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“Eine Pilgerreise auf dem Weg zu mir” von Yvonne Simon

Grauer kalter Februar – der Regen peitscht an die Dachfensterscheiben. Heute habe ich die letzten Kisten mit den ausrangierten Dingen entsorgt. “Es reist sich besser mit leichtem Gepäck”, singt Silbermond, meine Hymne der letzten Monate. Sie hat mich beflügelt, immer weiter zu räumen. Jedes Zimmer, jeden Schrank, jedes Regal habe ich auf den Prüfstand gestellt, und damit Erinnerungen aufgewühlt, aufgeräumt, aussortiert und jede Menge Platz geschaffen. Es fühlt sich leer an – nicht nur die Wohnung, auch in mir. Ideenlos, erschöpft, ausgebrannt – keine Spur von Leichtigkeit. Die Entrümplungsaktion steht am Ende einer Reihe von schwierigen Jahren. Die Diagnose meines Mannes und sein Tod im Sommer 2012 hatten alles verändert.

Wie ein Film laufen die letzten vier Jahre vor meinem inneren Auge ab – die einsamen Momente und auch die intensiven mit meinen Freunden, die mich durch die schweren Tage getragen haben. Sonnenschein und Regen – Leben – trotz allem. Weitergemacht jeden Tag – bis heute. Platz geschaffen – doch wofür? Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung.

Einige Tage später treffe ich einen guten Kollegen aus längst vergangenen Tagen. Unser Gespräch ist sehr intensiv, kein Platz für Belanglosigkeiten, dicht an dicht drängeln sich die essenziellen Themen, über die wir uns austauschen. Seelenverwandt – so fühlt es sich an. Es gibt keine Tabus – Spiritualität, Lebenswege, Lebensziele – ein Abend voller Impulse und ich nehme jeden davon mit vollem Bewusstsein auf.

Wir reden und reden und dann passiert es – einfach so und erst einmal völlig unbemerkt. Wir sprechen über Hape Kerkelings “Ich bin dann mal weg” und über meinen langjährigen Wunsch, den Jakobsweg zu pilgern. Zu lang, zu schwer, viel zu weit entfernt von meinem Alltag – so bisher meine Überlegungen dazu. Und auch hier hat er eine Idee für mich. Er ist selbst den Camino Português gelaufen – von der portugiesischen Atlantikküste bis zum galicischen Santiago de Compostela, dem Ziel aller Pilger auf dem Weg des heiligen Jakobus. 240 Kilometer für innere Einkehr, zum Entscheidungen treffen, Wandern, Natur genießen – die Idee setzt sich fest in mir, lässt mich nicht mehr los, will gelebt werden. Noch ist nicht klar, wie wegweisend – im wahrsten Sinne des Wortes – und lebensverändernd dieser Abend sein wird.

Genau elf Wochen später sitze ich mit Wanderschuhen an den Füßen im Flieger und staune kurz darauf, wie viele Rucksäcke mit angepinnter Jakobsmuschel auf dem Gepäckband des Flughafens in Porto an mir vorbeiziehen. Ab heute bin ich Pilgerin mit meinem nagelneuen Credential, dem Ausweis, der dies nun auch offiziell bestätigt.

Im schlimmsten Fall wird es ein dreiwöchiges Schweigeretreat, denke ich noch bei mir, als mich im gleichen Moment die ersten Pilgerinnen ansprechen. Und so wird es bleiben – drei Wochen lang. Menschen, die mir auf dem Weg begegnen, mich ein Stück begleiten, ihre Geschichten mit mir teilen. Wir alle haben das gleiche Ziel, das uns tief miteinander verbindet. Es heißt, der Jakobsweg gibt dir immer genau das, was du gerade brauchst. Keine Ahnung, wie dieses Mysterium funktioniert. Klar ist nur, dass es funktioniert. Von solch einfachen Dingen wie der vergessenen Wasserflasche, deren Verlust mir erst im tiefsten Wald bewusst wird und dem Verkäufer, der tatsächlich – völlig ungewöhnlich und unerwartet – mitten im Wald Wasser verkauft, bis hin zu meinen Wegbegleitern, die immer genau passend zu den Themen dazukommen, die ich gerade für mich innerlich bewege.

Der Camino gibt mir so viele Anregungen. Meine Schritte bestimmen den Rhythmus, das Klappern der Wanderstöcke ist meine Meditation. Und meine Entscheidung, nach meinem Einzug nach Santiago, noch die vier Tage dranzuhängen, um bis nach Finisterre, “dem Ende der Welt” am Atlantik zu wandern, ist die Beste überhaupt. Das Meer ist meine Kathedrale – spätestens beim ersten Blick auf den Atlantik nach den langen Inlandwanderungen und meinem unbeschreiblichen Glücksgefühl dabei, wird mir das fast schmerzlich bewusst. Obwohl dieses wunderbare Gefühl kaum zu überbieten ist, treffe ich hier in Finisterre wichtige Weggefährten meiner Pilgerreise wieder und kann mein Glück kaum mehr in Worte fassen.
Ich bin eine Andere, als ich nach drei Wochen in Deutschland aus dem Flieger steige, innerlich fester und voller Dankbarkeit für das Zugehörigkeitsgefühl, das ich auf meinem Pilgerweg erleben durfte.

Der Rest ist schnell erzählt. Meine Veränderungen ziehen weitreichende Konsequenzen für mich nach sich. Nach fünfundzwanzig Jahren im Angestelltenverhältnis bringe ich den Mut auf, meinen Arbeitgeber um einen Aufhebungsvertrag zu bitten. Mein neues “Ich” hat neue Ziele. In den drei Wochen meiner Pilgerreise habe ich viele Gespräche mit Menschen geführt, die meinen Mut und meine innere Stärke bewundert haben. Eigenschaften, die ich bei mir selbst noch nie so gesehen habe …

Ich erkannte im Spiegel ihrer Reaktionen erstmals klar und zutiefst berührt, dass ich durch meine Erfahrungen mit der Krebserkrankung meines Mannes, durch das Begleiten seines Sterbens und durch meine Art der Verarbeitung des Erlebten auch Anderen etwas zu geben habe. Die Besinnung auf mich selbst, auf meine eigenen Stärken, die Bedeutung der Tatsache, dass ich lernen konnte, mit mir selbst und meiner Seele im Reinen zu sein und auch das Alleinsein genießen zu können – das waren für mich wichtige Überlebensstrategien. Könnten sie das nicht auch für andere sein?!

So blitzte auf dem Jakobsweg erstmals eine Idee über einen möglichen neuen Berufsweg auf, den ich inzwischen zu gehen begonnen habe: Ich möchte Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben, sie in schwierigen Lebenssituationen unterstützen, bei Veränderungsprozessen begleiten und die Werbetrommel für Mut und den Glauben an die eigene Stärke rühren – weil ich weiß, dass es sich lohnt. Auf dem Weg zu sich selbst und auch als Vorbild für andere.

 


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