„Stehaufgeschichte von Streubels aus Hermsdorf“ von Norbert Grünberg


Es ist der 28. 11. 2013. Ein ganz normaler Tag, etwas kalt, so um elf Grad minus.
Ich heize meinen Kamin und schaue Fernsehen. Meine Frau holt eine Flasche Rotwein, und wir trinken ein Gläschen. Ganz gemütlich den Arbeitstag ausklingen lassen. Dann ging ich die Treppe hoch, musste zur Toilette, schaute durch das Flurfenster und traute meinen Augen nicht. Was, wo, warum – da standen meine Schwiegereltern, leicht bekleidet, die Arme hoch und riefen »Feuer! Feuer!« Im ersten Moment dachte ich an einen Essenbrand meines Kamins und lief aus dem Haus. Da sah ich einen hellen Schein über dem Dachfirst, lief um das Haus und sah, wie aus dem Flurfenster wie unzähmbar die Flammen schlugen. Sofort lief ich zurück und befahl meiner Frau, die 112 anzurufen und die Feuerwehr zu alarmieren. Dann zog ich mich an, und meine Martina fuhr mich mit ihrem kleinen Citroën zum Gerätehaus. Dabei hörte ich die Sirene.
Nach sechs Minuten waren wir vor Ort. Es dauerte nicht lange, und die Wehren aus Zettlitz und Geringswalde kamen zur Unterstützung. Aber das Feuer hatte das Haus voll im Griff. Auf dem First tanzten die Flammen, und mit einem krachenden Geräusch zerplatzte das Dach. Nun konnte nur noch das Feuer von außen bekämpft werden. Die Schwiegereltern erlitten einen Schock. Sie wurden von geschulten Kräften beruhigt und betreut. Wir durften diese Nacht nicht in unser Haus zurück. Es steht ja nur sieben Meter vom Brandhaus entfernt. Überall war Brandluft zu riechen.

Der damalige Bürgermeister, Thomas Arnold, half und unterstützte. Die Nachbarin, Margitta Reinhardt, nahm die Schwiegereltern und auch uns für diese Nacht auf. Ich bin in meiner Einsatzkleidung immer wieder raus, um den lieben Kater Charlie zu suchen. Als mein Einsatzleiter mich sah, lenkte er mich von diesem Vorgehen ab und befahl mir, Schläuche zu ordnen und vor allem nicht zu dicht an die Flammen zu gehen. In dieser Nacht spürten wir, wie ein Dorf zusammenhält. »Hilfsbereitschaft.«
Die meisten Einwohner holten Decken, warme Schuhe, zu Trinken, oder Jacken. Der Morgen kam. Jetzt sah man es, die Flammen hatten ganze Arbeit geleistet und es glimmte noch immer. Gaffer wurden in der Nacht mehrmals mit ihren Handys von der Polizei fortgejagt, aber das half nichts. Die waren immer wieder da und hatten wohl Freude verspürt, diese Bilder über Facebook zu versenden. Dann kam auch noch ein Journalist der Morgenpost auch Chemnitz. In seiner Aufdringlichkeit wollte er, dass sich die Geschädigten und wir vor dieser Brandruine stellen, um ein Foto zu machen. Nach mehrmaligem Auffordern, uns zu verlassen, beobachtete er von Weitem das Grundstück.
Einen Tag später stand dann nicht der Wahrheit entsprechend ein Bericht in der Morgenpost.
Es vergingen nur zwei Tage, dann schauten wir nach vorn. Der Abriss wurde geplant, und meine Schwiegereltern, motiviert durch das ansässige Bauuntern ehmen »Wolfgang Goller«. Sie planten einen Neubeginn mit 76 und 79 Jahren, bauten sich ein neues Heim auf. Sie wohnten in diesem einen Jahr bei uns. Es war sehr beengt, aber sie konnten den Bauleuten bei ihrer Arbeit und dem Wachsen des neuen Hauses zusehen.
Wichtig war auch die Solidarität und die finanzielle Unterstützung der vielen Menschen. Ich will nur einige nennen: Geringswalder Bürger, das Rote Kreuz, Mitarbeiter der TKM, Dorfbewohner von Hermsdorf, Zettlitz, Aitzendorf, sogar ein Malerbetrieb aus dem Erzgebirge, Härterei Päckert, und viele Leute aus der Umgebung. Richtfest wurde gefeiert, und eine Richtkrone, die wir selber anfertigten, waren die beste Motivation. Jede freie Zeit wurde genutzt, um den Bau voranzutreiben. Neue Möbel wurden besorgt, und in einer Garage im Dorf deponiert.

Ja, und dann war es so weit. Die Bauleute hatten es tatsächlich geschafft.
Einzug wurde gefeiert am 28. 11. 2014. Nur ein Jahr bis zum neuen Glück. Toll, alle kamen: Feuerwehrleute, Bekannte, Helfer, Dorfbewohner. Sie brachten kleine Geschenke mit. Da kullerte so manche Träne, und es wurde schön gefeiert.

Und jetzt, nach vier Jahren, ist alles wieder gut?
Man kann diese schreckliche Nacht nicht vergessen, und dann kommt hinzu, die ganzen Erinnerungen, Fotos und Erlebnisse sind Asche.
Das ist nicht einfach.
Nun schauen sie trotz ihres hohen Alters von über 80 Jahren nach vorn. Haben beide ihren Humor nicht ganz verloren, erfreuen sich an ihrem Häuschen, an dem Urenkelchen Lisa und sind glücklich.

P. S.: Kater Charlie hatte es nicht geschafft. Er war in der Stube erstickt. Man hatte ihn gefunden. Er lag zusammengekringelt unterm Stubentisch.

 


Unterstützt unser Projekt jetzt mit 1,- €: