Ein Gedicht von Lassana

Es ist früh am Morgen, doch die Sonne brennt schon unbarmherzig heiß. Dabei ist es Herbst hier im Niemandsland an der saudiarabischen Grenze. Im Lager herrscht reges Treiben. Die Amerikaner haben die Essensrationen ausgegeben. Man tauscht und schwatzt, bis sich die Hitze lähmend über alles legt.

Er läuft langsam über den Platz und sucht eine Stelle abseits vom Lärm. In der Nähe des Stacheldrahtzaunes lässt er sich im Schatten nieder und zündet sich eine Zigarette an. Zwei Stück pro Tag gibt es. Aber er hat genug. Er gibt Englisch-Unterricht und die Leute zahlen mit Zigaretten. Er hat geträumt und muß nachdenken und eine Entscheidung fällen. Im Traum hat er seine Mutter gesehen und Blut, viel Blut. Blut bedeutet Tod. Es ist nicht das erste Mal, dass ihm das geschieht. Seine Träume haben sich immer bewahrheitet. Er weiß, er kann sich auf sie verlassen. Schon viele Male haben sie ihm das Leben gerettet.

Was soll er tun? Zwei Jahre sitzt er nun schon hier fest. Davon ein Jahr in ständiger Lebensgefahr, nachdem er mitbekam, dass die Schiiten wieder zurückgeschickt wurden nach Irak in die Klauen Saddams und er sich verleugnete. Seitdem lebt er hier unter den Sunnieten, darunter viele Extremisten mit langen Bärten, unbarmherzig Andersgläubigen gegenüber. Sein kleines selbst gebasteltes Messer ist sein Schutz und sein Status. Er hat ihn sich hart erkämpft. Durch seine guten Englischkenntnisse wurde er zum Sprachrohr der Amerikaner. Er ist verantwortlich für die Zuteilungen und lässt sich nicht bestechen. Das gäbe nur Ärger. Er ist beliebt und still und so lässt man ihn in Ruhe. Saudi-Arabien gibt kein Asyl. Den Gerüchten zufolge soll es nur noch wenige Monate dauern, bis man sie in die USA lässt. Er steht kurz vor dem Ziel seiner jahrelangen Odyssee. Wieviel Schmerz hat er erlebt, Hunger und Not. Wieviel Tote hat er am Wegesrand zurückgelassen. Dass er noch am Leben ist verdankt er nur seinem guten Instinkt und seinen Träumen. Und nun dieser Traum!

Er drückt seine Zigarette aus und geht zum Zaun, lässt seinen Blick über die Wüste schweifen. Er hat viele Gedichte geschrieben, das Schönste für seine Mutter. Seine Hefte sind inzwischen verbrannt zusammen mit allem, was sein altes Leben ausmachte. Es war sicherer so für seine Familie, nichts zurückzulassen. Seine Schwester hat er noch umarmt. Dann ist er gegangen, ohne sich umzusehen, ohne sich zu verabschieden.

Nun hebt er seine Arme zum Himmel. Das Gedicht hat er im Kopf und im Herzen. Erst leise, dann immer lauter werdend sendet er die Worte an seine Mutter. Die Männer im Lager schauen verwundert auf. Ach ja, sie wissen, Majdi spinnt manchmal. Doch als die Worte deutlicher an ihr Ohr dringen stehen sie auf und kommen zum Zaun. Still lauschen sie, die Köpfe gesenkt. Keiner soll das Glitzern in den Augen sehen. Er bemerkt es nicht. Inzwischen sind seine Worte zu einem Rufen angeschwollen. Er weint und ringt um Fassung, während sein Herz den Text weiterschreibt …

Dann plötzlich ist er wieder da im Hier und Jetzt, fühlt die sengende Sonne auf seinem Haar und die Menschenmenge in seinem Rücken. Er dreht sich langsam um und schaut lange in die bärtigen Gesichter. Dann holt er tief Luft und nimmt die Schultern zurück. Er läuft los und es bildet sich eine stille Gasse für ihn. Er geht geradewegs zur Kommandantur. Er hat seine Entscheidung getroffen.