„Ich bin heute nicht hier, weil ich hier sein wollte“ nach einem Interview von Alfred Schwalk

(c) Silke Dietze, Fotozirkel Mittweida

Hier muss es sein, dachte Yvonne, als sie den Lieferwagen vor dem Wohnhaus stehen sah. ›Farben und Lacke – Anstriche ohne Abstriche‹ lautete der Werbebanner, der über die gesamte Fahrzeuglänge reichte. Yvonne war sechzehn Jahre alt, hatte gewelltes, blondes Haar und einige Pickel im Gesicht. Bevor sie an der Tür klingelte, betrachtete sie sich ein letztes Mal in ihrem Taschenspiegel. Endlich drückte sie auf den Taster und hörte im Haus einen Glockenton. Nur einen Augenblick später näherten sich Schritte und die Tür wurde geöffnet. Ein Mann stand in der Öffnung und füllte diese fast aus. Yvonnes Unsicherheit kehrte zurück, und sie zögerte einen Moment zu lange, etwas zu sagen.

»Ja, was ist?«, fragte der Mann.

Yvonne erkannte ihn wieder. Sie hatte ihn in einer Sendung des Regionalfernsehens gesehen, und da hatte er einen Satz gesagt, der ihr Interesse geweckt hatte.

»Herr Keller, ich bin Yvonne Rauch. Ich bin Redakteurin der Schülerzeitung ›Spitzer Stift‹, und ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.« Sie holte einen Schreibblock aus ihrer Tasche und drückte die Miene ihres Kugelschreibers heraus, den sie schon in der Hand hatte.

»Moment, langsam. Was hab ich denn mit der Schülerzeitung zu schaffen?«, fragte der Mann argwöhnisch.

»Können wir nicht ins Haus gehen?«, fragte Yvonne und bereute es im nächsten Moment. Was musste das für einen Eindruck auf ihn machen, wenn ein wildfremdes Mädchen unbedingt in sein Haus wollte. »Wir könnten uns auch in den Garten setzen«, setzte sie deshalb rasch nach.

Sie überlegte sich, dass sie ihm noch immer nicht gesagt hatte, weshalb die Zeitung Interesse an ihm hatte.

»Bitte entschuldigen Sie den Überfall. Wir – ich meine, ich – habe Sie im Regionalfernsehen gesehen und da haben Sie einen ganz markanten Satz gesagt, der für mich ungeahnt interessant war. Und deshalb bin ich hier, und möchte mit Ihnen über diesen Satz reden.« Sie setzte ein freundliches, fast freches Lächeln auf, mit dem sie nicht erst einmal ihren Willen durchsetzen konnte.

Er reichte Yvonne die Hand. »Ich heiße Peter Keller. Das ist doch sicher wichtig für dich.« Damit machte er eine einladende Bewegung, trat aus dem Haus, zog die Tür hinter sich zu und ging voran in den Garten zu einer Sitzgruppe, die von Efeu umwachsen war. Er zog einen Stuhl heran und bat sie, sich zu setzen. »Welchen bedeutenden Satz habe ich denn gesagt?«

Yvonne setzte sich und legte den Schreibblock auf den Gartentisch. Sie blickte Peter Keller direkt in die Augen und wurde im Augenblick ruhig und fand endgültig ihre Sicherheit. »Sie haben gesagt, dass sie heute nicht hier sind, weil Sie hier sein wollten. Das klingt für mich nach einem Abenteuer. Und unsere Schüler lesen gerne Abenteuer, die in ihrer nächsten Umgebung stattgefunden haben.«

Keller wirkte mit einem Mal nachdenklich. Er hatte seine Arme auf dem Tisch liegen und beschaute seine großen Hände. »Ich weiß nicht, ob es ein Abenteuer war, das mich hierher geführt hat«, sagte er.

Yvonne sah ihn herausfordernd an. »Das klingt interessant. Erzählen Sie mir alles, was Ihnen am Herzen liegt.«

»Mir liegt so vieles am Herzen, das ich sagen möchte, das dürfte aber meinen und auch deinen Zeitrahmen sprengen. Aber gut, ich fange einfach an. Wenn du Fragen hast, dann frage einfach dazwischen.«

Yvonne hörte wie gebannt zu, als er zu erzählen begann. Peter Keller stammte nicht aus der Stadt. Er wurde in einem Dorf ganz in der Nähe geboren.

»Meine Mutter hatte einen anderen Mann geheiratet, der mein Stiefvater wurde. Mein leiblicher Vater wohnte nicht weit entfernt, und ich hatte immer Verbindung zu ihm. Wahrscheinlich haben die Märchen recht, denn mit Stiefmüttern und Stiefvätern hat es seine Tücken.«

Yvonne glaubte, nicht richtig zu hören, dass Peter als Kind viel mehr arbeiten musste, als er spielen durfte, und seine Eltern legten wenig Wert darauf, dass er etwas in der Schule lernte. Es musste schlimm für den Jungen gewesen sein, wenn er heute erzählte, dass er sich mehr wie ein Sklave gefühlt hatte.

