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“Gott nähern” von Johannes Krebs

(c) 2017 Silke Dietze Fotozirkel Mittweida

Wie Gott für mich ein Mensch wurde

Mitten im schrecklichen Weltkrieg wurde ich als siebentes von acht Kindern in eine gottesfürchtige Gärtnerfamilie hineingeboren. Den Tageslauf bestimmte die Arbeit in der Gärtnerei, auch an den Samstagen und am Sonntag, und wir Kinder mussten unseren Beitrag je nach Alter dafür einbringen.

Zum Tag gehörten auch die Gebete vor den Mahlzeiten, danach und vorm Einschlafen: „Ich bin klein, mein Herz mach rein. Soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Über den Inhalt meiner Gebetsworte machte ich mir als Kind keine Gedanken, es war mir mehr eine – nein, nicht lästige, aber eine Pflicht; zumal Mutter neben mir die Ausführung überwachte. Manchmal , wenn ich mich nach einer Zärtlichkeit von ihr sehnte, trug ich das Nachtgebet mit Inbrunst vor. Dann strich sie mir mit ihrer arbeitsharten Hand übers Haar. Das war schon der Gipfel der Zuneigung, die sie zeigen konnte.

Wir gehörten der Altlutherischen Dreieinigkeitsgemeinde Chemnitz/Karl-Marx-Stadt an. Weil der Weg zur Kirche auf dem Kaßberg zu weit war angesichts der Arbeit in der Gärtnerei, kam der Pfarrer einmal im Monat am Sonntagnachmittag zu uns nach Mittweida. Es wohnten auch noch fünf oder sechs Altlutheraner in der Stadt. Bevor sich die kleine Gemeinde in unserer bestuhlten guten Stube versammelte, wurden mein Bruder und ich als noch nicht Konfirmierte vom Pfarrer abgehört, ob wir die aufgegebenen Sprüche der Bibel auch fehlerfrei hersagen konnten. Manchmal lobte er uns, manchmal mahnte er: „Das nächste Mal aber besser!“ Dabei drohte er mit dem Zeigefinger und verteilte die Lernaufgaben für den nächsten Monat.

Ich habe viel über einen allmächtigen Gott gelernt und kann heute noch Bibelzitate fehlerfrei hersagen, aber verstanden hatte ich sie nicht. Keiner – weder Pfarrer noch Mutter oder Vater – kam auf den Gedanken, uns Kindern den Sinn der Sprüche zu erklären. Und zu fragen trauten ich mich nicht. So blieb Gott eine anonyme Respektsperson, nicht fassbar für meine Seele.

In den Schulferien im Sommer durften Bruder Hermann und ich oft für eine Woche zu Vaters Schwester Maria nach Limbach bei Mügeln fahren. Sie und ihr Mann besaßen dort einen kleinen Bauernhof mit zehn Hektar Ackerland, sechs Kühen, fünf Schweinen, Hühnern und den Zugtieren Kaltblutpferd sowie Ochse.

Auch wenn es bei Tante Maria wieder viel zu tun gab für uns Kinder, freuten wir uns jedes Jahr auf die Fahrt mit der Kleinbahn, die uns nach Mügeln brachte. Die fünf Kilometer zu Fuß bis Limbach

dämpfte die gute Stimmung nicht. Auf uns warteten Landabenteuer: Kühe und Pferd striegeln, Eier aus den Nestern nehmen, zum Heu wenden mit dem Fahrrad auf die Wiese fahren. Damit wir den Rechen mitführen konnten, schraubten wir den Sattel ab, steckten den Rechenstiel aufrecht in die Satteltülle. Wie eine Standarte ragten die Rechen in den Sommerhimmel. Wir waren unheimlich stolz auf unsere Erfindung. Bei Tante Maria hatten wir auch wesentlich mehr Freiheiten. Abends schickte uns keiner ins Bett und ob die Füße gewaschen waren, wurde auch nicht kontrolliert. Tante Maria war unser Kinderurlaub.

An einem heißen Tag waren wir alle dabei, das Heu vor dem angesagten Gewitter rechtzeitig einzufahren. Die Rechen flogen förmlich, um das duftende Winterfutter zunächst zu Wällen, dann zu Haufen zu formen, damit diese auf dem Heuwagen kunstvoll gestapelt zum Fuder wurden, das zuletzt im Wettlauf mit dem drohenden Unwetter als Sieger in die Scheune einfahren musste.

