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„Gemeinsam sind wir stark“ von Lassana

Hochwasser! Bis zum Morgengrauen haben wir gekämpft und gemacht und irgendwann einfach nur noch funktioniert. Riesige Wassermassen hatten sich in unser Haus ergossen. Der Stall wurde überflutet. Die Pferde, Schafe, Ziegen und Katzen konnten wir noch in Sicherheit bringen. Doch irgendwann hatte uns die Kraft verlassen.

Dann am nächsten Tag hatten wir ausgeharrt, gefangen in der oberen Etage unseres Hauses aus dem Fenster heraus auf die riesige, ruhig vor sich hinschaukelnde Wasserfläche geschaut. Der Regen hatte endlich aufgehört und das Wasser glitzerte, irgendwie unschuldig im schönsten Sonnenlicht, dort wo eigentlich mal unsere Blumenwiese war. Es sah so friedlich aus. Abgeschieden von dem Rest der Welt herrschte eine seltsame Ruhe über allem. Nur die Mulde rauschte laut und bedrohlich von weitem: Ich bin noch nicht fertig mit Euch!

Ich erwache aus einem totenähnlichen Schlaf. Ein neuer Morgen, ein neues Glück, sagte meine Oma immer. Ach ihre ollen Sprüche immer.

Ich habe keine Lust, die Augen zu öffnen. Durch die geschlossenen Lider spüre ich die Wärme der Morgensonne auf meinem Gesicht. Ich sehe in Gedanken das Zimmer vor mir: klein und mit niedriger Balkendecke. Aber die Wände sind mit griechischem Blau getüncht, so dass man sich wie im Urlaub vorkommt, wenn wie heute die Sonne hereinstrahlt. Aber – wenn ich die Tür öffne …. Dann sehe ich das grauenvolle Chaos, welches das Hochwasser in unserem Haus angestellt hat. Und ich will es nicht sehen, noch nicht, will noch etwas den Frieden dieses Raumes geniesen…..

Es geht nicht. Das Rauschen der Mulde ist unüberhörbar. Also öffne ich die Augen. Wirklich, das Zimmer ist lichtdurchflutet und wunderschön. Es hatte mir auch viel Spaß gemacht, dieses Blau für die Wände zu mischen. So wie alle Zimmer mit viel Liebe hergerichtet wurden. Ich seufze.

„Hallo, Haaalllooo!“ Draußen vor dem Tor winkt meine Cousine Iris mit einem Beutel.

DAS WASSER IST WEG!

Das ist erst mal alles, was ich registriere, als ich zu ihr hinauseile. Ines hat frische Brötchen mitgebracht und eine Kanne mit wundervoll duftendem Kaffee! Ich freue mich so sehr, mein Herz läuft über. Ich lache und drücke sie und kann gar nicht aufhören damit.

„Leute! Das Wasser ist weg und es gibt ein herrliches Frühstück!“

In Handumdrehen sind im Haus alle auf den Beinen. Dirk guckt neugierig in den Beutel: “Butter und Marmelade und Wurst! Sogar an Zucker hast du gedacht“ ruft er erfreut. Für uns ist Weihnachten. Aber Iris hat nicht viel Zeit. Es gibt noch andere, die sie beglücken möchte.

Wir schmausen ausgiebig. Dann haben wir auch die Kraft, uns den Schaden anzusehen: Die Möbel liegen kreuz und quer über und untereinander, versteckt unter den Zimmertüren. Kleidung, Schuhe und der andere Kleinkram sind verstreut. Man kann gar nicht recht erkennen, was es ist, denn das Schlimmste: Alles ist mit einer dicken Schlammschicht bedeckt.

Und über allem thront, unversehrt, mein Weinballon auf dem Fensterbrett.

Das Wasser stand genau bis zur Fensterkante.

Draußen sieht es nicht besser aus. Auf dem Hof glänzen die Pfützen. Die Abwasser-gräben sind zusammengebrochen. Mein Garten ist verschwunden unter dem Schlamm. Die Wiese hat eine neue Farbe angenommen: häßlichgraubraunlehmfarbe. Die Bäume lassen traurig ihre unteren Zweige mit den braunen Blättern hängen. Die ganze Landschaft ringsherum hat diesen Farbton angenommen. Ich habe das Gefühl, der Schlamm erstickt uns alle. Und über allem strahlt die Sonne…

Langsam und still ziehen wir gemeinsam unsere Runde über das Grundstück. Mein Mann hat mich an die Hand genommen und wir suchen Halt aneinander. Dirk hat seinen Arm um unsere Diana gelegt und sie schmiegt sich an ihn. Ich sehe mich nach unserer Jüngsten Tochter um, die allein hinter uns herstiefelt und ziehe sie an mich: „Wir haben uns, sind gesund und den Tieren geht es auch gut.“ Sie lächelt mich zaghaft an. „Ja, Mama.“

Wo sollen wir anfangen? Irgendwann hebt einer einen Gegenstand auf und der lähmende Bann bricht. Zuerst räumen wir die Kühlschränke aus dem Weg….

