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„Perfekt: Lebendig!“ von Patricia Geyer


Perfekt: Lebendig!

Als Kind war ich brav. In der Schule war ich still und aufmerksam. Meine Noten waren gut. Im Abitur habe ich ohne großes Engagement einen Durchschnitt von 1,7 erzielt . Schule ist eine Pflichtübung gewesen. Nie kam ich auf die Idee, Lernen könnte Spaß machen. Warum auch? Meine freie Zeit genoß ich mit meinen Freundinnen, doch der Ernst des Lebens warf permanent drohende Schatten auf unsere leichtsinnige Ziellosigkeit. Erst während des Studiums dämmerte in mir allmählich ein völlig neues Lebensgefühl herauf. Rückblickend fühlte es sich so an:  Als stünde ich in völliger Finsternis auf einem hohen, kahlen Berggipfel und um mich herum begann in der Tiefe ein bis dahin unbekanntes Licht zu schimmern. Etwas in mir verband sich mit diesem Schimmern und über die Jahre bildete sich eine Art Nabelschnur zwischen mir und dem Licht der Tiefe. Nachdem ich das Studium zur allgemeinen Zufriedenheit gemeistert hatte, wogte ein Aufatmen durch meinen Körper. Mir war, als hätte ich meine Pflicht erfüllt und dürfe nun losgehen, mein Leben zu beginnen. Ich beschloss, die Fäden der Marionette zu zerschneiden und die Konventionen der Angst auf die Probe zu stellen. Einen Arbeitsplatz hatte ich rasch gefunden und beantragte noch im selben Jahr zwei Monate unbezahlten Urlaub, der mir ermöglicht wurde. Ohne klare Vorstellungen, was auf mich zukam, kaufte ich ein Flugticket nach London und flog los.

Heathrow Airport. Die Dame am Schalter frage ich nach einer Unterkunft in London. Sie nennt mir ein paar Jugendherbergen und gibt mir die Adressen. Vom Strom der Menschen lasse ich mich Richtung U-Bahn treiben. Die Karte vom U-Bahn-Netz erinnert an bunte Luftschlangen. Ich vergleiche die Adressen der Jugendherbergen mit den Namen auf der Karte. Dann entscheide ich mich für die nächstgelegene und kaufe mir ein Ticket. Nach ungefähr 45 Minuten ruckelnder Fortbewegung im Untergrund steige ich eine Treppe hinauf in die Außenwelt. Es wird bereits dunkel und ich versuche die Jugendherberge zu finden. Die Menschen hier sind sehr aufmerksam und hilfsbereit. Meine suchenden Blicke rufen sofort die Frage: „Are you lost?“ hervor. Ja, ein bißchen verloren fühle ich mich jetzt schon. Alles ist mir fremd: Die Geräusche, die Häuser und Straßen, Schilder, Sprache, selbst die Luft, die ich atme ist neu. Nach einigem Umherirren und Hin-und-her-laufen finde ich die Jugendherberge in einer düsteren Seitengasse. Sie ist recht schäbig, aber das ist mir egal. Es ist dunkel und ich bin müde. Alles, was ich jetzt brauche, ist ein Bett. Das bekomme ich dann zum Glück auch! In einem oberen Stockbett richte ich mich ein. Im Zimmer nächtigen noch zwei Männer. Der eine hat verschiedene Anzüge rund um sein Bett drapiert. Er scheint Geschäftsmann zu sein, der über längere Zeit hier lebt. Mit dem anderen unterhalte ich mich im Aufenthaltsraum beim Abendbrot. Er ist Australier und sitzt in London fest, weil Teile seines Gepäcks verschollen sind. Früh lege ich mich schlafen und denke noch kurz darüber nach, in welch eigenartiger Situation ich mich befinde: So ohne Ziel und Zweck im selben Raum mit zwei anderen Gestrandeten in einer unbekannten Welt.

Am nächsten Morgen beschließe ich, mir ein anderes Quartier zu suchen. Da ich zwei Monate bleiben möchte, scheint es mir sinnvoll, ein freundliches Zimmer in einer Wohngemeinschaft zu mieten. Ich informiere mich bei der Angestellten der Herberge, wie ich vorgehen könnte, um eines zu finden. Was ich brauche, ist ein A-Z: Das ist der Stadtplan Londons in Taschenbuchformat. Und ein Loot-Kleinanzeigen-Magazin. So starte ich optimistisch in den neuen Tag und besorge mir beides im Kiosk auf dem Weg zur U-Bahn-Station. Damit fahre ich ins Zentrum zum Piccadilly Circus, setze mich in ein Café und beginne im Loot nach Zimmern zu schauen. Schnell wird mir klar, dass ich keinerlei Anhaltspunkte habe, die mir helfen, in der Flut von Angeboten das richtige auszuwählen. Ich kenne die Stadtteile nicht und weiß nicht, wo sie liegen. Wieder führt meine offensichtliche Verwirrung dazu, dass vom Nachbartisch aus Hilfe angeboten wird. Ein grobes Auswahlverfahren entsteht und bald mache ich mich ans Telefonieren. Die meisten Zimmer, die ich ausgewählt habe, sind schon vergeben. Der Zeitraum, für den ich das Zimmer brauche ist Vielen zu kurz. Mein Enthusiasmus verebbt bereits, als ich wieder eine Nummer wähle. Nach kurzem „Radebrechen“ meinerseits ertönt am andern Ende die Frage: Bist Du Deutsche? Und dann geht plötzlich alles ganz schnell. Andrea, die ursprünglich aus München kommt, und ihr Freund Paul sind auf dem Sprung nach Südafrika, um dort Pauls Familie zu besuchen. Sie werden London für zwei Monate verlassen und hatten schon aufgegeben, noch eine Zwischenmieterin zu finden, da sie den Flug für morgen gebucht haben. Die Situation scheint so unglaublich schicksalhaft, dass ich sofort entscheide, das Zimmer zu übernehmen. Einen Tag später beziehe ich mit meinen Habseligkeiten mein temporäres Zuhause.

