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“Die Gewinner” von anonym

oder: Hilfe anzunehmen ist ein mutiger Schritt

Am Strand ist es ruhig. Mit leisem Plätschern kriechen kleine Wellen an ihm hoch. Das Wasser wogt träge auf und ab und schimmert silbrig in der Morgensonne. Trotz dieser friedlichen Stimmung kreisen meine Gedanken schon wieder um das Meer mit seinen bedrohlichen Unwägbarkeiten. Denn ich muss, wie alle Tage zuvor, wieder hinaus, egal wie es sich gebärdet, um das nächste Eiland am Horizont zu erreichen. Ich kann es durch den Morgendunst in der Ferne erahnen. Diese Insel inmitten des mir feindlichen, tosenden Meeres verspricht mir zwei Tage Ruhe und Entspannung, bevor es auf die nächste Etappe geht …

Mein kleines Ruderboot, schon von zahlreichen Zweikämpfen mit dem Meer gezeichnet, liegt abfahrbereit im seicht auslaufenden Wasser und tanzt, von zarten Wellen umspült, ungeduldig hin und her. “Steig endlich ein”, will es damit andeuten. Ich schiebe es so weit ins Wasser, bis es mich zu tragen vermag. Dann lege ich mich kräftig in die Ruder…

Wie schon befürchtet, braut sich nach einem Stück der Strecke auch heute wieder ein Unwetter zusammen. Es beginnt zu stürmen. Dunkle Wolken türmen sich auf und verdecken die Morgensonne. Das Meer gerät in Wallungen und verwandelt meinen Weg in eine Berg- und Talbahn. Und schon wieder, wie so oft, entleeren sich die von Regentropfen schwangeren Wolken sturzflutartig über mich und meinen Kahn. Wasser von unten und nun auch von oben! Ich fühle mich wie in einem Hexenkessel! Der Sturm spielt mit meinem Boot, als wäre es eine kleine Nussschale. Eine heftige Böe wirft es schließlich um und mich über Bord.

Mit allem Mut der Verzweifelung schlage ich mit meinen Armen wild um mich, um meinen Kopf über Wasser zu halten. Meine nasse Kleidung zieht mich immer wieder in die Tiefe, als wollten Meeresungeheuer mir den Garaus machen. In dieser aussichtslosen Lage schießt mir, wie schon manches andere Mal, der Gedanke durch den Kopf: Wäre es nicht eine Erlösung, jetzt einfach loszulassen und unterzugehen?? Alle Sorgen und Ängste würden sogleich mit mir ertrinken …

Zum Glück bekomme ich eine Leine zu fassen und kann mich an das Kiel oben schwimmende Boot heran ziehen. Das Unwetter hat zum Glück seinen Höhepunkt überschritten. Die Naturgewalten verstummen allmählich. Dafür kriecht die Kälte in mir hoch und lähmt meine Glieder. Meine Kräfte reichen gerade noch zum Festhalten. Wir beide, mein Boot und ich, lassen uns treiben…

Nach einiger Zeit, einer gefühlten Ewigkeit, finden meine Füße aber plötzlich Halt: Ich bin auf einer Sandbank gelandet. Am höchsten Punkt reicht mir das Wasser nur noch bis zu den Knien. Ich richte mich auf und vermag mit größter Anstrengung auch meinem Boot in diese Lage zu verhelfen. Ich klettere mit letzter Kraft in mein treues Schiffchen, um mich von dieser Strapaze zu erholen. Mit klammen Fingern ergreife ich sodann wieder die Ruder, denn das Tagesziel ist noch nicht erreicht …

Inzwischen ist es Abend geworden, und das Eiland liegt endlich in greifbarer Nähe. Ein letzter Kraftakt und …

Mit einem knirschenden Geräusch beißt sich der Bug fest in den Sand. Erschöpft ziehe ich das Boot weiter auf den Strand und werfe mich mit letzter Kraft daneben. Mit dem erlösenden Gefühl, zwei Tage Erholung auf der Insel, überkommt mich rasch der Schlaf. Während dieser beiden Tage wandere ich über die Insel. Das Meer entschwindet meinen Blicken. Ich kann durchatmen und mich der Schönheit des Eilandes erfreuen. Der Weg steigt sanft an, und am Abend des zweiten Tages erreiche ich am anderen Ende der Insel den höchsten Punkt. Aber …

Von da oben sehe ich es schon wieder, das Meer, das Furcht einflößende, gefahrvolle Meer !

Bis zum nächsten Morgen muss ich unten am Strand angekommen sein, um die nächste schreckliche Etappe anzutreten.

