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„Oft gefallen, aber immer wieder aufgestanden“ von Ines

Manchmal frage ich mich, ob es mein bisheriges Leben nicht das lebendig gewordene Drehbuch einer Doku-Soap ist. Aber immer der Reihe nach.

Geboren wurde ich 1984 als drittes von vier Kindern. Ich habe eine jüngere und eine ältere Schwester – die beiden waren immer extrem brav und pflegeleicht. Mein großer Bruder und ich dagegen haben Muttis flottes Mundwerk geerbt – was uns beide manchmal in Teufels Küche gebracht hat. Was es mir auch nicht gerade leichter gemacht hat, war, dass meine Mutti ungeheuer locker drauf war, zu locker womöglich – sie hat die Zügel ganz schön schleifen lassen und mir ziemlich lange fast alles durchgehen lassen. Sogar, dass mich mein großer Bruder schon mit zwölf/dreizehn mit zur Disco schleppte.

Überhaupt war ich in dem Alter dermaßen aufmüpfig, dass meine Mutter dann doch manchmal hart durchgreifen musste. Um mir zu zeigen, wie ernst sie es meint, hat sie mir sogar die Jugendweihe verboten – und sie hat das tatsächlich durchgezogen, ich war als einzige aus der ganzen Klasse nicht dabei. Trotzdem hat mich Mutti in der Schule meistens in Schutz genommen, wenn ich dort wieder mal etwas angestellt hatte und sie deswegen in die Schule bestellt wurde.

Mein Vater war dagegen immer ein sehr stiller Mensch. Ich hatte manchmal das Gefühl: Er ist zwar da, aber irgendwie auch nicht da, obwohl er direkt vor mir im Sessel saß …

Als meine jüngere Schwester geboren wurde, blieb Mutti fünf Jahre lang mit ihr zu Hause. Unser Nesthäkchen brauchte ganz viel von Muttis Zeit und Aufmerksamkeit. Die Kleine war nicht besonders schnell im Denken und begann erst ganz spät zur reden. Wie sich herausstellte, hat unsere Jüngste eine leichte geistige Behinderung.

Ich bin eigentlich ziemlich pfiffig. Das Lernen fiel mir nicht schwer, aber ich hatte einfach keine Lust auf Schule. Ich wollte leben. Feiern. Party machen.

Als ich dreizehn war, wurde bei meiner Mutti plötzlich Lungenkrebs diagnostiziert. Das war der totale Schock für uns alle. Ich habe versucht, meine Angst zu betäuben und habe noch mehr gefeiert und noch mehr Party gemacht. Drei Jahre später schien Mutti geheilt und wir waren alle total erleichtert, doch dann kam der große Rückschlag. Am 19. Dezember 2001, kurz vor Weihnachten, starb sie – ihr ganzer Körper war voller Metastasen …

Da stand mein Vater plötzlich mit vier Kindern allein da. Und obwohl er sich große Mühe gab, war er mit der ganzen Situation total überfordert. Ich selber habe mich total hängen lassen, habe versucht, meinen Kummer mit Alkohol und Party zu betäuben. Zwischendurch hab ich versucht, ein bisschen Mama für die Jüngste zu spielen, aber diese Rolle übernahm meine große Schwester sehr rasch. Aber ich war manchmal total außer Kontrolle. Kein Wunder, dass ich in der 9. Klasse aus der Schule raus und nach Leipzig in ein Internat musste. Dort habe ich die 9. und die 10. Klasse in der Abendschule nachgeholt und nebenbei gejobbt, um mir ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Nach Hause durfte ich nur aller vierzehn Tage am Wochenende.

Nach dieser Zeit bin ich zurück nach Leisnig, habe in Döbeln eine Hauswirtschaftslehre gemacht und danach noch eine kaufmännische Lehre angefangen. Und nebenbei wieder: Party, Männer, Männer, Party – bis ich plötzlich schwanger war …

Meine E. kam im Oktober 2004 auf die Welt. Und dieses Kind hat mich gerettet. Als ich die Kleine in meinen Armen hielt, war es, als hätte jemand einen Schalter in meinem Kopf umgelegt. Ich wollte gut für dieses kleine Wesen sorgen. Und ich tat es, auch wenn es mir meine Tochter anfangs nicht leicht machte. Sie war das, was man ein „Schreikind“ nennt – von vierundzwanzig Stunden hat sie einundzwanzig geschrien, geschrien, geschrien …

Nur gut, dass mich meine große Schwester so unterstützt hat. Sie war nicht nur bei der Entbindung dabei. Sie war auch danach für uns beide da, wann immer wir sie brauchten. Dafür bin ich ihr noch heute unglaublich dankbar.

