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“Der Rebell und das Jetzt” von Jens Ossada


“Der Rebell und das Jetzt(Einleitung)

03:17 Uhr Silvestermorgen 2006 – der Sturm klappert durch die Fabrik. Ich wache auf, weil meine erworbene Paranoia wieder einmal Einbrecher knacken lässt. Das Atelier ist sicher. Hab’ erst Fensterläden gebaut. Der Rest ist auch zu, versperrt mit viel Stahl. Das Knacken lässt mich dennoch nicht schlafen. Angst kannte ich früher nicht. Der Streif durch die Stadt in der Nacht war ein unbedingtes Muss. Farbe gegen die Mauern, auch in den Köpfen. “Ich war ein Rebell” würde ich sagen. Aber auch nur, um ein Ideal zu formulieren und statt meinen Namen nur dieses Ich in den Blick der Hüter zu rücken. Außerdem begnügten wir uns im Osten schon immer mit etwas weniger. Wir brauchten keine Namen für all die Dinge, die wir nicht hatten. Deutsch sein, was war das schon? Fleißig die kleinen Gebote zum Halstuch lernen und von der Welt keine Ahnung. Als dann die Pionierleiterin nur noch die Sekretärin vom Direk’s war, irrten alle umher. Der Sturm zerbricht eine Scheibe. Weltbilder stürzten ein. Unsere Eltern und Lehrer standen mit langen Gesichtern vor uns Halbwüchsigen ohne Antwort auf die bohrenden Fragen des Lebens; “Sind Sie schon mal Mercedes gefahren?”

Poch, Poch – Bäume schlagen aneinander. Der Sturm tut sein Werk. Meine Freunde entgleisten – Nazis, Punks, Gewalt und Freiheit. Nach dem ersten brennenden Papiercontainer stellten Oliver, mein bis dato nur durch ständige “Von-der-Brücke-scheißen”, “Pfandflaschenklauaktionen” und anderen kleinkriminellen Belustigungen eng verbundener Kamerad, und ich fest, dass solche randalistischen Statements als Ausdruck unserer Ablehnung und Orientierungslosigkeit nicht dauerhaft und stechend genug waren. Ablehnung! Mit 14 sowieso, egal was uns auch an elterlicher “Bist-Du-ruhig-sonst!”-Stränge und pragmatischer Logik entgegen gebracht wurde. Wer konnte sich in diesem Alter schon die Welt erklären lassen? Zumal die grauköpfigen Belehrer diese ja nie gesehen hatten. Orientierungslosigkeit – weil jene Verbundenheit mit den anderen kommunistischen Bruderstaaten im Kampf gegen den imperialistischen Klassenfeind eine längst geplatzte Seifenblase war. Wir hatten auch nie einen dieser Brüder oder dessen Land kennen gelernt. Der Feind bedrohte uns nun nicht mehr aus der Ferne und wir brauchten einen neuen mächtigen Gegner, an dem wir uns zur Selbstfindung reiben konnten. Das uns umgebende Schweigen war ideal dafür. …

( … aus dem Buch “SATT!” )


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