Als ich in Brixton den U-Bahnhof verlasse, betrete ich die Welt der karibischen Einwanderer, was mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar ist. Weil ich nichts weiß von den gewaltsamen Ausschreitungen und dem Gefahrenpotential dieses Stadtteils, bewege ich mich neugierig und entspannt weiter auf der Suche nach der Adresse. Ich betrete einen Pub an der Ecke, um zu fragen, wohin ich gehen müsse. Eine alte Schwarz-Afrikanerin steht hinter dem Tresen. Die geblümten Tapeten sind braun von Feuchtigkeit und lösen sich in den Ecken von der Wand. Plötzlich habe ich das surreale Gefühl, in einem Kinofilm gelandet zu sein. Auf meine Frage hin weist mir die Frau den Weg und ich finde nach kurzer Zeit zur Electric Avenue, international bekannt durch das gleichnamige Lied von Eddy Grant, was ich in diesem Augenblick für einen witzigen Zufall halte. Ist es aber nicht, denn das Lied handelt von exakt dieser Straße, in der ich von nun an lebe. Auf der mondsichelförmigen Electric Avenue findet täglich Markt statt, der von jamaikanischen Ständen dominiert wird. Hier werden vor allem erstaunliche Obst- und Gemüsesorten angeboten. In den Erdgeschossen der dahinter liegenden Häuser sind Geschäfte. Deshalb habe ich Schwierigkeiten die schmale Haustür neben der Metzgerei zu finden, die mich zu meinem Zimmer im Dachgeschoss führt. Der Raum ist hell und ich fühle mich sofort wohl. Auf dem Dielenboden liegt eine breite Matratze. Daneben stehen ein altersschwaches Radio und ein selbstgebastelter Kleiderständer. Im Zimmer nebenan wohnt John. Er bezeichnet sich selbst als Schriftsteller, jobbt stundenweise in einem Café um die Ecke und raucht permanent Hasch. Demzufolge ist er auch chronisch gut gelaunt, was den Umgang mit ihm sehr angenehm macht. Auf dem Stockwerk darunter gibt es zwei Zimmer, die von zwei jungen Israelis bewohnt werden, die Küche und ein gemeinsames Wohnzimmer. Leah und Aaron verbringen wie viele ihrer Landsleute nach dem Abitur ein Jahr in London, in dem sie so ausgelassen wie möglich das Leben genießen. Da Weihnachten vor der Tür steht, flackern im Wohnzimmer bunte Lichter an einem Christbaum, was sicher auf Andreas Initiative zurückzuführen ist. Sie hat Aaron auch „Laßt uns froh und munter sein“ beigebracht, das er fehlerfrei intoniert. Sofort bin ich in die WG-Familie integriert und es werden Pläne für Heiligabend geschmiedet. Den verbringen wir dann in bunter Gemeinschaft unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen auf typisch englische Weise mit Papierkronen, Knallbonbons und Spielen vor prasselndem Kaminfeuer. Am nächsten Tag feiern wir Chanukka. Leah und Aaron haben viele jüdische Freunde eingeladen. Mir wird bewußt, dass diese Juden aus aller Welt durch ihre gemeinsame Sprache verbunden sind. Obwohl ich mich freue, dabei sein zu dürfen, kann ich meine „Kollektivschuldgefühle“ nicht ganz ignorieren als ein junger Mann mir freudig erzählt, seine Großmutter käme aus Deutschland. Wir essen in Fett ausgebackene Kuchen und singen bis tief in die Nacht hinein hebräische Lieder. Dadurch entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das über die Vergangenheit hinaus trägt.

Nach diesem für mich spektakulären Beginn meiner Reise verbringe ich viel Zeit am Küchenfenster. Im Haus gegenüber befindet sich ein Frisörsalon für Schwarze. Ich beobachte, wie kunstvolle Frisuren aus Haarteilen geknüpft und geflochten werden. Da gibt es Strähnen in vielen Längen und Farben, Zöpfe, bunte Perlen, Bänder und allerlei weitere Zutaten für die aufwendige Haartracht der Frauen. Am Ende der Straße führt eine Bahnlinie quer darüber. In kurzen Abständen sausen Züge vorbei. Besonders spät abends erinnert die Szenerie an Bilder von Edward Hopper. Unter dem Viadukt erstreckt sich eine Art Einkaufszentrum. Viele indische Läden bieten dort Saris, Stoffe und Gewürze an. Abends packen die Jamaikaner unter meinem Fenster ihre Marktstände zusammen und singen dabei Lieder aus ihrer Heimat. Die exotische Fülle an Waren und andersartigen Menschen entführt meinen Geist in ferne Länder. Ich sitze hier in einem Zimmer in einem Haus in einer europäischen Hauptstadt und bin zugleich Teil der Weltgemeinschaft. Ich fühle jetzt sehr intensiv, wie es ist, lebendig zu sein.

 


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