert mich an Amplituden von einem Bildschirm eines ärztlichen Gerätes. Ein Herzschlag, denke ich. Meiner? Ich genieße jede Bahn und verliere jedes Zeitgefühl – bin einfach nur da. Ich wende mal wieder.

Eine Wärme der Dankbarkeit macht sich in mir breit. Dankbarkeit für die Zeit, dass ich seit ein paar Monaten wieder regelmäßig einmal in der Woche zum Schwimmen fahren kann. Dankbarkeit, dass ich das Geld für den Eintritt zahlen kann. Dankbarkeit, dass es in Burgstädt ein Schwimmbad gibt. Dankbarkeit, dass ich ein Auto habe, mit dem ich dorthin fahren kann. Dankbarkeit, dass ich gesund bin. Dankbarkeit, dass ich als Kind das Schwimmen so gut lernen konnte. Dankbarkeit, dass heute im Bad auffällig wenig los ist, so dass ich nicht – wie sonst üblich – im Zick-Zack immer anderen Schwimmern ausweichen muss.
Ich genieße.

Doch was ist das?
Bei geschwommener Bahn Nr. 41 fällt mir auf, dass drei Reihen neben mir die Sonne genau auf die Wasseroberfläche trifft. Das sieht toll aus! Ich stelle mir vor, wie dort auch meine Haut von der Sonne beschienen werden würde. Am liebsten möchte ich sofort weiter drüben schwimmen. Doch diese Bahn nutzt bereits ein älterer Herr. Es gebührt mir natürlich der Anstand, mich nicht noch mit hinzudrängeln. Dabei pickst mich ein kleiner fieser Kerl: der Neid! Ich gebe es unumwunden zu.

So schwimme ich einfach weiter – viel Brust und zwischendurch auch mal Rücken, ohne Pause. Nur meine eben genossene warme Dankbarkeit kühlt ein Stück ab. Das ärgert mich unfreiwillig. Ich ziehe gerade meine 67. Bahn. Da hat der ältere Mann genug und wechselt zur Erholung ins Nichtschwimmerbecken. Sein Platz wird frei. Insgeheim freue ich mich und wechsele meinen Schwimmplatz dahin – voller Erwartung auf die dort auftreffenden Sonnenstrahlen. Doch ich muss feststellen: Alles ist eine Frage der Perspektive. Der Ort, der mich die ganze letzte Schwimmzeit als so schön und schillernd lockte, konnte meine Erwartung nicht füllen. Denn von dort aus machte es wiederum den Anschein, als ob die Strahlen von hier ebenfalls weiter links aufs Wasser treffen würden. Ich musste schmunzeln und ertappte mich bei meinem aussichtslosen Unterfangen. Wie ein Kind, das zum Regenbogen will. Etwas amüsiert über mich schwimme ich weiter – nun wieder selig meine letzten Bahnen. Ich steige aus dem Becken heraus und habe wieder harten Boden unter mir. Dort schnappe ich mir meine paar Sachen.

Unter einer heißwarmen Dusche ziehe ich die Verknüpfungen meiner Gedanken im Wasser zu meinem oder anderer Leben. Wie oft versucht nicht der Eine oder Andere irgendwo hin zu kommen, um am Ziel dann erst zu merken, dass es da gar nicht so wundervoll ist, wie man sich das immer ausgemalt hatte. Und dass man sich vergebens angestrengt hat. Und dass man es doch eigentlich längst guthatte. Ich drehe den Duschdrehknauf auf blaues „Eiskalt“. Welch ein Kick! Körperlich und seelisch aufgetankt verlasse ich das Schwimmbad und fahre gestärkt zurück in meinen Alltag.
Ich tauche auf. Und habe es gut!