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“Aber es kam alles anders …” von Sarah

Als Kind wollte ich immer zum Theater. Mein Musiklehrer, ein toller Chorleiter, hatte die Idee, mich mit ins Theater nach Schwerin zu nehmen zur Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck. Warum die Hexe ein Mann ist, hab ich damals noch nicht verstanden. Ich war so verzaubert, dass ich danach unbedingt mal Theater spielen wollte. Den Theaterwunsch redeten mir meine Eltern aus, vielleicht trauten sie es mir nicht zu. Also ging ich auf die Musik-EOS in Wernigerode. Es war eine tolle Zeit, die vier Jahre im Internat. Wir waren wie eine Familie. Unsere Klasse kam aus der ganzen Republik und ich war die „Kesse“ aus Mecklenburg.

Unser Rundfunk-Jugendchor war spitze und wir durften auch im NSW Konzerte geben, zum Beispiel in Italien. Nach dem Abitur wollte ich Gesang studieren und in einem Opernchor singen. Aber ich durfte es nicht! Die Begründung meines Klassenleiters war: Unser sozialistischer Staat hat so viel Geld für deine Ausbildung ausgegeben, damit du das wirst, was wir brauchen: Musiklehrer.

Das bedeutet, keine Chance, Gesang zu studieren. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, mein Vater starb mit 39 Jahren an einem Gehirntumor, meine Mutter war mit 40 Jahren Witwe und ich musste drei Monate später irgendwie das Abitur schaffen. Also ging ich nach Halle zum Lehrerstudium, zum Glück kam meine halbe Wernigeröder Schulklasse mit. Auch das Studium war toll.

Mit meinem Studentenausweis ging ich jede Woche für 50 Pfennige einmal ins Theater. Wir sangen im Uni-Chor bei den Händel-Festspielen mit und natürlich ging es im Studentenklub im Turm der „Moritzburg“ heiß her. Dort verfiel ich dem Charme des Schlagzeugers der Studentenband und wir zogen in ein Hinterhaus an der Saale. Unsere Studentenkneipe war der „Sargdeckel“ beim Theater um die Ecke. Weil das Studium auch wieder eine schöne Zeit war, verdrängte ich die Bedenken gegenüber dem Lehrerberuf. Bei meinem Praktikum saß ja immer meine Mentorin mit drin, wenn ich unterrichtete. Ich durfte meine Musik-Prüfungsstunde sogar so halten, wie sie es wollte. Mein Traum, mal in Schwerin zu arbeiten, zerplatzte. Ich durfte dorthin gehen, wo der Staat mich brauchte, nach Mittweida an die Ernst-Thälmann-Schule.

Natürlich hatte ich vor den großen Schülern Angst. Der Direktor gab mir einen guten Rat: Den ersten, der stört, rausschmeißen! Das tat ich auch gleich in der ersten Musikstunde in Klasse 10. Der Schüler freute sich und ging nach Hause. Aber der größte Schock kam in Klasse 9. Ich behandelte Mozarts „Zauberflöte“ und stimmte die Schüler auf die „Rache-Arie“ der Königin der Nacht ein: „Rache ist süß! Wie würdet ihr das singen?“ Ich spielte vom Schallplattenspieler die höchsten Koloraturen der Welt vor und die Schüler lagen vor Lachen auf den Bänken: Hahahahahahaaa!!! Die Schüler bogen sich vor Lachen: Hahahahahahaaa!! Die Klasse lachte sich halb tot: Hahahahahahaaa!!! Mir blieb das Lachen im Halse stecken. So etwas hatten sie noch nie gehört. Ich war schockiert. Ich fühlte mich wie im falschen Film, ich wollte nur noch raus aus dieser Schule, in der kaum einer ein Instrument spielte, weil das im Neubaublock unter Lärmbelästigung fiel.

Mich rettete das Babyjahr. Und ich sang in der Kantorei mein erstes Weihnachtsoratorium. Zurückgekehrt in die Schule rief mich der Direktor in sein Zimmer: „Ich weiß, dass Sie in der Kantorei singen, es ist Ihre Privatsache, bitte kein Wort darüber zu ihren Schülern und Kollegen!“ Da hatte ich ja noch mal Glück gehabt. Aber es gab auch andere Situationen, wo ich dachte: Das halt ich nicht aus. „Wo waren Sie im Parteilehrjahr? Die Veranstaltung ist Pflicht!“ (Weil ich nicht in der Partei bin). „Warum haben sie keinen Schüler aus ihrer Klasse für 3 Jahre Armee gewonnen?“(Weil keiner wollte). Es war eine einzige Gratwanderung.

Ich wurde gebraucht, aber ich passte nicht so richtig ins sozialistische Konzept. Also besuchte ich die „Offenen Abende“ bei unserem Pfarrer, weil man dort sagen konnte, was man denkt. Der Pfarrer lud in der kritischen Phase vor der Wende das „Neue Forum“ in die Kirche ein. Es ging um mehr Meinungsfreiheit und ein selbstbestimmtes Leben. Plötzlich trat er aus der Sakristei hervor und verkündete: „Die Grenze ist auf!“ Keiner reagierte, keiner konnte mit dieser Nachricht umgehen, die Veranstaltung wurde zu Ende geführt. Erst zu Hause konnten wir glauben, was wir im Fernsehen sahen: Die Menschen stürmten den „Check Point Charlie“. Mein Mann wollte sich gleich in den Trabi setzen und nach Berlin fahren, aber wir konnten doch unsere zwei Kinder nachts nicht allein in der Wohnung lassen. Mein erster Gedanke war: Jetzt hörst du auf mit dem Lehrerberuf. Ich kann singen, ich kann Klavier spielen, ich kann mich am Chemnitzer Theater im Opernchor bewerben. Und das tat ich auch.

Ich fuhr zum Vorsingen mit meinem Lieblingslied „Summertime“ aus „Porgy and Bess“, umgewandelt in einen altistischen Blues. Gershwins Jazzoper war die einzige, die ich noch nicht im Theater erlebt hatte. Der Chorleiter runzelte die Stirn und meinte trocken: “Singen Sie mal „Hänsel und Gretel“! Ich dachte: Verarscht der mich? Aber das war ja die Oper, wegen der ich ans Theater wollte! Also sang ich „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“. Und er sagte: “Ich nehm Sie”. Es war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben, mein Traum, einmal auf einer Bühne zu stehen, rückte in greifbare Nähe und er hat sich erfüllt.

Aber es kam alles anders …