Aus der Ferne höre ich ein Geräusch. Zunächst ganz leise. Ist es ein Schiffshorn? Es wird lauter und ähnelt jetzt mehr einer Glocke. Schließlich schwillt es zu einem schrillen Ton an…

Martin tastet entnervt um sich und erwischt den Knopf seines Weckers. Schweißnass richtet er sich im Bett auf:

Wieder einer dieser schlimmen Alpträume, die schon viel zu oft seine Ängste und Sorgen des Alltags zum Thema haben.

Martin könnte eigentlich glücklich und zufrieden sein:

Er hat eine Familie, Frau und Kinder, eine gute Ausbildung hinter sich, eine kleine Firma mit ein paar Angestellten gegründet und damit eine sichere Existenz aufgebaut.

Doch es plagen ihn Versagensängste: ” Werde ich immer allen Anspüchen gerecht? Sind alle mit meiner Arbeit zufrieden? Enttäusche ich niemanden?

Ich darf mir niemals einen Fehler leisten. Misserfolge sind Niederlagen. Sie verfolgen mich über lange Zeit. Mein Selbstbewusstsein tendiert gegen Null. Um Misserfolge zu vermeiden, mache ich mir schon Tage zuvor Gedanken, ob mir auch alles gelingt.

Über in der Zukunft liegende Probleme grübele ich schon Wochen vorher nach.”

Martin steht unter enormem Leidensdruck : Er lebt nicht in der Gegenwart, sondern grämt sich über Misserfolge der Vergangenheit und fürchtet sich vor Herausforderungen der Zukunft.

Die “Bootsfahrt übers Meer” steht exemplarisch für sein Empfinden des beruflichen Alltags:

Montags stürzt er sich in die Fluten des unwirtlichen Meeres.

Am Mittwoch erreicht er eine kleine Sandbank. Gelegenheit für eine kurze Verschnaufpause. Denn im Gegensatz zu allen anderen Arbeitstagen, die erst abends enden, hört er mittwochs schon etwas eher auf.

Freitag abend ist endlich die kleine Insel erreicht. Zwei lange Tage kann sich Martin an der Idylle des Eilands, also an seiner Familie erfreuen und die Arbeitswoche, die raue See, vergessen.

Das “Sich erfreuen” ist für Martin aber ein anstrengender Prozess, denn in seinem Unterbewusstsein spuken jederzeit noch die Alltagsgedanken. Am Sonntagabend, also auf der Anhöhe der Insel, haben ihn seine Ängste und Befürchtungen vor der kommenden Woche schon längst wieder eingeholt.

So konnte das nicht weitergehen!!!

Es war eine glückliche Fügung, dass aus Martins Bekanntenkreis, unter dem sich ein ebenso (zwar in einer anderen Art) Betroffener befand, der Vorschlag kam, doch einmal einen Psychiater zu konsultieren!

“Das ist doch der???”, denkt Martin. Ja natürlich, das ist eben dieser, der Leute mit einer M. (diesem kleinen blauen Vögelchen) behandelt! “Habe ich denn eine??”

Es fällt Martin zunächst sehr schwer, sich mit diesem Ansinnen anzufreunden. “Was sollen die Anderen von mir denken?”, geistert es in seinem Kopf herum, “Hat der nicht mehr alle Tassen im Schrank ?”

Leider war es , und gerade hier in den neuen Bundesländern, lange Zeit immer noch ein Stigma, sich in psychatrischer Behandlung zu begeben. ( In den USA und im Westen hat jeder, der etwas auf sich hält, neben “seinem!” Hausarzt und “seinem!” Anwalt auch ” seinen” persönlichen Psychologen!

Eine schwere Entscheidung für Martin. Galt es doch, über seinen eigenen Schatten zu springen! Da ihm aber das Wasser bis zum Hals stand, blieb ihm keine andere Wahl.

Das Resultat schon einmal vorweg: Martin bedauert es sogar heute, nicht schon Jahre eher diesen Schritt getan zu haben! Martins Leidensdruck stellte sich als derart manifest heraus, dass eine medikamentöse und ambulante Psychotherapie nicht zum Ziel führten. Der Arzt empfahl ihm daher einen stationären Klinikaufenthalt.

“Auch das noch”, dachte Martin, “da bin ich wohl von lauter Irren umgeben !?”

Es war für Ihn eine schwere Entscheidung, doch er wagte auch diesen Schritt:

Die Klinik, herrlich still im Wald an einem See gelegen, sollte für mehrere Wochen seine Heimstatt werden. Und es war ” DER” Gewinn in Martins Leben.

