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Erinnerungen einer 80 Jährigen am 20. Mai 2017 von anonym

Vor dem Märchenzimmer des Müllerhofes steht ein großer Aufsteller, der zum Geschichten erzählen einlädt. Einen kurzen Blick hineinzuwerfen verlockt er auf jeden Fall. Auf dem Ohrensessel der letzten Bauernfamilie Ernst und Johanna Müller sitzt eine Frau im schwarzen Kleid und wartet. Plötzlich ein Stock in der Tür, weiße Haare und ein leuchtend roter Pullover, eine braune Handtasche. Bestimmt und entschieden setzt sich die alte Dame, die zu diesen Insignien gehört, auf die Fußbank vor dem Ohrensessel und beginnt mit ihrer Geschichte:

Als ich 3 Jahre alt war, ist meine Mutter hier in der Geburtenstation von Mittweida am Kindbettfieber gestorben. Mein Bruder hat überlebt. Wir schreiben das Jahr 1940. Meinem Vater wurde nur ein Jahr Zeit gegeben, um eine Frau und Mutter für zwei kleine Kinder zu finden. Es gab keine große Auswahl. Die Stiefmutter konnte mit Pferden umgehen, aber nicht mit Kindern.
1945 ist mein Vater nicht von der Front wiedergekommen, da war ich 8 Jahre alt; kein Brief, kein Ton, kein Geld. Er wurde etwa 1941 eingezogen und ist nur einmal zu Besuch gekommen. Da ist er wie ein Blinder im Schlafzimmer rumgelaufen und wollte uns mit der MP erschießen. An dieses Ereignis erinnere ich mich bis heute. Er wusste, dass er nicht wiederkehrt. Aber die Stiefmutter hat ihn davon abgehalten. Die Stiefmutter war oft krank. Sie hat es nicht verstanden, für uns Vollwaisenrente zu beantragen, sondern nur Halbwaisenrente. Anstatt 35 Mark hätten uns 55 Mark zugestanden und damit wären wir durchgekommen. So litten wir große Not.
Mit 12 oder 13 Jahren hat mich ein Onkel in die Landwirtschaft aufgenommen. Dort war die Arbeitszeit sehr lange von 5 bis 19 Uhr, und wir mussten sehr hart arbeiten. Morgens ging es in den Stall zu den Kühen und dann aufs Feld. Nur die Großmütter durften die Küche machen, alles was jünger war, musste raus. Bis ich 18 Jahre alt war, habe ich nur einmal Plinsen, das waren Eierkuchen, gebacken. Samstag und Sonntag wurde in den Erntemonaten durchgearbeitet. Ansonsten hatte ich am Sonntag von 13-17 Uhr frei. Ich bewohnte eine eigene Kammer, die nicht beheizt war. Das war jedoch nicht schlimm, weil ich eh von der schweren Arbeit fertig gewesen und gleich ins Bett gefallen bin.
Als Waisenkind wurde ich einmal untersucht, kurz bevor ich 18 Jahre alt geworden bin. Sie stellten schwere gesundheitliche Schädigungen fest, wie Herzschwäche, Rückenschäden und die Finger bringe ich bis heute nicht auseinander, weil ich immer einen Stiel in der Hand hielt. Als ich 18 Jahre war und über mich bestimmen konnte, bin ich nach Mittweida gezogen, um ein neues Leben zu beginnen.

 


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