»Du kannst dir das nicht vorstellen, wenn du selbst nie in einer solchen Situation gewesen bist. Aber wenn du Schläge bekommst, und siehst, dass du der Einzige in der Familie bist, der so behandelt wird, dann passiert was mit dir. Ich habe mich so weit in mich selbst zurückdrängen lassen, dass ich als einzigen Ausweg … ich habe über Selbstmord nachgedacht.«

Yvonne beobachtete ihn aufmerksam. Es bewegte ihn heute genau noch so sehr, wenn er darüber redete.

»Ich habe mich an das Jugendamt gewendet. Sie haben mit meiner Mutter und meinem Stiefvater gesprochen, aber da haben die beiden natürlich ihre beste Seite präsentiert. Erst, als ich meinen richtigen Vater um Unterstützung bat, und wir meine Suizidabsichten als Grund angaben, kam Bewegung in die Sache. Ich kam endlich aus dem Haus und in ein Heim.«

»Sie sind freiwillig in ein Heim gegangen?«, fragte Yvonne und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie blinzelte sie weg, und vermied Blickkontakt zu ihm. Während sie schrieb, sagte sie: »Für mich ist das der wichtigste Umbruch in Ihrem Leben, obwohl ich den Rest noch gar nicht gehört habe.«

Keller erzählte weiter. Er hatte selbst erkannt, dass er ohne fremde Hilfe nicht aus dem Teufelskreis herauskommen würde. Und im Heim hatte er sich behaupten müssen, und er hatte andere Kinder und deren Probleme kennengelernt. Das hatte ihn dazu gebracht, sie zu unterstützen, wenn er der Meinung war, dass sie schlechter dran waren als er. Er bezeichnete es heute als Helfersyndrom.

Yvonne sah ihn eindringlich an. »Ich sinne über Ihren bedeutungsvollen Satz nach. Wann haben Sie sich entschieden, den Weg einzuschlagen, der Sie hierher gebracht hat?«

»Nach der Erkenntnis, dass das Heimleben mit achtzehn Jahren zu Ende sein wird. Mit siebzehn habe ich den Mietvertrag für eine eigene Wohnung unterschrieben und angefangen, mir Gedanken um eine Lehrstelle zu machen. Dabei habe ich Unterstützung vom Heim bekommen. Sie haben die ganze Berufsvorbereitung organisiert.«

»Wie waren Ihre schulischen Leistungen?« Yvonne erschrak über ihre direkte und persönliche Frage. »Entschuldigen Sie, wenn ich so geradeheraus frage, aber Sie hatten davon gesprochen, dass Ihr Stiefvater und Ihre Mutter nicht so viel von der Schule gehalten haben.«

Peter Keller nickte beschwichtigend. »Bis ich ins Heim kam, hatte ich nicht das nötige Pensum gelernt, und im Heim kam nichts dazu. Für eine Lehrstelle hätte ich mindestens den Realschulabschluss gebraucht. Mit der Unterstützung des Heims habe ich aber eine Lehre bei einem privaten Träger gefunden. Allerdings hat man mit so einem Abschluss nicht im Geringsten die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wie mit einem Gesellenbrief.«

»Das heißt, Sie haben danach keine Arbeit gefunden?«, fragte Yvonne weiter.

»Das will ich so nicht sagen. Ich wurde bei einer Leiharbeiterfirma angestellt. Die haben uns ausgesaugt und ausgebeutet.« Er machte eine Pause, schien zu überlegen, wie er weitererzählen sollte. »Die nächste Zeit hat mich alles andere als in die richtige Richtung geführt. Wenn es dir recht ist, möchte ich nicht im Detail darauf eingehen. Die Zeit war nicht ruhmreich. Das soll genügen.«

Yvonne fühlte sich mit einem Mal nicht gut. Hatte sie ihn zu sehr bedrängt, sein Leben vor ihr auszubreiten? Aber sie hatte noch nicht die Antwort, die sie suchte, die sie von ihm erwartete. Da musste noch eine Erfolgsstory sein, die ans Licht geholt werden wollte. Schließlich hatte er ein eigenes Unternehmen gegründet.

»Wie ging es weiter?«, fragte sie und legte den Kopf schräg.

»Wie es weiterging? Eine eigene Wohnung kostet Geld und das Lehrgeld reichte vorn und hinten nicht aus. Ich hatte nie richtig gelernt, mit Geld umzugehen. Die Folge war, dass ich hoffnungslos verschuldet war. Meine Mutter hat mir angeboten, nach Hause zu kommen. Hätte ich es nicht angenommen, wäre ich abgerutscht.«

»Sie hatten Kontakt zu Ihrer Mutter?«, fragte Yvonne erstaunt.

