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“Die Flut” anonym

Am Nachmittag kam der Bürgermeister unseres Dorfes und warnte uns alle vor einer Flut. „Sie wird in etwa drei Stunden hier sein. Räumt alle tiefer gelegenen Gelasse aus. Man weiß nicht, wie hoch das Wasser steigen wird. Ich rechne auch mit Stromausfällen“. Keiner glaubte so recht an die Warnung, denn der Fluss war zwar gestiegen, jedoch noch in seinem Bett. Die meisten versammelten sich am Ufer und redeten von vergangenen Hochwassersituationen, und dass es wohl nicht so schlimm werden würde.

Ich aber nahm die Mitteilung ernst und fing an, unsere Tiefgarage auszuräumen und hatte dabei Hilfe von Nachbarn und Freunden. Es war ein schöner Abend und keiner ahnte, was da auf uns zukam. Wir saßen gerade am Esstisch, um zu Abend zu essen, als das Telefon läutete. Was ich da hörte, erschreckte mich maßlos: „Ihr habt Wasser im Garten und um euer Haus.“ Der Nachbar sah alles aus sicherer Höhe, denn sein Haus lag am Hang über uns. Ich vergewisserte mich also und musste mit ansehen, wie eine Flutwelle von der Straße aus in die Garage lief und eine zweite vom angrenzenden Grundstück uns unwiderruflich einschloss. Anfänglich hatte ich zwar ein mulmiges Gefühl, doch noch keine Furcht. Wir verfolgten im Fernsehen, wie das Wasser auch in anderen Gebieten zerstörerisch wütete.

Doch als es dunkel wurde, kam auch die Angst. Das Wasser stieg höher und höher und wir mussten mit ansehen, wie sich die Garage füllte und Stufe um Stufe in den Fluten verschwand. Um Mitternacht hatte das Wasser die Terrasse erreicht und fing an, in unser Haus zu laufen. Wir schleppten, was wir nur konnten, in die obere Etage. Plötzlich ging das Licht aus. In weiser Voraussicht hatte ich alle Kerzen, die wir hatten, aufgestellt und Zündhölzer sowie einige Feuerzeuge parat gelegt. Wir stopften mit Handtüchern alle Türritzen zu, um dem Wasser das Eindringen zu erschweren, doch es nützte nichts. Zudem war ein entsetzliches Knistern aus der Tiefgarage zu hören. Es war der Stromanschluss, der unter den Fluten verschwand und nicht sofort ausfiel.

Plötzlich hörte ich ein jämmerliches Wimmern. Was mochte das sein? Wir konnten nicht aus dem Haus, denn das Wasser umschloss uns wie eine Insel mit etwa zwei Metern Höhe. Wir hatten keinen Strom, kein Telefon und konnten unsere Toilette nicht benutzen. Was sollten wir nur tun ? Das merkwürdige Geräusch kam näher. Wir leuchteten mit einer Taschenlampe aus dem Fenster. Ein Kätzchen hatte sich an der Dachrinne verkrallt und miaute entsetzlich. Wir holten einen Besen und hielten ihm den Stiel hin, in der Hoffnung, dass es sich daran festhalten würde. Doch es hatte wohl zu große Angst und wir konnten nicht zu ihm. Letztendlich mussten wir zusehen, wie seine Kräfte erlahmten und die Flut das kleine Tier fortspülte.

Ich konnte nicht fassen, was ich da erlebte und weinte vor Ohnmacht. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Alle Bewohner mussten mit entsetzlichen Fluten in den Häusern und auf den Grundstücken fertig werden. Und doch war da etwas Gutes. Freiwillige Helfer kamen von überall und packten an. So hatten alle nach einigen Wochen wieder Lust auf Neues.

 


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