Geschrieben am

„Du schaffst das“ von Johannes Krebs

Mein Lebensweg war wohl schon bei meiner Geburt vorbestimmt. Endlich wurde ein Junge geboren. Der wird unser Lebenswerk fortsetzen, höre ich meinen Vater förmlich sich freuen.

Drei Generationen hatten einen Gartenbaubetrieb unter heute kaum vorstellbaren Entbehrungen aufgebaut und es zu Ansehen in unserer Stadt gebracht . Die golden gerahmten Fotos der Urgroßeltern, Großeltern und Eltern hingen in unserer guten Stube überm Buffet mit der Inschrift „1872 bis 1947 – 75 Jahre Mühe und Arbeit“ – Stolz auf das Erreichte und auch eine Aufforderung zur Fortsetzung der Tradition.

In diesem unumstößlichen Bewusstsein wuchs ich heran, lernte das Arbeiten in Jahren, da meine Freunde noch spielten. Keiner fragte, ob ich das auch will, was die Eltern für mich vorgesehen hatten. Auch mir kamen keine Zweifel an meinem Berufsweg. Er stand fest.

Mit vierzehn Jahren begann ich die Gärtnerlehre. Gern wäre ich weiter zur Schule gegangen. Das Lernen fiel mir leicht. Aber …

Als ich siebzehn war und gerade den Gesellenbrief in den Händen hielt, starb mein Vater plötzlich mit 58 Jahren. Sein Tod und meine Jugend bedeuteten das Ende der Familientradition.Für mich war das eine Befreiung von der Pflicht, deren Last mir jetzt richtig bewusst wurde. Ich konnte erstmals selbst über mein weiteres Leben entscheiden. Ungläubiges Staunen wucherte in mir.

Die Tücken der neuen Freiheit zeigten sich bald. Ich werde Berufsschullehrer, beschloss ich. Zum Lehrer fühlte ich mich hingezogen und die Theorie des Gärtnerberufs wollte ich damit verbinden. –

Absage der Bewerbung; für das Studium reichte meine Schulbildung nicht.

Als Ziegeleiarbeiter verdiente ich zunächst sehr gutes Geld für Knochenarbeit.

Eine Anzeige in der Zeitung elektrisierte mich. Es wurden Leute mit Berufserfahrung für ein Fachschulstudium zum Lehrer für die Klassen eins bis vier gesucht. Bedingung war der Abschluss der Klasse 10. Ich bewarb mich trotzdem – schickte die geforderten Unterlagen aber nicht ab. Das schaffst du nie mit deinen acht Klassen.

Die Monotonie der schweren körperlichen Arbeit in der Ziegelei schob mich dann doch zur Aufnahmeprüfung und ich bestand sie! Für mich ein Wunder, über das ich nicht genug staunen konnte. Heute weiß ich, dass vor allem der Druck auf das Lehrerbildungsinstitut, Werktätige für das Studium gewinnen zu müssen, mich zum Studenten machte, weniger meine Prüfungsleistungen. Egal, ich jubelte, ich konnte Lehrer werden! Mein unterentwickeltes Selbstbewusstsein bekam gehörigen Schub. Du kannst das Studium schaffen. Du wirst es schaffen! Ich schaffte es! Ich war Lehrer – ein Traum ging in Erfüllung.

Diese Erfahrung, dass ich meine Grenzen weiten konnte, wenn ich mein Herz in die Hände nahm, war ein Schlüsselerlebnis für das folgende spannende Berufsleben.

Bald folgte ein Hochschulstudium zum Diplomlehrer für Deutsch, neben der täglichen Arbeit im Fernstudium. Klar fehlte mir Grundwissen, das Abiturienten in vier zusätzlichen Jahren an den erweiterten Oberschulen bis zum Abitur gelehrt bekamen. Ich eignete es mir abends bei der Unterrichtsvorbereitung für den nächsten Tag an. Einen spannender Unterricht war mein Ziel und dankbare Schüler der Lohn für viele zusätzliche Arbeitsstunden.

Wir brauchen dich als Direktor, war nach Jahren als Lehrer die nächste Herausforderung durch die Schulbehörde. Das Angebot machte mich stolz. Die da oben wissen, dass du bisher überhaupt noch keine Erfahrung in der Leitung einer Schule gemacht hast. Trotzdem trauen sie dir das zu. Dann schaffst du das! Und obwohl ich wusste, dass mein Arbeitspensum um weitere Stufen steigen würde, sagte ich ja. Du wirst dich manchmal fragen, warum dir das aufgehalst hast, dachte ich, aber du schaffst das.

Um es kurz zu machen, nach sechs Jahren warf ich das Handtuch, bat um meine Ablösung. Die Schule stand gut da, aber mir fehlte das pädagogische Geschick, mit schlecht erzogenen Erziehern verständnisvoll zu arbeiten. Konfrontation aber ist kein guter Leitungsstil. Ich wurde wieder Lehrer und war glücklich – bis zur kurz nach der Wende.