»Nicht direkt«, sagte Peter. »Das hat sie über Umwege erfahren. Ich hatte Kontakt zu Verwandten, die den Ernst der Lage erkannten und meine Mutter alarmierten.«

Peter machte eine kleine Pause.

»Ich bin bei ihnen eingezogen, aber es war nicht mein Zuhause. Es war vorher und auch nachher nie mein Zuhause gewesen«, sagte er, und es klang sehr verbittert. »Mein Stiefvater wollte mit mir weiter so verfahren, wie vor meiner Flucht ins Heim. Er hat nur nicht damit gerechnet, dass ich mich wehren würde. Aber ich glaube, das hat mich dann letztendlich bestärkt, meinem Leben seine neue Richtung zu geben. Ich hatte bisher gekämpft, ich würde auch weiterkämpfen, um auf eigenen Füßen stehen zu können. Ich wollte alles aus eigener Kraft erreichen. Und so habe ich eine zweite Lehre angetreten und endlich meinen Gesellenbrief bekommen.«

Yvonne sah ihn lange schweigend an. Ihr lag eine Frage auf der Zunge, die sie hätte einfach aussprechen können, sich aber nicht traute. Er schien es ihr anzumerken.

»Spuck es aus, was du fragen willst«, sagte er und lachte dabei.

»Sind Sie glücklich?«, fragte sie schließlich, und sein Gesicht wurde ernst.

»Es gab eine Zeit, in der ich glücklich war. Ich habe ein Mädchen kennengelernt, wir haben geheiratet, und als sie schwanger wurde, hatte ich zum ersten Mal einen Grund, mein Leben umzukrempeln. Unser Kind sollte in einer glücklichen Familie aufwachsen. Ich hatte eine Arbeit, das war ein Knochenjob, bei dem ich aber richtig Geld verdient habe.« Er ließ seinen Blick über das Grundstück gleiten. »Da kamen erste Gedanken auf, das hier zu kaufen und was Eigenes aufzubauen. Mein Leben hatte endlich einen Sinn bekommen.«

Ein etwa achtjähriger Junge mit blondem Schopf kam angelaufen und kletterte auf Peters Schoß. Das war sein Sohn. Sie wusste es sofort. Peter strich ihm zärtlich übers Haar und erklärte dem Jungen, dass er im Moment keine Zeit für ihn habe. Der Kleine rutschte herunter und trottete davon, fand aber sofort etwas, mit dem er spielen konnte.

Yvonne folgte dem Kind mit ihrem Blick, dann sah sie Peter wieder an.

»Also, wenn ich Sie und den Kleinen sehe, dann sind Sie für mich immer noch glücklich.«

»Wenn er bei mir ist, dann stimmt das auch. Aber er ist nicht immer bei mir. Er lebt sonst bei seiner Mutter.« Er zuckte mit den Schultern.

Die Beziehung hatte also nicht gehalten. Sie konnte mit ihren sechzehn Jahren nur erahnen, was es für ihn bedeutete, mit dieser Enttäuschung zu leben. Aber er hatte sich eine Existenz aufgebaut. Er war seinem Schicksal entflohen. Inwieweit verfolgte es ihn noch?

»Herr Keller, Sie sind heute ein erfolgreicher und gefragter Handwerker. Ich finde es süß, dass Ihr ungeborenes Kind Ihnen so viel Kraft verliehen hat, und ich bewundere Sie dafür, dass Sie es geschafft haben.«

»Ich habe es nicht alleine geschafft. Da waren Menschen in meinem Umfeld, die an mich geglaubt haben. Und ich weiß nicht, ob ich es so weit gebracht hätte, wäre ich in einer normalen Familie aufgewachsen. Ich habe das Kämpfen gelernt. Und das verlernt man nicht wieder.«

Yvonne sah ihm mit einem dankbaren Lächeln in die Augen und machte einen Strich unter ihre Notizen.

»Das wars?«, fragte Peter Keller verwundert.

»›Ich bin nicht hier, weil ich hier sein wollte.‹ Ja«, sagte Yvonne, »jetzt verstehe ich diesen Satz. Ich danke Ihnen.«

Sie schlug ihren Notizblock zu und ließ ihn in ihrer Tasche verschwinden. Dann erhob sie sich und reichte ihm die Hand. »Ich bewundere Sie wirklich, Herr Keller. Darf ich alles so schreiben, wie Sie es mir erzählt haben?«

»Wen sollte mein Leben interessieren?«, fragte er, er hatte sich ebenfalls erhoben und hielt ihre Hand noch immer fest.

»Glauben Sie mir«, sagte sie, »Ihre Geschichte wird viele junge Menschen zum Nachdenken anregen. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem weiteren Weg.«

»Du kannst Peter zu mir sagen.«

 

 

 


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