Geschrieben am

„HIOB – Die versteckte Botschaft“ von Ernst-August Elborg

Wer den Namen HIOB hört, assoziiert damit etwas Negatives. Der Begriff „HIOBs-Botschaft“ ist ein geflügeltes Wort dafür, dass einen eine schlimme Nachricht ereilt hat.

Wer an Gott und die Botschaft Jesu glaubt, weiß, dass die Bibel keine Angst machen soll. Bei der Bibel verhält es sich ähnlich wie bei Märchen. Auch wenn in Märchen böse und brutale Dinge geschehen, zeigen sie auf, dass am Ende immer das Gute siegt. In Märchen wird dies am Ende auch offen ausgesprochen.

In den biblischen Gleichnissen ist dies etwas komplizierter. Im Vergleich zu den Märchen sind die biblischen Geschichten sehr kurz. Die biblischen Geschichten wurden damals nur mündlich erzählt. Viele Erzähler hatten die Gabe, die kurzen Geschichten auszuschmücken und an die aktuelle Lebenssituation anzupassen. Die Zuhörer aller Zeiten erwarten, dass eine Geschichte am Ende gut ausgeht. Zuerst werden negative Ereignisse erzählt, wie sie viele Menschen persönlich erfahren haben. So wird ihr Interesse geweckt. Da es vielen Menschen nicht gelingt, ihre persönliche Not zum Positiven zu wenden, warten sie sehnsüchtig auf ein gutes Ende in der erzählten Geschichte. Warum ist es so schwer, in der grausamen Geschichte von Kain und Abel die positive Botschaft zu erkennen? Auch in der tragischen Geschichte von HIOB ist es schwer zu erkennen, warum HIOB so furchtbar leiden musste, zumal er nichts Böses getan hat.

Also begeben wir uns auf die Suche nach der versteckten Botschaft in der Geschichte von HIOB. HIOB ging es beneidenswert gut. Trotz seines Wohlstands führte er ein gottgefälliges Leben. Der äußere Rahmen dieser Geschichte, der durch ein Spiel zwischen Gott und Satan geprägt ist, spielt für die versteckte Botschaft keine Rolle. Die Menschen haben keine Chance auf das Wirken von Gott und Satan in irgendeiner Form Einfluss zu nehmen. Das Schicksal von HIOB können wir nachvollziehen, weil wir es uns menschlich vorstellen können. Viele Betroffene können das Leid von HIOB durch persönliche Schicksalsschläge ersetzen. Entscheidend ist, dass das Leid so heftig ist, dass man daran verzweifeln könnte. An dieser Stelle war auch HIOB angelangt, als er wünschte, nicht geboren zu sein. Das heißt, dass er ernsthaft darüber nachgedacht hat, Suizid zu begehen.

Was war nun der Auslöser für die Not von HIOB? Materielle Not ist kein Grund, Suizid zu begehen. Für manche Menschen, Mönche zum Beispiel, ist es sogar eine Tugend, arm zu sein. Der Verlust naher Verwandter ist ebenfalls kein Grund, an Suizid zu denken. Was also hat HIOB in diese seelische Notlage gebracht? Am Ende fühlte sich HIOB einsam und verlassen. Auch seine Freunde fanden keinen Zugang mehr zu ihm. Ihr Mitgefühl und ihre Hilfsbereitschaft sind von HIOB nicht angenommen worden. Wir Menschen wissen, dass es nicht genügt, jemandem in Not Hilfe anzubieten und Mitgefühl zu bekunden. Wenn der Betroffene es nicht annimmt, ist es so, als hätte man das Angebot erst gar nicht gemacht. Jeder hat es erlebt, wenn ein Geschenk bei dem Beschenkten nicht die Freude auslöst, die man erwartet hat. Ohne den tieferen Grund für die Ablehnung zu kennen, ist es eine Erkenntnis, dass ein nicht innerlich angenommenes Geschenk die Wirkung hat, als hätte es gar kein Geschenk gegeben.

HIOB ist in eine innere Isolation hineingeraten, wo ihn niemand in seiner seelischen Not verstanden hat. Wenn er keinen Menschen mehr findet, der ihm zuhört und sich in seine Notlage hineinversetzen kann, gerät er in existenzielle Not. Diese existenzielle Not ist menschlich bedingt, weil der Mensch nun mal ein soziales Wesen ist. Wenn der Mensch für längere Zeit von Menschen isoliert ist, stirbt er unweigerlich. Isolationshaft gehört zu den schlimmsten Foltermethoden, die zum Tode führt; es ist nur eine Frage der Zeit. Bei gläubigen Menschen dauert es etwas länger, weil sie die Hoffnung auf Gott so schnell nicht aufgeben. Wenn sie Gott aus dieser Not nicht befreit, verlieren auch sie unweigerlich den Glauben und am Ende die Hoffnung. Wenn die Hoffnung stirb, sind wir tatsächlich am Ende angelangt. Theologen mögen mir an dieser Stelle verzeihen, dass ich felsenfest behaupte, dass Gott Menschen in totaler Isolation auch nicht retten kann. Wenn die Vertreter der Kirche behaupten, dass den Menschen in höchster Not immer noch Gott tröstend zur Seite steht, drückt das aus, dass sie sich selbst nicht in eine solche Notlage hineinversetzen können.