E.s Vater dagegen hat sich nicht um uns gekümmert. Er hat die Vaterschaft nicht anerkannt, hatte mir damals sogar Geld angeboten, wenn ich mich für eine Abtreibung entscheiden sollte. Und dann, als die Kleine geboren war, hat er mir erklärt, dass er „weder Mädels mache noch Mädels wolle …“ Nun ja, ich hab mich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Ich war für mein Mädchen da. Zusammen mit meiner großen Schwester. Und als E. drei Jahre alt war, da hatte sich alles prima eingespielt.

Gerade als endlich Ruhe einzukehren schien in mein Leben, da geschah das nächste Unglück: Im März 2008, als E. und ich meinen Vater und meine kleine Schwester besuchen wollten, da merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Mein Vater lag in der Küche am Boden. Sein Körper war schon ganz kalt. Wie ich später erfuhr, musste er die ganze Nacht dort gelegen und meine kleine Schwester am Fenster gestanden und rausgeschaut haben. Als habe sie auf uns gewartet, weil sie sich anders nicht zu helfen wusste …

Vaters Tod war der nächste Schock. Nur gut, dass ich damals schon meine Tochter hatte! Sie hat mir den nötigen Halt gegeben, um nicht wieder abzustürzen. Ich machte sogar meinen Abschluss als Bürokauffrau noch zu Ende und begann dann zu arbeiten. Alles schien gut zu werden, doch nach einer Weile begann mein Chef, mir nachzusteigen, er ist sogar bei mir zu Hause aufgetaucht. Da habe ich gekündigt.

Ich war dann einige Jahre arbeitslos, musste mit E. von Harz IV leben. Das war nicht leicht, aber ich war sparsam und kam zurecht. Und hab es meistens sogar geschafft, E.s kleinere und größere Wünsche zu erfüllen, worauf ich schon ein bisschen stolz bin.

Das Gute an meiner Arbeitslosigkeit war, dass ich viel Zeit für E. hatte. Wie habe ich mich darüber gefreut, dass sie es sogar problemlos aufs Gymnasium geschafft hat und dort prima mitkommt.

Wieder schien es, als würde mein Leben endlich in ruhigerem Fahrwassern weitergehen – da wurde bei E. eine starke Skoliose diagnostiziert und eine Zeit voller neuer Sorge begann. 2011 musste E. an der Wirbelsäule operiert werden. Doch glücklicherweise verlief die OP ohne Probleme.

Seit Januar dieses Jahres habe ich wieder eine Arbeit – allerdings in drei Schichten. Meine E. ist seitdem sehr selbstständig geworden. Sie hilft auch viel im Tierheim und ist oft draußen. Ich bin ziemlich stolz auf mein Mädchen und weiß, dass sie ihren Weg machen wird.

Nun fehlt eigentlich nur noch eines für mein Glück: Ein guter Mann, mit dem ich glücklich sein könnte. Tatsächlich habe ich Ende letzten Jahres jemanden kennengelernt, in den ich mich Hals über Kopf verliebt hab. Er mag meine E. sehr gern und E. hat ihn wie einen Vater in ihr Herz geschlossen. Allerdings wäre ja alles zu einfach, wenn es da nicht wieder einen Haken gäbe. H. lebt zwar in Scheidung, aber seine Frau stand schon ein paarmal vor meiner Tür und hat mich schrecklich beschimpft. Und er? Schafft es nicht, sich wirklich durchzusetzen und sich zu uns zu bekennen.

Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas werden kann mit uns beiden. Aber was ich weiß: Dass ich eine geübte Stehauffrau bin. Ich habe mich schon so oft wieder aufgerappelt. Ich werde mich auch dann wieder aufrappeln, wenn es mit einem gemeinsamen Glück nicht klappen sollte.