Da kam auf dem an der Wiese vorbeiführenden Weg ein alter Mann heran gehastet. Auf den Stock gestützt, zog er keuchend einen Handwagen. Als er Hermann und mich sah, hielt er an und flehte: „Jungs, ihr habt junge Beine! Ich knie mich in den Handwagen, ihr trabt los und bringt mich nach Hause.“ – Wir zögerten, wir hatten zu tun. In seiner Gewitterfurcht lockte der Alte mit einem Angebot: „Wenn ihr mich nach Hause bringt, bevor das Unwetter da ist, dürft ihr auf meinen Kirschbaum steigen. Ihr könnt so viel essen wir wollt.“ Mit Erlaubnis unseres Onkels – im Dorf kann man dem Suchenden die Hilfe nicht ohne Folgen ausschlagen – trabten wir los, den Alten kniend im Handwagen. Vor Blitz und Donner waren wir an der Haustür und im nächsten Moment auf dem Kirchbaum. Barfuß, wie wir waren, hätten wir’s mit einem Affen aufnehmen können.

Oben angekommen, ließen wir uns die Kirschen schmecken. Blitz und Donner verzogen sich. Wir befürchteten, dass der Alte bald in der Tür erscheinen würde und stopften von nun an die Kirschen in unser geöffnetes Hemd. Tatsächlich rief es bald von unten: „Jetzt habt ihr genug gegessen, kommt runter!“

Mit unseren aufgebauschten Kirschenhemden machten wir es uns zu Hause auf dem Heuboden bequem und verspeisten genüsslich den Vorrat.

Abends im Bett – War’s durch die Gewohnheit des täglichen Nachtgebets? – wurde mir Gott zum ersten Mal zu einer realen Gestalt. Der, zu dem ich jeden Tag betete, wollte mich mit Kirschen belohnen für die gute Tat. Damit die Belohnung angemessen reichlich ausfiel, hat er Gewitter und Regen weggeschoben.

Von nun an war Gott für mich so etwas wie ein Zweitvater im Himmel, der mich kennt und und mir Gutes tut, wenn ich anderen Gutes tue. Da unterschied er sich von meinem Erdenvater. Bei ihm waren gute Taten Selbstverständlichkeiten. Hermann und ich hatten seine Forderung verinnerlicht: „Tragt den Frauen, die durchs Gärtnereitor kommen, die schweren Taschen!“

Wochen später. Der beginnende Herbst färbte schon die Blätter. Wie so oft spielten wir Kinder am Abend auf dem Tzschirnerplatz Völkerball.

– Immer waren für Spiele Kinder zur Stelle, um beim Kreiseln, Halli-Hallo oder Kugelschieben die Kräfte zu messen. Ich glaube, der Tzschirnerplatz war der kinderreichste Teil Mittweidas. Wir waren ja auch mit acht Geschwistern gut vertreten.

Noch heute findet jährlich ein Tzschirnerplatztreffen der Kinder von damals statt und es kommen dreißig bis vierzig inzwischen ergraute Freunde zusammen. –

Bei unserem Völkerballspiel flog der Ball über den Zaun des Gärtchens von Opa Wieland – nicht zum ersten Mal und der konnte sich lautstark darüber aufregen. Manchmal kassierte er unseren Ball und gab ihn erst nach Tagen heraus. Wir konnten den Alten deshalb nicht gar so gut leiden.

Diesmal war er nicht im Garten und ich erbot mich, der Held zu sein, der den Zaun überklettert. Alles ging gut, Opa Wieland war nicht in Sicht. Ich warf den Ball zurück und dachte mir:

Pflück gleich noch ein paar von den Birnen, Sorte Winterdauer. – Die Rache ist süß!

Als ich zurückkletterte, rutschte ich am Zaun ab, aber erst unten merkte ich, dass ein herausstehender Astrest eine klaffende Wunde quer über die linke Kniescheibe gerissen hatte. Ein richtiger Held klagt nicht vor den Kameraden und so band ich mir ein nicht ganz taufrisches Taschentuch um die den blutenden Riss. Die Freunde probierten die Birnen und spuckten sofort aus. Sie waren nicht süß wie meine Rache, sondern steinhart , völlig ungenießbar. Sie landeten angeknabbert wieder im Garten.

Für Mutter musste ich mir eine Geschichte ausdenken, die Wahrheit war zu heikel.

Im Bett erschien Gott in meinem Kopf. Fast hörte ich ihn sagen: Du hast unreife Birnen vom Baum geklaut, nicht aus Appetit, sondern weil du dem Alten sein Schimpfen heimzahlen wolltest. Damit du erkennst, dass du schlecht gehandelt hast, habe ich dir den Denkzettel verpasst.

Mein himmlischer Vater Gott bestrafte also, wenn ich Unrecht tat. Auch hier unterschied er sich von meinem Erdenvater. Der sah nicht alles, ich konnte bei ihm einer Strafe entkommen.

Von da an hatte Gott für mich menschliche Züge bekommen. Ich integrierte ihn sozusagen in meine Familie. Und wenn mir bewusst wurde: Was du jetzt tun willst, könnte Gott nicht gefallen, zog ich mein linkes Hosenbein hoch und betrachtete die Narbe auf der Kniescheibe. Das half – manchmal.

 


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