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„Horrorgeschehen“ von Walter Oehme

Horrorgeschehen auf einer Baustelle in Oberlichtenau im Jahre 1985

Um zehn Meter überragte ein turmähnlicher Gebäudeteil das Scheddach einer Produktionshalle. Zu vorzeitig war das Gerüst am Turm abgebaut worden. Darum wurde die längste Leiter eines Dachdeckergerüstes angelegt, um Restarbeiten zu verrichten. Die Leiter überragte das Turmdach um eineinhalb Meter. Nach Beendigung der Arbeit ging ein Lehrmeister mit seinen Lehrlingen daran, diese Leiter per Seil von da oben aus umzulegen, und auf dem Hallendach abzulagern.

Der Lehrmeister berichtet: Zwei Lehrlinge beauftragte ich, die Leiter auf dem Hallendach zu dirigieren, und mit dem Gros des Lernaktives wollte ich, wie erwähnt, mittels Seil das Umlegen der Leiter bewerkstelligen. Es sollte die letzte Handlung vor Arbeitsende sein. Da schrillte ein Pfiff. Diesem folgte die Anweisung des Bauleiters: Alle Mann runter, sofort! Wir erfuhren, dass ein Lastwagen durch einen Schaden die Straße blockierte. Dieses mit Ziegeln beladene Fahrzeug galt es umgehend zu entladen.

Nun waren es drei Probleme, die ich zu lösen hatte. Nämlich erstens: Die Leiter musste umgelegt werden, sie wurde anderswo dringend benötigt, das Fahrzeug zur Abholung war schon vorgefahren. Zweitens: Die Ziegel mussten vom Wagen. Und drittens: Der Personenzug, mit dem die Lehrlinge nach Karl-Marx-Stadt und mit dem Bus von dort ihren Wohnort erreichen, fährt in einer halben Stunde.

Die beiden Arbeitsaufträge sind bis zur Abfahrt des Zuges nicht lösbar. Andererseits: Sie erhoben aber den Anspruch der unbedingten Erledigung. Man musste einen Weg finden.

Wenn die Ziegel abgeladen sind“, sprach ich, „habt ihr Feierabend.“

Ich wusste, dass diese Handlungsweise verboten war. Die zwei Lehrlinge auf dem Hallendach ließ ich dort bei der Leiter. Der Fahrzeugführer hupte bereits ungeduldig.

Dass ich allein auf dem Turmdach agierte, sollte sich als schlimmer, unentschuldbarer Fehler erweisen. Nagelneu, daumendick, lag das Seil auf dem Dach. Zu spät spürte ich, dass ich die Leiter allein nicht zu halten vermochte. Ich hatte die Erkenntnis zur Umkehr verpasst. Die Leiter ließ sich nicht mehr zurückziehen, dies stellte ich bestürzt fest. Meine Absätze hinterließen Schmierspuren auf dem von der Sonnenwärme erhitzten Teerpappedach. Ein Gewitter von Gedanken raste durch mein Hirn. Ich wusste, dass mit jedem Zentimeter der Zug sich progressiv steigerte. In nur eins Komma fünf Meter vor mir war die Dachkante. Ein Kompressor dröhnte, Verständigungsmöglichkeit null. Als mich die Leiter bis auf einen Meter an die Dachkante herangezogen hatte, blieb nur noch die Handlung, das Seil loszulassen. Ich tat es nicht. Die Leiter würde das Glasdach der Halle zerschlagen, in dieser arbeiteten an Maschinen Menschen. Auch waren die beiden Lehrlinge in Gefahr, und mich würde dabei das dicke Seil, hinter mir liegend, hinunterreißen. Ich lag rücklings auf dem Dach, spürte den Zug. Die Absätze kratzten jetzt schneller. Es war der Zug vor dem Absturz. Ich dachte an den Tod. Jetzt waren meine Füße an der Dachkante. Ich erwartete unabwendbar den Sturz. Jetzt. Nein. Meine Schuhe befanden sich über der Dachrinne. Doch ich stürzte nicht. Ich hielt das Seil schmerzhaft straff umklammert. Jetzt stürze ich. Unabwendbar. Ich erlebte den Sturz, doch er fand nicht statt. Ich lag lang, wie auf einem Brett, Stille umfing mich. Der Kompressor war ausgeschaltet, als würde dies zu einer irren Choreografie gehören. Ich blickte in blauen Himmel. Das war die Stunde null. Schwalben flogen pfeifend über mich hinweg. Vorsichtig ließ ich das Seil aus meiner derben Umklammerung, und zog die Schuhabsätze über die Dachkante zu mir zurück. Noch begriff ich nichts, hatte den Befehl „Weg von hier“ in mir, ehe es sich dieses unerklärliche Phänomen anders überlegte. Das Seil hing nun in einem Bogen schlaff zur Leiter hin. Sie stand schräg von der Hausmauer ab. Da waren hinter mir Stimmen zu hören. Es waren jene der beiden Lehrlinge vom Hallendach.

Herr Oehme, was ist denn los?“ Die beiden stutzten, sie nutzten die Eisenleiter an der Hinterseite des Turmes.

Ich antwortete nicht, sondern befahl: „Den Strick anfassen, ich zähle bis drei. Eins – zwei – drei.“ Langsam kam die Leiter auf uns zu.

Später erfuhr ich, dass es ein Dachdecker war, der da langlaufend, in Erfassen der Situation, eine vier Meter Pfoste in die Leitersprossen stemmte. Er rettete mein Leben und verhinderte mit Sicherheit schwerwiegenden Schaden.

Mein Fehler resultierte aus einer Charaktereigenschaft, nämlich immer eine Lösung zu finden, nicht Nein zu sagen, ich musste mir den Vorwurf vom Bauleiter anhören, ›ja, warum hast du nicht Nein gesagt‹.

Dieser Vorwurf ist nun circa dreißig Jahre später das Motiv eines zu Herzen gehenden Schlagers. Wäre ich 1985 nicht von Klinge gesprungen, könnte ich heute nicht nach diesem Hit tanzen.