Ein blauer Brief des Chemnitzer Oberschulamtes brachte meine Kündigung mit der Begründung der Staatsnähe während meiner Direktorenzeit. Tränen der Enttäuschung, aber auch der Verachtung dieser neuen Mächtigen, die selbstherrlich entschieden. Sie urteilten nicht anders als die früheren. Auf Proteste meiner Eltern und Schüler wurde nicht mal reagiert. Geh, wir brauchen dich nicht mehr! Am Bildungssystem des neuen Deutschlands, interpretiert von sächsischen Kulturpolitikern, war mein Traum zerplatzt.

Wie jetzt weiter? Ich wusste es nicht, aber es musste weitergehen. Untaugliche Versuche als Vertreter zu arbeiten, dann Arbeitslosigkeit, Fortbildung zum Wirtschaftspädagogen mit Zertifikat, aber ohne reale Chance, das jemals zu unterrichten.

Ich las Stellenangebote in überregionalen Zeitungen … nichts … nichts … nichts. Und dann DIE Anzeige: Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen beim Bundesverwaltungsamt in Bonn sucht Lehrer, die Deutsch als Fremdsprache für Deutschstämmige vor allem in Osteuropa und Mittelasien unterrichten. Weltweite Einsatzbereitschaft erhöht die Einstellungswahrscheinlichkeit. Kurze Absprache mit meiner Frau, dann war ich weltweit einsatzbereit und bewarb mich.

Zum Auswahlverfahren in Berlin erschienen etwa 35 Bewerber für die 5 Stellen. Nach schriftlichem Test und Gespräch war ich einer der Glücklichen und erfuhr auch gleich mein Einsatzland Kirgistan in Mittelasien. Ich war in Hochstimmung, weil ich wieder eine Zukunft hatte und Kirgistan war ein Hit für mich. Das Land meines Lieblingsschriftstellers Tschingis Aitmatov sollte ich nun mit eigenen Augen kennenlernen. Früher hatte ich oft gescherzt, dass ich nach Kirgistan mit dem Fahrrad fahre, wenn ich Rentner bin. Und nun schickte mich mein Lebensglück viel eher dorthin. Ausgeblendet war, dass ich alleine gehen musste. Meine Frau konnte ihre Arbeit nicht unterbrechen und schon gar nicht aufgeben.

Eine ungeheure Gespanntheit auf das Neue, das Unbekannte, das auf mich wartete, lies mich keine Nacht durchschlafen. Nein, Angst hatte ich nicht. Ich würde das eine Jahr durchhalten, wie es mein Vertrag forderte. Das schaffe ich!

Es sind dann fünf Jahre geworden, die mir alles abforderten und die deshalb so spannend waren.

Ich musste mich schnell in der russischen Sprache verständigen können. Von Montag bis Samstag wurde in zwei Schichten wegen der vielen Kinder unterrichtet. Oft gab es keinen Strom und im Winter saßen wir in Mänteln, mit Handschuhen und Mützen im Zimmer, weil die Heizung nicht funktionierte. Wir sangen im Deutschunterricht „Laurentia …“ mit Kniebeugen, wenn es zu kalt wurde und lachten dabei. Die Schüler waren so dankbar für einen lebendigen, lustigen Unterricht. Die modernen Schulbücher, die Deutschland kostenlos lieferte, machten das möglich.

So gab es beim Abschied Tränen. Ich wäre länger geblieben, aber aus Bonn wurde ich gefragt, ob ich nach Tadschikistan gehen würde. Mit meinen Erfahrungen könnte ich nach dem Bürgerkrieg den Deutschunterricht aufbauen. Meine Frau stimmte zu und so begann ich wieder neu an einer ausgewählten Schule in der Hauptstadt Duschanbe.

Vieles war jetzt tatsächlich leichter, ich konnte die Lebens- und Berufserfahrungen, die ich in Kirgistan gesammelt hatte, nutzen. Aber Tadschikistan war noch ärmer, die Bedingungen deshalb härter. Auch die Anforderungen an den Unterricht waren gestiegen. Nach fünf bis sechs Jahren war in einer Prüfung nachzuweisen, dass die Schüler die deutsche Sprache so gut beherrschten, dass sie in der Lage sind, ein Studium in Deutschland zu absolvieren.

Wieder fünf Jahre habe ich in der Ferne daran gearbeitet. Dann war ich reif für die Rente, die ich nun schon einige Jahre zu Hause und in Familie genieße. Die Kontakte zu Kirgistan und Tadschikistan sind nie abgerissen. E-Mails sausen hin und her. Wenn meine ehemaligen Schüler mit einem Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst oder Goethe-Institut nach Deutschland kommen, dann führt sie ihr Weg auch immer zu mir.

Rückblickend schätze ich meine asiatischen Jahre als die interessantesten, spannendsten und wertvollsten ein. So gesehen war der schlimmste Bruch in meinem Berufsleben der Anfang nicht planbaren Glücks.

„75 Jahre Mühe und Arbeit“ – Ich habe die Ahnenreihe abgebrochen und doch auf meine Weise fortgesetzt. Ich blicke jetzt auf 75 Lebensjahre und formuliere für mich so: 75 Jahre Mühe, Arbeit und Glück.

 


Unterstützt unser Projekt jetzt mit 1,- €: