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“Hermes-Fahrt” von Lassana

Ich bin heute früh total übermüdet und traurig. Ich arbeite langsam, damit ich keinen Unfall baue oder eine Treppe runterfalle beim Pakete austragen. Als ich eine Freundin treffe, fragt sie mich kopfschüttelnd, ob ich auch mal was Schönes zu berichten hätte. Mein eigenes Auto ist wieder kaputt und ich musste mir für die Arbeit ein anderes Fahrzeug borgen. Sie hat mich gedrückt und den passenden guten Spruch gehabt. So habe ich drei Tränen verdrückt und bin weitergefahren …

Dann sehe ich Till Teddy in der Stadt. Die Leute nennen ihn den Crystal-Maik. Aber er nimmt keine Drogen. Das kann man eigentlich erkennen. Er hat einfach irgendwann seinen Schalter umgelegt. Er lacht immer, lacht uns aus. Die Kinder hänseln ihn und die Erwachsenen ignorieren ihn, denn wie Till Eulenspiegel hält er ihnen mit seinen Liedern zur Mandoline einen Spiegel vor. Nur hat er seinen Teddy statt der Eule an seiner Seite. Ich sehe ihm nach. Ja, aussteigen und Auto abschließen, das wärs. Aber ich fahre weiter … Er hat mir ein Lächeln herbeigezaubert.

Oma Seidel war schwer krank. Heute hat sie das erste Mal ihre Perücke abgenommen. Ihre Haare sind nachgewachsen. Sie sieht so lebendig und jung aus mit ihren silbernen, kurzen Löckchen. Ich muss ihr das einfach so sagen. Sie strahlt mich an und erzählt es gleich stolz der Nachbarin, die gerade die Treppe heraufkommt. Dann fahre ich über die Dörfer. Lange betrachte ich das schönste Wildblumenfeld, bis ich merke, dass der Kunde schon an der Pforte auf sein Paket wartet. Eine überfahrene Katze liegt auf der Straße. Ich ziehe sie an den Straßenrand und suche im Maisfeld ihre Babys, denn sie hatte Milch. Aber ich finde sie nicht. So klingele ich im nächsten Dorf am ersten Haus und gebe Bescheid. Irgendwo warten ja kleine Katzen auf ihre Mama. Dann bewundert ein Kunde den Knoblauch, den mir der Waldheimer gestern geschenkt hat und ich mache ein bisschen Reklame für seinen Selbstversorgerhof. Ich muss mich beeilen, fahren …

Es dämmert schon fast, als ich meine Tour endlich beenden kann. Zu Hause hat eine unbekannte Elfe Himbeeren aus dem Wald gebracht und auf dem Esstisch abgestellt. Das hat man davon, wenn man die Haustür nicht abschließt. Mein Herz lacht. Nach einem kurzen Schlaf stelle ich fest, dass mein Mann schon die Tiere versorgt, das Chaos in der Küche beseitigt und Essen gekocht hat. Ich konnte mich in Ruhe in den Hühnerstall setzen und die neu geschlüpften Küken bewundern. Und jetzt trinken wir unseren Feierabend-Tee.

Das Resümee: Im Osten nichts neues, aber doch ein Tag voller kleiner schöner Geschichten. Man muss nur hinsehen und hinhören.

Ich weiß es jetzt: Ich fahre nicht Pakete aus, ich treffe Menschen. So kann ich es ertragen. Für alle, denen mal wieder die Last der Tage zu stark auf die Schultern drückt.

 

 

 


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