„Später Wandel“ von Andrea Rampold

Früh klingelt der Wecker. Ich stehe auf, wasche mich und ziehe mich an. Doch halt! So einfach ist das nicht! Ziehe ich den blauen oder den karierten Rock an oder doch lieber die schwarze Hose? Welche Bluse passt am besten dazu? Die gleiche Frage stellt sich noch mal bei Schuhen und Schmuck. Um mich dabei nicht zu verzetteln, treffe ich meist schon am Abend zuvor eine Vorauswahl.

Schließlich ist noch schminken angesagt – Frau möchte doch schick aussehen! Ein kleines Frühstück noch, dann geht es zur Straßenbahn, die mich in 25 Minuten zur Arbeit bringt.

Ich arbeite in der Elektronikbranche, eigentlich eher einer Männerdomäne. So bin ich auch von 16 Kollegen eine von nur 2 Frauen. Das stört mich wenig, im Gegenteil, ich verspüre ein wenig Stolz, mit fast 60 Jahren einen beruflichen Neuanfang geschafft zu haben.

Bis vor etwa 3 Jahren sah mein Leben noch ganz anders aus: Da reichte morgens ein Griff in den Kleiderschrank. Eine von etwa 5 fast gleich aussehenden Hosen und eins von ebenso vielen Hemden – irgendwie passte es immer zusammen. Jedenfalls machte ich mir darüber keinerlei Gedanken. Bei gerade mal 2 Paar Schuhen in schwarz bzw. dunkelgrau spielte es im Grunde keine Rolle, welches davon ich trug. Schmuck und Makeup waren überhaupt kein Thema.

Um das Rätsel dieses Wandels aufzuklären: Ich bin transsexuell, habe über 50 Jahre als Mann gelebt, mich mit dieser Rolle aber nie anfreunden können. Bereits als Kind merkte ich, dass etwas mit mir nicht stimmt. Manches Jungenspielzeug mochte ich nicht, dafür beneidete ich die Mädchen, weil sie sich viel schönere Sachen anziehen durften.

Einmal so zu leben, wie ich mich innerlich fühlte, schloss ich damals grundsätzlich aus. Ich glaubte, dass dieses Verlangen irgendwann wieder weggeht – der wohl größte Irrtum meines Lebens.

Fünf Jahrzehnte versuchte ich dann, so zu leben, wie andere es von mir erwarteten, was mir aber nie richtig gelang. Ich schämte mich für mein Anderssein und hätte mich damit wohl nie anderen anvertraut. Doch als nach fast 20 Jahren eine Ehe in die Brüche ging, suchte ich Kontakt zu anderen Betroffenen.

Ich lernte Menschen kennen, die nur zeitweise in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpften. Als Mann arbeiten gehen und die Freizeit als Frau verbringen – dieses Doppelleben fand ich anfangs phantastisch, doch mit der Zeit begann dieser ständige Wechsel zu nerven. Das führte dazu, dass ich meine Arbeit aufgeben musste, weil ich mich auf nichts mehr konzentrieren konnte und nichts mehr rechtzeitig fertig wurde. Jetzt hatte ich ungewollt mehr Zeit als mir lieb war, mich in der neuen Situation auszuprobieren. Meine Befürchtung, mir könnte die Frauenrolle irgendwann einmal überwerden, erwies sich dabei als völlig unbegründet. Im Gegenteil: Je mehr ich diese lebte, um mehr kehrten meine Lebensgeister zurück. Von meinem Umfeld wurde diese Veränderung fast durchweg positiv aufgenommen. Für eine neue Arbeit mich erneut als Mann zu „verkleiden“, war zu diesem Zeitpunkt bereits undenkbar.

Die Suche nach einer neuen Arbeit erwies sich dann doch schwieriger als ich vermutete. Eine 58-jährige Frau in einem technischen Beruf schien trotz langjähriger Erfahrung niemand haben zu wollen. Fast wäre ich daran verzweifelt. Schließlich wurde ich aber doch in Dresden bei besagter kleiner Firma fündig, in der ebendiese Erfahrungen geschätzt werden und keiner mit meiner Transsexualität ein Problem hat. Um ein zeitraubendes tägliches Pendeln zu vermeiden, habe ich vor Ort ein Zimmer gemietet.

Jetzt lebe und arbeite ich als das, was ich innerlich wohl schon immer war, aber mir lange Zeit nicht eingestehen wollte: eine Frau.