All diese Zweifel an dem Glauben an Gott spielen in der Geschichte von HIOB keine Rolle. Die damaligen Menschen waren kaum in der Lage, sich einen nicht greifbaren Gott vorzustellen. Nur Menschen mit einem ausgeprägten Abstraktionsvermögen sind dazu in der Lage. Also muss hinter der Geschichte von HIOB eine Botschaft verborgen sein, die ein normaler Mensch verstehen kann.

Die Botschaft der Geschichte von HIOB ist sowohl an den Betroffenen, der sich in tiefster seelischen Not befindet, als auch an die Menschen gerichtet, die helfen wollen:

Der Betroffene hat Angst, dass er das Leid einfach nicht mehr aushalten kann. Er hat Angst, dass das jetzt schon nicht mehr zu ertragende Leid noch größer würde. Wie kann der Betroffene diese durchaus natürliche Angst überwinden? Was hinter dem jetzigen Leid folgt, können wir einfach nicht wissen. Die natürliche Angst stammt daher, dass wir aus der Vergangenheit schlimme Geschichten von Leid und Folter kennen. Da der Mensch besonders aus schlimmen Ereignissen lernt, Leid zu vermeiden, schafft er sich damit einen natürlichen Schutzmechanismus. Also muss der Betroffene diesen natürlichen Schutzmechanismus außer Kraft setzen. Dies kann ihm nur gelingen, wenn er den Mut aufbringt, sich auf das Danach einzulassen. Mut ist nicht deshalb eine der klassischen vier Tugenden, wenn Männer ohne Angst in eine Schlacht ziehen, sondern wenn man trotz Angst darauf vertraut, dass nach einem kaum noch auszuhaltenden Leid eine Besserung erfolgen kann. In den Weisheitslehren ist zu finden, dass sich schlimmes Leid plötzlich in sein Gegenteil verkehren kann. Die Überwindung eines schlimmen Leides kann zu einer wunderbaren Erkenntnis führen, die man durch ein ruhiges Leben niemals erlangen könnte. Also könnte die Botschaft für den extrem Leidenden lauten „Habe den Mut abzuwarten, dass hinter dem Leid eine große Belohnung erfolgt!“

Auch für die Menschen, die dem Betroffenen gerne helfen möchten, bietet die Geschichte von HIOB eine Botschaft an. Diese Botschaft scheint nicht so wichtig zu sein, weil die Helfer nichts zu befürchten haben, wenn der Betroffene sich nicht helfen lässt. Es kann lediglich sein, dass die Helfer ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie dem Betroffenen nicht helfen können. Gerade heute sind wir Meister darin, unser Gewissen zu betäuben. Wenn wir die leise Stimme unseres Gewissens doch mal zu Worte kommen lassen, werden wir hören, dass wir einem Betroffenen in größter seelischer Not doch helfen können.

Warum sollte es nicht möglich sein, sich in die Notlage des Betroffenen hineinzuversetzen? Wir nennen dies heute Empathie. Da wir gegenüber Empathie in unserer hektischen und überladenen Gesellschaft abgestumpft sind, heißt das noch lange nicht, dass wir für Empathie nicht mehr empfänglich sind. Wir können diese Empathie wieder erlangen, wenn wir uns gegen die hektische Welt abschirmen. Das ist schwerer als es sich so dahinsagt. Das Problem ist, dass man sich durch die Abgrenzung gegen die hektische Welt selber isoliert. Man fällt aus den gewohnten Gemeinschaften in Beruf und Gesellschaft heraus.

Da es eine Ursehnsucht darstellt, zu einer Gemeinschaft dazuzugehören und sich in ihr geborgen zu fühlen, fällt das ungemein schwer. Für die Meisten ist dieser Preis zu hoch. Damit möchte ich den Menschen, die einem Nahestehenden seelisch helfen möchten, Mut zusprechen, sich ernsthaft zu bemühen. Aus eigener leidvoller Erfahrung kann ich sagen, dass es funktioniert. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, gilt die Verantwortung der Menschen untereinander wechselseitig. Zum einen Teil ist man für sich selber verantwortlich, zum anderen Teil ist man auch für seine Mitmenschen verantwortlich. Wer die Geschichte vom „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry kennt, vernimmt die Erkenntnis, dass Freundschaft bedeutet, für den Anderen verantwortlich zu sein. Noch einfacher ausgedrückt heißt es, mit einem echten Freund befindet man sich auf der gleichen Wellenlänge. Die gleiche Wellenlänge stellt nur ein anderes Bild für Empathie dar.

Für meine Person habe ich eine versteckte Botschaft aus der Geschichte von HIOB herausgelesen. Für Jeden, der sich ernsthaft mit dieser Geschichte beschäftigt, wird die Botschaft individuell unterschiedlich ausfallen. Meine Geschichte soll lediglich zeigen, dass es sich lohnt, die versteckte positive Botschaft hinter der tragischen Geschichte zu finden.

Warum erzählen Menschen Geschichten? Geschichten sind deshalb interessant und anregend, weil sie in irgendeiner Form Erkenntnisse und Lebensweisheiten zum Ausdruck bringen. Ein wunderbares Beispiel liefert dafür das Märchen „Momo“ von Michael Ende. In unserer Zeit ist das Erzählen von Geschichten aus der Mode gekommen. Wir ahnen gar nicht, welch ein Verlust das bedeutet.

„Wer hinter einer Geschichte eine Botschaft sucht, wird sie finden.“

„Wer dafür um Hilfe bittet, dem wird geholfen werden.“

„Wer bei einer Schreibwerkstatt anklopft, dem wird aufgetan.“