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„Keine Entwicklung ohne Scheitern“ von Kleini

Nur kurz war die Zeit des Nachdenkens über den ungewöhnlichen Titel „Steh-Auf-Geschichten“, der mir im November 2017 beim ersten Besuch des Mittweidaer Müllerhofs auf einem Plakat auffiel. Reichlich platt war der Spontangedanke, dass das allmorgendliche Aufstehen mir an manchen Tagen arg lästig war und die Umstände der mühseligen Erhebung aus dem Pfuhle durchaus berichtenswert wären. Doch würde das den Zweck der Übung, anderen Mut zu machen, „Umbrüche im Leben zu meistern“, zuwider laufen, wenngleich mein tägliches Aufstehen zuweilen großen Mutes bedurfte. Das Leben meistern die wenigsten Menschen vom Bette aus (was nicht als Anspielung auf gewisse Berufsbilder missverstanden werden soll). Dennoch ist das Bild nicht völlig verfehlt. Denn nur, wenn man sich beim täglichen Aufstehen aus der Horizontalen in die für den Menschen charakteristische Körperhaltung begibt, ist man zum Rückgrat gestützten aufrechten Gang in der Lage – notwendig, um beim Lauf durchs Leben Gefahren zu erkennen, Positionen zu vertreten, um sein Ziel zu kämpfen, kurz: das Leben zu meistern. Auch wenn eventuelle Ab- und Umstürze, ob durch eigenes Verschulden oder durch äußere Umstände verursacht, nie auszuschließen sind, kommt es doch immer darauf an, sich danach zusammen zu rappeln, zu schütteln und aufzustehen. Denn Liegenbleiben ist von allen Handlungsmöglichkeiten die allerschlechteste. Mut? – der ist schon notwendig; aber allein reicht er nicht aus.

Im substantivierten Verb „Meistern“ steckt der „Meister“. Das ist einer, der auf einem Gebiet seinen Weg kraft Könnens geht und im Idealfall berufliches und persönliches Glück erreicht. Was ihn auf diesem Wege antreibt, ist neben dem Mut vor allem die Vorstellung vom Ziel und die Durchhalte-(Leidens-)fähigkeit. Nur wer sein Ziel nicht aus den Augen verliert, wird es als Richtschnur oder Wegweiser zur Verfügung haben. Was nicht ausschließt, dass man sich aufgrund äußerer oder innerer Veränderungen nach einem neuen Ziel umsieht. Ziellosigkeit dagegen ist schädlich, weil man mal dies, mal das probiert, nach allen Seiten offen ist, auf günstige und oft kurzfristige Gelegenheiten lauert. Und wer nach allen Seiten offen ist, kann bekanntlich nicht ganz dicht sein.

Neben Mut, Können und Zielvorstellung muss Vertrauen treten sowohl in die eigenen Fähigkeiten als auch in die begleitenden Mitmenschen oder/und in eine höhere Macht, die von Christen Gott, von Moslems Allah, von anderen Schicksal benannt wird. Selbst der große Denker Jean Paul Sartre als Urvater des Atheismus fühlte am Ende seines Lebens, dass es mehr als reine Materie geben müsse, einen Sinn, der hinter Allem steht und leitet.

Mit den Schlüsselbegriffen Mut, Ziel, Können, Vertrauen sind wir nun endlich bei einer von zahlreichen möglichen ganz persönlichen Geschichte angelangt.

Glückliche Kindheit in Mittweida – aber welche Kindheit wird in späteren Jahren nicht als schön empfunden? Erst in späteren Jahren entwickelt sich auf dem Wege zum erwachsenen Menschen (wann ist man „erwachsen“?) ein Problembewusstsein, das einen die Realität zunehmend als vielfältig und verwirrend wahrnehmen lässt. Damit steigen auch Verunsicherung und Unzufriedenheit – und die Sehnsucht nach der ach so sorgenfreien Kindheit. Dieser Sehnsucht liegt ein fundamentaler Irrtum zugrunde: Jedes Kind wächst in der Regel im Schutze der Eltern auf, muss sich ums tägliche Essen keine Gedanken machen, erst recht nicht um Politik und gesellschaftliche Umbrüche. Eine Käseglocke des äußeren Schutzes und des noch nicht entwickelten Problembewusstseins ließ nicht nur mich Glück finden im täglichen Spiel mit Freunden beim Fußball auf einem freien Platz nahe dem Technikum, bei mitunter gefahrvollen Spielen in den Schwanenteichanlagen, z.B. wenn wir mittels langer Stangen mit der Frühjahrsschmelze große Eisschollen frei hackten, um dann möglichst rasch auf gefährlich sich neigenden Schollen von einem Ufer zum anderen zu rennen. Kindliches Glück auch auf den Kletterfelsen entlang der Zschopau, bei der Entdeckung von Jungfüchsen ebendort und dem danach jederzeit möglichen Besuch der Fuchsfarm. Schule? – das nahm ich hin wie’s Wetter. Sie war eben da und ich ging täglich brav den Weg von der Melanchthonstraße zur Fichte. Diese Beeinträchtigung des kindlichen Zeitablaufs wurde in meinem Empfinden dadurch gemildert, dass ich dort alle meine Freunde wieder traf und wir beratschlagen konnten, was wir an den Nachmittagen anstellen könnten. Und da gab es nicht wenig Auswahl, was aber hier nicht Thema sein soll. Auch soll hier kein Thema sein, dass es in der Schule gewisse ideologisch bedingte Probleme gab, wenn z.B. in christlich geprägter Tradition aufwachsende Kinder von manchen Lehrern offen – wir würden heute sagen – gemobbt wurden und folgerichtig eine Mehrheit der gottlosen Kinder uns als hinterwäldlerische Pfaffenknechte beschimpfte und auf dem langen Weg zur Kirche oftmals Steine in unsere Richtung flogen. Auch soll weder die glaubensbedingte und offiziell vom Schulleiter begründete Benachteiligung bei der Entscheidung des Wechsels von der POS zur EOS eine Rolle spielen noch die entwürdigende und schmerzhafte Behandlung durch unsere Russischlehrerin. Die hat es immerhin geschafft, dass ich zweimal in meinem Schülerleben den Unterricht schwänzte. Schwamm drüber! Im Großen und Ganzen war’s mir eine behütete und glückliche Kindheit, in der die Freundesgruppe eine substanzielle Rolle spielte. Die Pädagogik spricht in diesem Alter von der peer group, die als Sozialisationsinstanz neben Eltern und Schule bei jedem Kind für die Wertevermittlung von größter Bedeutung ist.

