Neustart von Regine Krätzschmar

Dialog mit meinem inneren Schweinehund

Nach abgeschlossener Lektüre eines ausgeliehenen Buches ist heute Folgendes passiert:

Im Selbstgespräch murmelte ich zu mir: Nun habe ich dieses Buch gelesen und ohne Folgen für mich kann das nicht bleiben. Genau!

Liebe Leser: kennt ihr die Drei-Tage-Regel?

Das hat nichts mit nötigem Wäschewechsel, Besuchsdauer bei den Schwiegerleuten oder Wetterbericht zu tun. Nach spätestens drei Tagen müsst ihr wenigstens beginnen, das umzusetzen, was ihr euch vorgenommen habt. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ihr euer neues Ziel in Angriff nehmt, mit Fallgeschwindigkeit.

Also los! Nicht irgendwann, sondern jetzt! Was wohl? Richtig, dem inneren Schweinehund müssen gründlich die Leviten gelesen werden.

„Und wer soll das tun?“, hörte ich ihn leise in mir lachen.

„Ich – ich – ich“, antwortete ich betont laut und langsam, so dass auch ein träger innerer Schweinehund deutlich meinen Willen begreifen konnte – wenn er nur wollte.

Er begriff jedoch scheinbar nichts, sondern lachte weiter leise vor sich hin. War das ein Wunder? Nein, denn er kannte es überhaupt nicht, dass er mal ermahnt oder gefordert wurde. Vermutlich wusste er nicht mal, was ICH bedeutet.

„Bertl, hör´zu, ich WILL jetzt meine Turnschuhe anziehen und eine Runde laufen.“

„Oh, du gibst mir einen Namen, hast du auch einen?“

„Ich bin Regine.“

„So, so, du meinst, es hilft dir, wenn du mir einen Namen gibst?“

„DU bist schließlich nicht ICH, also können wir auch beide einen Namen haben. Moment mal, du versuchst doch eben, mich von meinem Vorhaben wegzuschwatzen.“

„Dafür bin ich ja da – ha, ha.“

„Wer hat die Kartons vor das Schuhregal gestellt, brummte ich, Bertl, du?“

Ich merkte, dass ich missmutiger wurde.

Scheinbar desto fröhlicher gab mir Bertl zu bedenken, dass nur ich hier wohne.

Inzwischen war es mir gelungen, meine Schuhe aus der hinteren Reihe nach vorn zu kramen. Meine Kinder hatten mir diese Schuhe vor vielen Jahren geschenkt. Mit ihnen habe ich in Berlin schon einen Halbmarathon (walken) geschafft. Danach wurden sie nur noch selten beansprucht.

„Siehst du, Bertl, die Schuhe stehen schon ewig hier, haben schon auf mich gewartet.“

„Ja, sehe ich, deshalb ist vor Staub kaum noch die Farbe zu erkennen. Ist doch `ne Schnapsidee, einfach so loszulaufen.“

„Nanu, wirst du jetzt grillig? Ich ziehe sie auch staubig an. Ich habe doch immer gewusst, dass ihre Zeit noch nicht vorbei ist. Wir starten einfach noch mal einen Neuanfang“.

Nun musste ich schmunzeln. Sollte sich Bertl nur ärgern, dass ich mein Vorhaben nicht aufgab. Ich hatte mich laufchic gemacht: Hose mit Leuchtstreifen, Jacke ebenfalls. Die Mütze und die Handschuhe lagen allerdings im Auto.

Bertl nutzte die Gelegenheit sofort, um zu sticheln: „Du willst doch bei dem Nieselregen nicht ohne Handschuhe und Mütze raus?“

„Ich setze die Kapuze auf und die Hände bewege ich beim Laufen. Außerdem bin ich wasserdicht!“, antwortete ich bestimmt.

Unser Korridordisput hatte einige Zeit in Anspruch genommen. Noch den Schlüssel einstecken! Von Bertl war nichts mehr zu hören. Die Haustür fiel endlich ins Schloss.

Inzwischen wurde es langsam dunkel. Der Weg entlang des Parks war jedoch hinreichend beleuchtet. Hier hatte auch niemand den wenigen Schnee beiseite geschoben. Ich konnte auf weichem, aber nicht rutschigem Untergrund laufen. Wichtig beim Laufen ist Rhythmus, hatte ich gelesen.

Hopp, hopp, hopp, hopp, hop, hopp

Hundert Meter im Galopp

Trapp, trapp, trapp, trapp, trapp,trapp

Mach nicht schlapp, mach nicht schlapp.

Plötzlich meldete sich Bertl:

Bleib mal stehn, bleib mal stehn,

du kannst doch auch langsam geh`n

Du bist ein Schuft, du bist ein Schuft,

ich krieg nämlich keine Luft.

Schnauf, schnauf, schnauf, schnauf, schnauf, schnauf,

gib doch endlich, endlich auf!

Schnauf, schnauf, schnauf, schnauf, schnauf, schnauf

ich komme nicht den Berg hinauf!

Was sollte das Gezanke und Geschnatter in meinem Kopf? Ich war doch erst im Urlaub, bin wohl doch nicht so ausgeruht, wie ich dachte. Meine Beine waren vom Spazierengehen sogar trainiert. Ob Bertl recht hatte, dass ich soeben dabei war, eine Hau-Ruck-Aktion zu starten, die sich bald im Sand verlaufen würde?

Ich lief langsamer, nur noch im Schritttempo.

„Bertl, hör mal, ich habe eine Botschaft für dich:

Der innere Schweinehund

Solange wir ihn nicht stören, lässt er uns dankbar allein.

Tun wir dagegen etwas, das er nicht mag, wird er größer und größer und versucht uns zu beherrschen.

Überwinden wir ihn jedoch und merken, wie gut es tut, seinem Ziel und oder Wunsch näher zu kommen, wird auch der hartnäckigste Schweinehund

GANZ BRAV.“

Dem hatte Bertl offensichtlich nichts hinzuzufügen. Wir, der Bertl und ich, trabten nun gemütlich zurück.

 

 


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