Ganz behutsam wird jeder Neuling in die Gemeinschaft eingeführt. Alle Mitpatienten plagen ähnliche Probleme, nur auf den unterschiedlichsten Ebenen ihres Lebens. Es gibt ja so viele verschiedene Ängste und Zwänge, die einem übel mitspielen können. Aber keiner wird hier vorgeführt ! Alle fühlen mit dir, wie auch du mit den anderen fühlst.

Das Tagesprogramm in einer solchen Klinik ist sehr vielgestaltig:

Neben Gespächen mit einem Psychologen werden Entspannungsübungen angeboten. Es wird Sport getrieben, und man kann sich künstlerisch betätigen. Der wichtigste und ergiebigste Programmpunkt waren für Martin die Gespächsrunden innerhalb der Gruppen ähnlich Betroffener. Er lernte viele Leidenswege kennen, und wie jeder versucht hatte, diesem Teufelskreis zu entrinnen.

Der Psychologe versuchte, Ursachen der Verhaltensweisen in der Vergangenheit, insbesondere der Kindheit der Betroffenen zu finden. Bei Martin stellte sich heraus, dass er ein sehr angepasstes Kind war. Irgendwelche Wünsche anderer, vor allem aber der Eltern erfüllte er im vorauseilenden Gehorsam. Schon als Kind wollte er keinen enttäuschen und alles recht machen. Daraus erwuchs eine gewaltige Erwartungshaltung der anderen ihm gegenüber. Ein selbstinitiierter Druck baute sich auf!

In den künstlerischen Stunden konnte sich Martin voll kreativ entfalten, sei es beim Zeichnen oder Malen, beim Modellieren oder Basteln. Und, man glaubt es kaum, die Kursleiter, auch Psychologen, schauten bei den individuellen Kunstwerken der Patienten in deren innerstes Empfinden. Es war sogar der Sinneswandel im Laufe der Therapie zu erkennen. Ein Patient malte zu Beginn alles in düsteren Farben. Gegen Ende der Therapie zeichnete sich eine positivere Grundstimmung durch fröhlichere Farben ab.

Wie schon angedeutet, profitierte Martin am meisten von den Gesprächsrunden in der Gruppe. (Sicher so ähnlich wie in ambulanten Selbsthilfegruppen, nur viel intensiver) Während der Psychologe sein Wissen mehr aus theoretischen Erkenntnissen schöpft und weitervermittelt, erfährt man in der Gruppe das persönliche Schicksal jedes Einzelnen und wie er damit umgegangen ist.

Martins Fazit aus allen Gesprächen mit Therapeuten und Mitpatienten:

Lebe im Hier und Jetzt, konzentriere dich auf den schönen Augenblick der Gegenwart und vermiese ihn dir nicht durch Grübeln über Misserfolge in der Vergangenheit oder Versagensängste in der Zukunft. Denn aus eigenen Misserfolgen kann man sogar etwas lernen und Probleme, die in der Zukunft liegen, lösen sich größtenteils von ganz allein.

Zermürbe deine Gedanken nicht über die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Hilf, wo du helfen kannst, aber zerbrich nicht an deiner Ohnmacht , die ganze Welt verbessern zu wollen.

Das Meer hat in Martins Leben seinen Schrecken verloren. Natürlich ist es nicht immer spiegelglatt! Es kann auch gewaltig toben! Martin sieht es aber jetzt gelassener. Selbst das größte Unwetter zieht vorüber.

Also:

Sorge dich nicht, lebe!

(Titel eines Buches über alltägliche Ängste und Sorgen von Dale Carnegie)

Der Leitspruch der Klinik lautete:

(Auf einer Münze geprägt, bekam ihn jeder am Schluss der Therapie geschenkt)

Gott, gebe mir

die Gelassenheit,

Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut,

Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit,

das eine vom anderen zu unterscheiden

die Geduld,

mit Veränderungen, die ihre Zeit brauchen,

und Wertschätzung

für alles, was ich habe,

die Toleranz

gegenüber jenen, mit anderen Schwierigkeiten

und die Kraft,

aufzustehen und es immer wieder zu versuchen.

Epilog:

Abends nach dem Therapieprogramm saßen die Patienten oft noch zusammen und sprachen über das am Tag Erlebte.

Ein neu hinzu gekommener Patient meinte:

“Ja, hier sitzen nun die Verlierer der Gesellschaft!”

Darauf ein , sozusagen, “Alter Hase”:

” Nein, wir alle hier haben den Mut gehabt, Hilfe zu suchen und anzunehmen, im Gegensatz zu vielen tausend Betroffenen da draußen, die es bisher nicht gewagt haben! Wir sind —

die Gewinner !

 


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