„Ubi bene ibi patria“ nach einem Interview mit Heike Gründler von Elisabeth Schwerin

 

Erster Teil: Wo es mir gut geht, da bin ich zu Hause

Wie ich aus dem Westen in den „Wilden Osten kam“

In das schöne Mittweida bin ich gekommen durch Zufall. Ich habe mich sofort in Mittweida verliebt. Aber es war ein großer Kampf.

Mein Traum war es, eine eigene Praxis für Allgemeinmedizin zu führen. Damals erschien mir das im Westen unvorstellbar weit entfernt aus Mangel an Protektion und Geld. In meiner Familie gab es bis dato keine praktizierenden Mediziner. Mein Vater war Elektromeister und meine Mutter Hausfrau.

Als sich im Herbst 1989 die politischen Verhältnisse in der damaligen DDR änderten, führte es dazu, dass Ärzte in Massen das Land verließen und in den Westen gingen. Eines Tages las mein damaliger Mann in der Frankfurter Allgemeinen einen Artikel vom dramatischen Ärztemangel im Osten. Durch eine Annonce der Noch- DDR- Regierung sollte westdeutschen Ärzten eine Facharztausbildung geboten werden, wenn sie in den Osten kämen und sich dort niederließen. Also bewarb ich mich darum aus meiner Forschungsstelle vom Max Planck Institut in Gießen heraus; vis á vis das Auffanglager mit Flüchtlingen. In der Erinnerung ein Kuriosum; bekam ich am 9. November 1989 ein Antwortschreiben mit Stempel aus Hammer, Zirkel und Kranz versehen, dass mein Antrag wohlwollend entgegengenommen wird.

Im Westen Deutschlands habe ich mich nie richtig wohlgefühlt. Es war für mich spannend und abenteuerlich zugleich, in einem anderen politischen System etwas Neues aufzubauen. Der wilde Osten, so hieß es.

Am Anfang fühlte ich mich durch das Vorurteil verletzt, dass nur Versager, die im Westen nichts geworden sind hierher kommen. Später, als ich länger hier war, konnte ich das besser verstehen.

Wir zogen 1993 nach Zwickau, zunächst begann ich arbeitslos mit Ämtergängen, wohnend im Plattenbau, vertrat eine Kollegin, die krank war. Ich brauchte eine Praxisniederlassungsvorbereitungszeit, arbeitete deshalb in einer internistischen und chirurgischen Praxis, machte eine Ausbildung zur Ärztin für Naturheilverfahren, unterrichtete Physiotherapeutinnen, kam viel in der Region herum.

Die Institutionen waren besetzt von alten Kadern aus der DDR. Aber ich wußte ein paar Wochen eher, allerdings nach 40 Niederlassungsanträgen mehr, wo Niederlassungsmöglichkeiten in Sachsen sind. Marienberg, Hainichen und Mittweida standen zur Wahl. Mittweida war so vital. Es war einfach eine richtige Perle. Ich habe gleich vom Deutschen Haus aus angerufen und meinen bereits gestellten Antrag auf Niederlassung in Hainichen auf Mittweida umgeändert.

Der Anfang war nicht einfach. Wir kauften 1994 das Haus in der Bahnhofstraße, damals waren die Immobilienpreise sehr hoch. Aus diesem Grund sollten Praxis, die Kanzlei für meinen Mann und unsere Wohnung im eigenen Haus unterkommen. Im Winter 1994/95 sind wir in das Haus mit der alten Metzgerei eingezogen. Für mich war nur eine kleine Kammer unter dem Dach frei, in der Wohnung einer alten Dame. Da wurden noch Kohlen geschleppt. Ja, so war das.

Als wir einzogen wurde auch die Pizzeria gegenüber eröffnet. Ich ging hinüber, um Pizza zu holen und kam mit Pizza und einem Hilfsangebot an Arbeitsunterstützung für meinen Praxisausbau zurück.

