„Richard“ von Karl-Heinz Nebel

Richard war ein alter Knispel aus unserer Nachbarschaft. Er hatte einen Auswuchs an der rechten Schulter, wir Kinder nannten es einen Ast. Richard war meist ruhig, humpelte durchs Dorf und sammelte Abfälle in einen Eimer. Niemand beachtete ihn wirklich, aber alle waren zufrieden, wenn kein Müll auf den Straßen lag.

Ich kann mich an einen Nachmittag erinnern, es war ein Sommertag, und die Sonne schien unbarmherzig auf Richard und natürlich auch auf mich herab. Es mussten an die vierzig Grad gewesen sein. Richard hatte einen Stock mit Stahlspitze, mit dem er den Unrat aufspießte und in seinen Behälter warf. Manchmal stützte er sich auch auf seinem Stock auf. Ich lief hinter ihm, beobachtete ihn und eigentlich hatte mich sein Schatten mehr in meinen Bann gezogen, als Richard selber, denn selbst sein Schatten hatte diesen Ast. Das war für mich interessant, denn so hatte ich die Dinge noch nie betrachtet, dass der Schatten nicht anders sein kann, als der Körper, der ihn wirft. Er ist also genau so unvollkommen, wie … ja wie wir eben.

In meinen Gedanken hinein verspürte ich einen Schwindel und dann verlor ich auch schon halb das Bewusstsein. Ich konnte Richard nur noch schemenhaft sehen, und musste einen Laut ausgestoßen haben, denn Richard wurde auf mich aufmerksam. Er kam schnell zu mir gelaufen.

»Junge, was machst du denn für Sachen«, sagte er, und ich wunderte mich über die jugendliche Stimme, die er hatte. »Du kannst doch nicht ohne etwas zu Trinken bei der Hitze herumlaufen.«

Er holte eine Flasche Wasser aus seinem Eimer und setzte sie mir an die Lippen.

»Trink, mein Junge«, sagte er freundlich und stützte mich am Rücken, damit ich mich nicht verschlucken sollte. Mit jedem Schluck wurde das Bild vor meinen Augen wieder deutlicher, und auch das Rauschen in meinen Ohren verschwand mit der Zeit.

Was aber auch schwand, war meine Meinung, dass Richard ein alter Knispel war, denn er zeigte sich als umsichtigen, hilfreichen und überaus freundlichen Menschen, der nur eine körperliche Schwäche hatte. Ich machte an jeder Ecke meines Taschentuchs einen Knoten und setzte mir dieses als Mütze auf, dann half ich Richard beim Müllaufsammeln. Bei der Hitze musste er das nicht alleine machen. Das gefiel ihm, und wir setzten uns anschließend gemeinsam unter einen schattigen Baum, der vor unserer Dorfkneipe stand. Wir lehnten mit den Rücken am Stamm und sahen uns an. Und genau zum gleichen Zeitpunkt sagten wir beide: »Danke.