3. August 1961: Noch keine 14 Jahre alt, werde ich aus dieser kindlichen Idylle herausgerissen. Meine Eltern setzten ihren seit einem Jahr bestehenden Plan um, die DDR zu verlassen. Über Nacht ist für mich die Unbekümmertheit zerstört, meine Freunde nicht mehr erreichbar, die vertraute Umgebung Technikum- und Schwanenteichanlagen, Fichteschule, Innenstadt und die katholische Laurentiuskirche in weite Ferne gerückt. Ich fühlte mich wie ein Stück Treibholz, das an ein entferntes Ufer gespült worden war – und nun trocken lag. Heimweh peinigte noch viele Jahre – im Grunde bis zum Herbst 1989 – immer wieder meine Gemütswelt.

Was tun an neuen und fremden Ufern? Der Glaube an das Gute, Mut und Vertrauen waren gefragt – und Offenheit für die neue Situation, Lernbereitschaft. Das begann schon mit dem mir damals unverständlichen hessischen Dialekt. Schlimmer aber war, dass nur Wenige mein ausgeprägtes Sächsisch verstanden und einer meiner neuen Lehrer gar meinte, ich sollte doch erst mal Deutsch lernen, bevor ich eine deutsche Schule besuchte. Vom Roten Kreuz gespendete Kleidung (für die familiäre Ersteinrichtung auch eine weitere großzügige Beihilfe) war äußerst hilfreich, isolierte mich aber in der Gymnasialklasse, in die ich nach etwa einem Monat von der (damals 8-jährigen) Volksschule wechselte, zusätzlich. Denn dem letzten Modeschrei entsprachen die dunkel-tristen Klamotten absolut nicht. Die Isolation wurde durch den Wohnort gesteigert. Von allen Jungs im Dorf besuchte ich als einziger das in etwa 12 km Entfernung liegende Grimmelshausen-Gymnasium in Gelnhausen. Wegen des hoffnungslosen Rückstandes in Englisch (in der Fichte zumeist ausgefallen und nur noch bruchstückhaft vorhanden) und Latein (völlig ohne Vorkenntnisse) waren mir zwar zwei benotungsfreie Schuljahre eingeräumt worden, doch gab es auch z.B. Mathematik, wo wegen eines anderen Lehrplanes Rückstände aufzuholen waren, die meine Eltern wegen des kostenträchtigen Nachhilfeunterrichts in den Sprachen nicht auch noch stemmen konnten. Aber auch der mir bis heute in lebhafter Erinnerung gebliebene Rückschlag in meinem Lieblingsfach Deutsch, wo mir eine wegen eines Missverständnisses erteilte 5 in der allerersten Arbeit den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohte, konnte mein Selbstvertrauen nicht nachhaltig erschüttern. Ich wusste, dass ich es besser konnte.

