„Kommen und Gehen“ von Heike

 Ordnung ist ein wichtiges Prinzip im Leben von Heike.

Das muss es auch sein, sagt sie. Ansonsten würde es in ihrer Praxis drunter und drüber gehen. Heike ist Physiotherapeutin, Osteopathin und Yogalehrerin – seit mehr als zwanzig Jahren und zwar mit Leib und Seele.

Nichts Verspieltes lenkt den Blick ab in ihren Praxisräumen, nichts Überflüssiges. Alles wirkt klar, strukturiert. Jeder Gegenstand hat seinen festen, wohl durchdachten Platz. „Vielleicht ist Ordnung das, was mir stets geholfen hat, nicht zu tief zu fallen, wenn mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, wenn mein Leben aus den Fugen geriet“, überlegt sie, während sie mir in ihrem Garten ihre Stehaufgeschichte erzählt.

Auch an diesem grün-bunten Ort nahe der Mulde kann man bei genauerem Hinsehen erkennen, dass der scheinbaren „Wildheit“ in Wirklichkeit eine klare Struktur zugrunde liegt. Heike ist ihren Eltern dankbar dafür, dass sie sie mit diesem Sinn für Ordnung groß gezogen haben. Und mit dem für Disziplin. Beides habe einer glücklichen Kindheit keinen Abbruch getan …

Nach der Schule machte sie eine Lehre als Gemüsegärtnerin, genoss neben der Arbeit in der Natur das Leben mit ausgelassenen Diskobesuchen und die erste große Liebe. Ihre Ausbildung „schüttelte sie aus dem Ärmel“, sie bekam eine gute Stelle, sollte bald ein Fernstudium als Gartenbauingenieurin beginnen. Soweit der Plan. Doch dann geschah etwas Unerwartetes, etwas, das Heike und ihnen Mann mit unbändiger Freude erfüllte:

Ihr erstes Kind kündigte sich an.

Die Schwangerschaft verlief unkompliziert und es bereitete der künftigen Mama einen Heidenspaß, alles für die Ankunft des Kindes vorzubereiten: die winzigen Strampler auszusuchen, den Kinderwagen zu organisieren, das Körbchen, in dem das Kindlein dann schlafen sollte. Wie freuten sich die zukünftigen Eltern darauf, das kleine Wesen endlich in den Armen zu halten. Heike malte sich immer wieder aus, wie vollkommen dieses winzige Menschenkind ihre Tage und ihr Glück machen würde.

Doch dann, an jenem Tag vor Silvester im Jahre 1981, als das Baby sein Kommen ankündigte, verlief nichts mehr „normal“. Heike kämpfte im Kreißsaal einen Kampf gegen eine nicht enden wollende Geburtszeit und gegen ihre schwindenden Kräfte. Sie spürte an der Aufregung, die das Personal auf der Entbindungsstation nicht verbergen konnten, dass etwas „aus dem Ruder zu laufen“ schien …

Als das Kindchen endlich geboren war, brachten es die Ärzte sofort weg, um es gründlich zu untersuchen. Und dann, nach scheinbar endlosem Warten, kehrten sie mit einer niederschmetternden Diagnose zurück: Starker Sauerstoffmangel unter der Geburt, beim Kind sind schwerste Hirnschädigungen zu erwarten …

Der kleine Junge wurde sofort in eine Spezialklinik gebracht und dort betreut, während die Mutter angsterfüllt in Leisnig zurückblieb. Mit einem Wust von Gefühlen und Gedanken, die sich unablässig verknoteten. Und mit einem gewaltigen Berg voller Sorgen um das Kind, die ihr fast die Luft zum Atmen nahmen.

Als dann am 1. Januar 1982 die Nachricht kam, dass der Kleine den Kampf ums Überleben verloren hatte, stürzte eine Welt ein für die junge Frau. Sie fühlte sich wie gelähmt. Wieder und wieder kreiste die Frage in ihrem Kopf: Warum?! Warum?! Warum?!

Dann kam die Wut und es blitzte der Gedanke in ihr auf, die Hebammen und Ärzte zu verklagen. Waren die nicht schuld? Hatten die nicht versagt in jenen unendlichen Stunden?! Doch schnell wurde Heike klar, dass ihr so ein Rechtsstreit das verlorene Kind nicht wiederbringen würde …

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wurden Trauer und Wut abgelöst von Angst. Von der Angst vor den Fragen der anderen. Vor ihrem Mit-Leid. Am liebsten hätte sich Heike daheim verkrochen und wäre nie wieder hinausgegangen. Sie wollte nicht zurück in ihr „normales“ Leben, weil das nicht mehr „normal“ war.

Nein, es kam ihr nur noch leer vor.

Wieder war es der Vater, der sie zur „Disziplin“ rief und sie aufforderte, sich nicht zu verkriechen, sondern rauszugehen. Mit den anderen zu reden. Er schickte sie einfach zur Betriebsfeier der Gärtnerei. Und dort, im Miteinandersein mit den Kolleginnen, brach das Eis.

Etwas später befolgte das Paar auch den Rat des Frauenarztes, der Heike empfahl, so schnell wie möglich wieder schwanger zu werden. Das sei die beste Trauer-Therapie … Das sei wie bei einem Fahrradsturz – wenn man nicht aufstehe und gleich wieder aufsteige, würde man womöglich nie wieder … Heike fand den Vergleich ziemlich hinkend. Andererseits stimmte er sie nachdenklich …

So kam 1983 ihr zweiter Sohn zur Welt, zwei Jahre später ihr dritter. Wie sehr hatte sie während der beiden Schwangerschaften gezittert und gehofft, dass alles gut gehen möge … Und wie sehr halfen ihr die beiden Kinder dann tatsächlich über den Schmerz des Verlustes hinweg.

Als ihre beiden Söhne alt und verständig genug waren, erzählte Heike ihnen von ihrem großen Bruder. So blieb er Teil der Familie, gehört auch heute noch dazu.

Am Ende unseres Gesprächs berichtet mir meine Gesprächspartnerin davon, dass sie bei ihrer Arbeit als Physiotherapeutin seit einigen Jahren hautnah einen „Fall“ erlebt, der ihr deutlich vor Augen führt, was es für ihr Kind bedeutet hätte, wenn es mit seinen schweren Schädigungen am Leben geblieben wäre. Zwischen den Zeilen höre ich heraus, mit welcher Fürsorge und welcher Hingabe sich Heike dem betroffenen Kind und seiner Familie widmet – weit über das Maß ihrer „normalen“ Aufgaben und Zuständigkeiten als Physiotherapeutin hinaus …

Ganz zuletzt erzählt sie mir leise, dass sie sich manchmal, wenn sie ganz aufgewühlt von einer Behandlung bei diesem Kind zurück nach Hause kommt, fragt, ob sich ihr Sohn damals „bewusst“ dafür entschieden habe zu gehen, statt „so“ zu bleiben.

So wie sie diese Frage ausspricht, spüre ich, dass sie keine Antwort von mir erwartet. Sie schaut mich nicht an, richtet den Blick in die Ferne.

Ich schweige gemeinsam mit ihr und lenke meinen Blick zum selben Punkt.

 

 

 


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