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„Dresden … eine Stadt erlischt über Nacht“ Interview Frau Jost

Mittendrin die junge Frau Jost

(getreu einem Interview mit Frau Jost von Elisabeth Schwerin)

Eine alte Dame hat uns in ihre wunderbar aufgeräumte Wohnung an den mit Sammeltassen gedeckten Kaffeetisch eingeladen. Ihre Vertraute aus dem Müllerhof hat leckere Mangotörtchen mitgebracht. Diese warten geduldig bis zum Schluss der Erzählung. Ohne es bewusst wahrzunehmen, nippen wir an unserem Kaffee, der zum Ende der Erzählung hin längst kalt geworden ist.

Frau Jost entführt uns so hautnah in ein Ereignis, als wären wir gerade in jene Zeit hineingerissen worden, wir wagen kaum zu atmen, und lauschen:

Der Krieg setzte ein.

„Es ging immer mehr abwärts. Unseren alten Weg, den wir gehen wollten, konnten wir gar nicht beschreiten. Es kam schwere Krankheit dazu, Umrüstung auf Kriegsgeräte. Im Jahre 1945 war ich 18 Jahre alt.

Ich habe bei Radio Mende gelernt. Wir produzierten Radios, dann setzte der Krieg ein. Der Bau von Radios brach dann weg und es wurden nur noch Kriegsgeräte produziert. Alles wurde umgestellt. Damit fing es an abzugleiten, das zog den Krieg nach sich. Viele ahnten es, weil die Industrie nur noch für Kriegszwecke produzierte.

Es war kein normales Maß mehr in diesen Kriegsjahren. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen. Sie werden abrupt herausgerissen aus allem, das können Sie drehen und wenden wie Sie wollen. Damit ändert sich das ganze Leben.

Dresden am 13. Februar 1945: 400 Bomber in einer Nacht, da hat niemand eine Vorstellungskraft, der es nicht selbst erlebt hat. Wir haben zum Glück am Anfang der Neustadt gewohnt, in der Nähe vom Albertplatz an der Königsbrücker Straße. Menschen, die drüben wohnten in der Altstadt beim Schloss, die hatten überhaupt keine Chance.

Der erste Bomberverband warf Windbomben ab, da wurden Dächer abgedeckt, Fenster und Türen zersplitterten. Der zweite Verband schickte Brandbomben hinterher, und der dritte schmiss die Sprengbomben.

Nun machen Sie mal was, Sie sind auf jeden Fall bei den Opfern dabei. Am Abend des 12. Februar 20:45 Uhr war noch Leben in der Stadt. Schichtwechsel in den Fabriken, Straßenbahn fuhren; Dresden war ja kein Dorf.

Wir waren zu Hause an jenem Abend, ich sah die roten Lichter der Gleisanlagen vom Neustädter Bahnhof verlöschen, sie wurden dunkel, schwarz wie die Nacht. Da sagte ich zu meiner Mutti, wir müssen nicht ins Bett gehen, es gibt sicher wieder Fliegeralarm. Wir haben nicht damit gerechnet, dass ein Angriff daraus wird, wir hatten öfter Fliegeralarm.

Man begeht heute diesen Tag wiederholt jedes Jahr. Von anderen Städten, die es auch erwischt hat, redet man nicht mehr, warum? Hier war das eine ganze Stadt, alles zerfallen in einer Nacht.

Da wissen Sie, was los war an Toten. Es gab viele Flüchtlinge in den Lazaretten der Stadt. Dresden war Auffangstadt für den Osten. Da kamen Sie nicht mehr raus, da war gar nichts mehr dran zu drehen. Heute redet man von den 25 000 Toten auf dem Heidefriedhof, deren Überreste man noch begraben konnte. Das ist noch nicht der Weisheit letzter Schluss, es waren viel mehr. Davon gibt es Bilder und Berichte von vielen Einzelschicksalen.

Verbogene Straßenbahnschienen wurden als Roste umgebaut, die Toten darauf gelegt und dann Flammenwerfer drauf gegeben. Wer sollte da noch fragen, bist Du die Frau Müller oder Schulze? Man hatte große Angst vor Seuchen.

Am Altmarkt gab es ein großes Wasserbassin. Dies war angelegt für Löschwasser, um den Schlauch reinzulegen und Wasser zu entnehmen. Die Menschen dort sind bei der Feuersbrunst in das Bassin gegangen und bei lebendigen Leibe im heißen Wasser gekocht worden. Es brannte ringsherum, und sie konnten nicht hinausklettern, weil keine Leitern, kein Ausstieg da war.