Im Dorf war alles einfacher. Hier fand ich am ehesten eine Anknüpfung an die Mittweidaer Vergangenheit, wenngleich die Landschaft eine ganz andere war, ohne Fluss, Felsen und Schwanteich. Zu den Schülerinnen und Schülern der damaligen 8. Volksschulklasse bestehen bis heute beste Beziehungen, wofür ich sehr dankbar bin. Obwohl hier der natürlich und vielleicht noch stärker als in Gelnhausen bestehende Dialektunterschied bestand, nahm man mich auf, als wäre ich schon immer da gewesen. Das mit dem Wegzug aus Mittweida entstandene Sozialvakuum wurde so schnell gefüllt. Es kam zur Mitgliedschaft im örtlichen Fußballverein, wo ich bald in der Jugendmannschaft einen festen Platz hatte, und zum Eintritt in die Kolpingfamilie des Ortes. Auch wenn es sich um einen katholischen Verein handelte, war er doch sehr modern und schulte mit jugendlich geprägten Diskussionstreffen mein bis dahin komplett unterentwickeltes kritisches Bewusstsein. Mit zunehmenden Jahren (etwa ab 16/17) allerdings trennten sich die Wege zwischen den Altenmittlauer Jungs von meinem Weg. Sie standen allesamt in der Berufsausbildung, verfügten über monatliche Geldbeträge, die ihnen Gasthausbesuche, Reisen und erste Autos ermöglichten und damit auch einen besseren Zugang zur Mädchenwelt. Während ich zu Hause hinter Büchern hockte, Hausaufgaben machte, neben den Nachhilfestunden in Englisch und Latein auch noch den aktuellen Unterrichtsstoff beider Fächer bewältigen sollte, den ich wegen des Rückstandes zu oft gar nicht verstand.

Es war unwiderruflich die Zeit des Abschieds von der Kindheit gekommen. Jetzt hieß es, sich durchzubeißen, Leistung zu zeigen, neue Bindungen einzugehen. Das Ziel war klar: Weil mich eine glückliche Fügung (die mich damals gar nicht so glücklich machte) aufs Gymnasium geleitet hatte, stand das Abitur als Ziel fest. Was nur mit großem zeitlichen Aufwand zu schaffen war. Trotz aller Mühen und Entsagungen (oft fragte ich mich, ob ich nicht auch einen Beruf erlernen sollte, dann könnte ich mir ein Auto oder eine Parisfahrt leisten) kam es zu unerwarteten Rückschlägen.

Am Ende der 10. Klasse, die damals Untersekunda hieß, erhielt ich gleich in meinem ersten Wertungsjahr für die Fremdsprachen eine 5 in Englisch und noch eine in Mathematik. Katastrophe und Verzweiflung pur! Denn mit zwei Fünfen in den Kernfächern war ich sitzen geblieben! Eigentlich undenkbar in meiner noch immer DDR-geprägten Schulvorstellung. Wegen des Wechsels von Deutschland Ost nach Deutschland West hatte ich schon ein ganzes Schuljahr verloren, war also ein Jahr älter als meine Klassenkameraden. Und jetzt sollte noch ein Jahr obendrauf kommen? Für mich so beschämend, dass ich in einer ersten Reaktion die Schule verließ, um aber während der Ferien mich eines Anderen zu besinnen. Das Ziel war noch nicht erreicht, mein (Selbst-)Vertrauen war noch nicht gänzlich geschwunden und Durchhaltekraft war auch noch da. Ich nahm mir sehr ernsthaft vor, als Oldie in der neuen Klasse mir nie mehr die Butter vom Brot nehmen zu lassen – von niemandem! Also strich ich das Fußballtraining auf ein Mindestmaß und büffelte noch intensiver als früher. Zugute kam mir dabei, dass ich nach der Fertigstellung unseres ersten eigenen Hauses ein Zimmer für mich allein hatte und so ungestört bis spät nachts lernen konnte, und dass in Hessen mit zwei Kurzschuljahren der Schuljahresbeginn von Ostern auf September (wie in der DDR) verlegt wurde. Damit hatte ich kein ganzes Schuljahr, sondern nur ca. 7 Monate verloren.

Die Mühen lohnten sich: Auch wenn Englisch und Mathematik meine schwächeren Fächer blieben, so startete ich in anderen Fächern, wie Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde, geradezu durch, Latein begann mir Spaß zu machen. Mit den schulischen Erfolgen wuchs die Anerkennung, ich erhielt einen bislang nicht erfahrenen Wert im sozialen Miteinander. Das Abitur bestand ich nach der im Westen damals üblichen 13. Klasse – ein Erfolg, der mir an der DDR-Wiege nicht gesungen worden war.

Das Handlungsmuster behielt ich bei: Der Lehrerberuf war nun das neue Ziel. Und auch da wählte ich den mir am schwersten erscheinenden Weg mit Vollstudium zum Gymnasiallehrer in vier Fächern (Deutsch, Geschichte, Politik, Pädagogik). Rückblickend muss ich sagen, dass ich mich auf Grund der anfangs skizzierten Eigenschaften immer wieder – zuweilen auch mit bangem Herzen, aber immer voller Vertrauen – in neue Situationen begab.

Heute kann ich uneitel, aber stolz auf eine 40-jährige beruflichen Tätigkeit zurückblicken, die mir durch meine Dienstzeit im In- und Ausland umfangreiche Erfahrungen brachte und teils enge Freundschaften in vielen Ländern Europas. Darüber empfinde ich große Dankbarkeit und möchte auch etwas zurückgeben, z.B. durch Vorträge, von mir organisierte Gruppenreisen und breit gefächertes Engagement im sozialen Bereich. Womit auf geradezu wundersame Weise der Kreis vom Nehmenden zum Gebenden geschlossen wäre.