Auf der Straße stehen unsere Nachbarn Anne, Bern und Karl beieinander. Ich geselle mich zu ihnen: „Einen schönen guten Tag alle miteinander!“

„Ich weiß nicht, was an diesem Tag schön ist“, blöfft mich Anne an. “Alles ist hin!“

Ich schäme mich. Sie hat ja Recht, dieser Zweckoptimismus ist nicht jedermanns Sache. Sie hat rotgeweinte Augen. Ich kann mir vorstellen, wie es bei ihnen zuging. Bern kann man ansehen, dass er nicht mehr viel Nerven hat. Haben wir nicht erst vor ein paar Tagen bei ihnen Einzug gefeiert? Der Pavillon steht noch da, etwas erbärmlich anzusehen. Karl ist sehr ernst: „Gott sei Dank sind meine Frau und unsere kleine Susi im Urlaub. Susi währe in ihrem Bettchen im Erdgeschoß ertrunken. Wir schlafen ja oben.“ Mir stellen sich die Härchen am Arm auf.

„Gott, was wäre das für eine Katastrophe! Was sind schon ein paar kaputte Möbel und ein zerstörtes Haus dagegen! So gab es doch auch wieder ein Glück in diesem ganzen Unglück!“ Aber das denke ich nur. Laut sage ich dagegen:“ Wir müssen eben noch einmal von vorn anfangen. Nur nicht aufgeben!“ Dann gehe ich. Mir ist etwas kalt unter den Mienen der Drei.

Auf dem Rückweg überlege ich. Ich habe doch aber Recht! Was sollen wir sonst machen? Tür zuschließen und alles hinter sich lassen? Es bleibt uns doch nichts anderes übrig, als neu anzufangen. Wir müssen vorwärts sehen. Wenn wir uns von dem Gefühl des Verlustes gefangen nehmen lassen, kommen wir nicht heraus aus dem Schlamm. Unsere Kraft verliert sich im Kummer, statt für den Neuanfang frei zu sein.

Ich reibe mir die Hände, packe kurz entschlossen meinen geliebten antiken Thonet-Stuhl am Bein, werfe ihn ans Tor und beginne so unseren Müllhaufen.

Es ist später Abend, Tag Zwei nach Stunde 0.

Wir sind alle völlig geschafft und jeder hat sich irgendwo in eine Ecke verkrochen. Es ist die erste Verschnaufpause seit dem Unglück.

Aber ich glaube, darüber nachzudenken, was da eigentlich wirklich passiert ist, dazu ist es noch zu früh. Wir kamen heute auch gar nicht richtig dazu. Erst mal verdrängen, erst einmal einfach Ruhe.

Ich habe keine Ruhe. Ich möchte für meine Familie eine kleine Oase schaffen, in der wir Kraft schöpfen können.

Im Wohnzimmer in der ersten Etage stapeln sich Möbel und Hausrat, der irgendwie vielleicht noch verwendet werden kann. Ich räume eine Ecke frei und decke den runden Tisch. Teller und Besteck sind schon vom Schlamm befreit. Es hat sich sogar etwas Essbares angefunden: zwei Wurstkonserven, die wir aus dem Wasser gefischt hatten, Tomaten und Gurke hat uns jemand spendiert und sogar Brot wurde uns irgendwann in die Hand gedrückt. Ich schneide die beiden Tomaten auf, damit alles gerecht verteilt werden kann und arrangiere diese kleinen Schätze auf den Tellern.

Es sieht hübsch aus. Nicht schlecht für so einen Tag! Ich bin zufrieden und eine seltsame Ruhe breitet sich in mir aus.

Ich setzte mich auf einen Stuhl und lege die Hände vor mich auf den Schoß.

Ganz still sitze ich da, einfach so ohne Denken.

Ich höre nur auf meinen Herzschlag, der ganz regelmäßig und ruhig ist.

Tick, tack, tick, tack – immer weiter, immer weiter…

Ja, es wird weitergehen, irgendwie.

Das Wie haben wir selbst in der Hand! ….

Die nächsten Tage kommen wir nicht zum Luftholen. Menschen über Menschen auf unserem Hof. Alle wollen helfen. Bisher nie gesehene Gesichter sind dabei. Sie sind einfach plötzlich da und fassen zu.

„Haben Sie einen Eimer und Lappen?“

„Was soll ich mit dem Werkzeug machen?“

„Wo soll das saubere Geschirr hin?“

„Soll der Schrank auf den Müll?“

Andreas und ich haben alle Hände voll zu tun, das Treiben zu koordinieren. Aber dabei geht mir das Herz auf. Ich bin glücklich und unendlich dankbar, diese vielen guten Menschen zu sehen.

Meine Kamera liegt ständig griffbereit. Ich mache viele Fotos. Später kann man es dann sehen: Wir lächeln. Wir lächeln und lachen uns durch diese schweren Stunden. Ich passe auf, mache immer wieder aufmerksam auf Schönes in all dieser Hässlichkeit. Ich lasse meine Familie den Kopf heben von der Arbeit und sage: „Da, schaut mal!“ und wir können lächeln. Immer wieder gibt es komische Situationen und wir nehmen sie dankbar mit einem Lachen an. So können wir es schaffen. Nur so.