In dem großen Raum der ehemaligen Metzgerei standen unsere blauen Umzugstüten aus Vietnam. Ein Mann mit Mütze stand am Schaufenster und brüllte laut: “ Da ziehen wohl Vitschies ein!“

Ich begann mit meiner Praxis für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren in einem Raum mit aller Ausstattung, die ich brauchte: Meinem altem Schreibtisch aus den zwanziger Jahren, einer Liege und einem Ultraschallgerät. Ich war bereit. Meine Arbeit wollte ich beginnen und eröffnete die Praxis am 31. Januar 1995.

Dazu lud ich die Mittweidaer Kollegen ein. Ich konnte sie schmunzeln sehen und reden hören:“… Sie sind doch keine Konkurrenz für uns. Das halten Sie kein Jahr aus.“ Aber sie kannten mich schlecht.

In der Urlaubszeit haben sich meine Kollegen einen Jux mit mir erlaubt. Ich kannte die Gegebenheiten nicht, wusste nicht, wo ich bin. Sie hängten alle etwa gleichzeitig ein Schild an ihre Tür, dass ich die Vertretung für sie übernehme. Ich denke mal, sie haben erwartet, dass ich spätestens dann aufgab…. Die Menschen standen vor meiner Praxis Schlange. Es ging täglich bis 20 Uhr, danach noch Schreiben und auf die Baustelle. Aber diese Aktion hat mir einen festen Kundenstamm eingebracht. Wenn ich vorher nicht soviel gereist wäre und in Indien gewesen wäre, hätte ich es nicht geschafft.

Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, wenn mich Patienten fragen: „Wussten Sie überhaupt, dass ich schon 20 Jahre bei Ihnen bin? Andere denken, was, Sie sind schon so lange hier?“

Zweiter Teil: Vom Hinfallen und Aufstehen

Stehaufgeschichten sind das, womit ich auf die Welt gekommen bin. Ein Zufall. So geht es wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich habe sehr viele Stehaufgeschichten erlebt. Warum bin ich immer wieder aufgestanden. Ich glaube, es ist ein Erbe meiner Familie, da hieß es: “ Hinfallen darfst du, aber du musst wieder aufstehen!“

Die ersten zwei Jahre meines Lebens habe ich in Südafrika gelebt. Ich bin sehr früh aufgestanden, da lag eine Liste mit Aufgaben. Ich musste mit 6 Jahren zur Schule gehen, den Haushalt managen, Hausaufgaben machen gehörte nicht dazu, das war selbstverständlich. Meine Eltern waren arbeiten. Viele Eltern heute tun den Kindern nichts Gutes, wenn sie ihnen alle Verantwortung abnehmen. Meine Eltern sprachen zu Hause Africaans, heute verstehe ich es noch gut, aber spreche es nicht.

Nach Südafrika gab es etliche Schulwechsel. In jeder neuen Schule wurde ich gefragt: “ Wo bist du geboren, wer sind deine Eltern? … Ah in Südafrika, du bist ja gar nicht schwarz, hä hä …! In der Fremde geboren musste ich es lernen, mich durchzusetzen. Ich lernte, anders zu sein, andere Vorstellungen mitzubringen und auch eine andere Mentalität, heimatlos zu sein. Aber ich war noch nie so lange an einem Ort wie hier in Mittweida. Damals sagte ich mir: Wir kommen an, wir packen aus. Wir sind hier und sehen, wie es weitergeht.“

Es waren hier gute Bedingungen und ich ging Verbindlichkeiten ein mit den Menschen vor Ort, mit dem Haus. Die Menschen hier sind sehr offen, bescheiden, haben eine gute Allgemeinbildung und sind sehr sozial. Wenn’s der Oma nebenan nicht gut ging, haben sie sie eingepackt und zu mir gebracht. Ja, so war das.

Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland. Ubi bene ibi patria.