Es gibt heute noch Menschen, die ihre Angehörigen suchen.

Den nächsten Vormittag ging es weiter, da kamen die Engländer auch nochmal mit 400 Bomben, aber die Stadt brannte noch. Feuer- Brennen- Sturm- Rauschen -Brennen.

Sie haben das Brennsystem und alle Bombenarten, die sie hatten, an Dresden ausprobiert. Fenster, Türen, alles fing an zu lodern und zu brennen. Man kann sich das nicht vorstellen, was sich da abgespielt hat. Es verblasst im Laufe der Jahre in der Erinnerung, aber ich wünsche niemanden, dass er so etwas mit ansehen muss.

Meine Mutter hatte mit anderen Frauen eine Ausbildung zur Luftschutzhelferin machen müssen.

Wir waren zu Hause in der Wohnung, als der Angriff kam. Wir sind aus dem Luftschutzkeller hoch, die Scheiben waren kaputt, zwischen den Türen sah man solche großen Klungser, wo der Wind durchpfiff. Auf dem Dachboden standen große Gefäße mit Wasser und Feuerpatschen. Meine Mutter ist auf den Dachboden gerannt, sie war ja noch jung, um die Brandbomben zu löschen. Es wurde sich unter den Frauen geholfen, auch die drei älteren Parteien ließen sich von den jungen Frauen helfen.

Meine Mutter war sehr energisch, sie hat sich mit einem Besen auf den Stuhl gestellt und hat die Gardinen mit der Stange vom Haken abgeschlagen. Wenn’s die Gardinen auf die Straße gewedelt hat, ist die ganze Bude abgebrannt. So breit wie die Fahrstraße war ging die Feuersbrunst und wenn Gardinen draußen hingen, da war das ganze Haus verloren und ist abgebrannt. Wir haben gesehen, da brennt es und dort bei den Nachbarn. Da waren ganze Wohnungen und Häuser verloren durch die Feuersbrunst. Es gab nicht überall so energische junge Frauen wie in unserm Haus. Die Leute sind aus der Stadt gerannt, dahin wo es dunkel war. Im Eckhaus wohnte ein älteres Fräulein, die Pfengtante, sie hatte einen kleinen Schokoladen und verkaufte Lakritze und so etwas. Das Eckhaus wurde weggebomt und sie starb unter den Trümmern.“

Frau Jost erzählt wehmütig lächelnd weiter:

„Im fünften Stock in unserem Haus war das Waschhaus, vom Waschhaus ging es auf den Trockenboden. Wir hatten ein schönes großes Haus mit bunten Glasfenstern im Treppenhaus. Es hat mal dem Konsum gehört. Es gab keinen Zugang vom Laden ins Wohnhaus.

Die letzte große Sprengbombe, die vom Himmel kam, ist bei uns hinterm Haus runtergegangen und in den Nachbarhof, sie hat das Hinterhaus getroffen, danach war Schluss.

Unser Haus ist erhalten geblieben. Wir hatten das große Glück, dass wir einen Baumeister im Haus hatten. Unseren Keller hatte dieser mit Betonmauern und einer Gassicherheitstür zum Luftschutzkeller umgebaut. Ansonsten gab es vorsichtshalber Mauerdurchbrüche von einem Haus zum anderen, die für alle zugänglich waren. Das war so geregelt vom Staat. Unser Haus wäre auch zerbombt worden, die Bomben sind durchgerauscht durch die Häuser, sie explodierten nicht oben, sondern sie sind unten explodiert. Ich weiß das, wir mussten diese Bombentrichter später ausschaufeln.

Nach dem Bombenangriff im Februar 1945 gab es keine Scheiben mehr, obwohl wir Doppelfenster hatten, viele Türen waren zerstört.

Im Laden hat der Russe dann sein Magazin rein gebaut. Wir mussten die Scherben räumen und sauber machen. Aber es war das einzige Haus weit und breit, welches als Magazin geeignet war. Der Konsum befand sich unten im Erdgeschoß und im ersten Stock, erst ab dem 2. Stock begannen die Wohnungen. Das war wie ein kleiner Spezialbau in der Königsbrücker Straße 38.

Die Flieger haben nach Planquadraten die Stadt Abschnitt für Abschnitt systematisch zerbombt. Sie haben die sogenannten Leuchtenden Christbäume abgeworfen und danach die Bomben. Die Engländer haben den Angriff auf Dresden genau geplant. Sie wollten den größenwahnsinnigen Adolf in die Schranken weisen. Sie wollten Hitler nicht nur das Echo für Coventry zurückgeben. Innerhalb von Dresden gab es keine Industrie. Dresden war eine Kunststadt mit vielen Kunstschätzen und die russische Armee würde von den vier Mächten als erste in Dresden sein. Die Engländer könnten den Angriff auf Dresden als Kriegshandlung erklären, falls der Russe eher an der Elbe steht. Die Kunstschätze wollten die Engländer nicht den Russen überlassen und haben auf diese Weise Dresden den Russen weggenommen, ungeachtet der vielen zivilen Opfer.

Ich habe Bürogehilfin gelernt mit Steno, Schreibmaschine und allem, was in das Fach mit rein gehörte. Die Ausbildung konnte ich nicht fertig stellen. Im Mai 1945 wurden alle Lehrlinge, das waren über 30 aus allen drei Lehrjahren, zum Chef gerufen, der meinte: „Ich muss euch eine traurige Mitteilung machen, ihr seid entlassen. Der Betrieb wird abgebaut, ihr könnt nicht mehr hier arbeiten. Es geht alles nach Russland, der Betrieb wird leer.“

Wir sind auseinander und nach Hause gegangen, jeder mit einem Zettel in der Hand, wie weit wir mit der Ausbildung gekommen sind und was wir gelernt haben.

Ich konnte die Mutter zu Hause nicht im Stich lassen, der Vater war im Krieg…

Suchen Sie mal in Dresden in einer zerbombten Stadt nach einer Ausbildung als Bürohilfe!

Im Büro kriegt ihr niemals eine Arbeitsstelle, sagten sie beim Stempeln auf dem Amt. Jetzt kommen die Soldaten zurück, dem einen fehlt ein Arm, dem anderen ein Bein. Was denkt ihr denn, wo die arbeiten können; die können nur ins Büro gehen.

Ich wollte eigentlich ins Büro, das schien mir während des Krieges eine schöne Arbeit. Sie konnten ja auch keine Ausbildung wählen, Köchin etwa, wovon denn kochen, von dem etwa, was von Lebensmittelmarken erhältlich war? Sie mussten sehen, wo Sie ein paar Pfenge verdienten.

Angefangen hat das so: Jeden Tag aufs Arbeitsamt und Stempel holen, ohne Stempel keine Lebensmittelkarte, das war für uns keine große Belastung. Aber wir haben keine Arbeit für euch. Dann hieß es, ihr könnt in der Kaserne Russenwäsche waschen. Was soll das, wenn wir jetzt dort hingehen, was passiert dort?

Nach zwei Tagen habe ich gesagt, dort geh ich nicht mehr hin. Die Russen fangen an und werden übergriffig, die brauchen auch was fürs Herz, tappen Sie mal in so eine Falle. Dann war ich in einem Hotel zum Saubermachen, da will ich Ihnen gar nicht erzählen, was da los war.

Jemand sagte, da gibt es noch einen Betrieb in einer Vorstadt von Dresden, wo es bei Hoch- und Tiefbau noch Arbeit geben soll. So habe ich eine Freundin mitgenommen und wir gingen ganz zeitig los… über eine Stunde durch die Trümmer. Durch die Prager Straße ging ein Trampelpfad, rechts und links ragten die Trümmer nach oben.

Das kann sich keiner vorstellen, was da losgegangen ist. Wenn keine Straßenbahn fuhr, mussten wir trippeln. Was wollten Sie sonst für Ansprüche stellen, wie Sie zum Arbeitsplatz kommen.

Die Sekretärin ließ uns warten und meinte, sie wisse nicht, ob heute welche eingestellt werden, aber vier wurden genommen und wir zwei waren dabei. Es wurde uns gleich gesagt, dass schwere Arbeit auf uns zukommt. Aber wir waren mit unseren 18 Jahren junge Frauen und wollten mit deutschen Leuten zusammen arbeiten. Es sollten Wasserrohre repariert werden, da die Wasserversorgung nach der Bombardierung in der Stadt nicht mehr funktionierte. Wir sollten helfen, Bombentrichter auszuschachten. Trichter an Trichter, so waren die Straßen zerklüftet. Die Männer mussten in der Tiefe die Rohre zusammenbauen und auf dem Plan wurde festgestellt, wo der nächste funktionierende Wasseranschluss war.

Die tiefen Bombentrichter waren eingeteilt in sogenannte Bühnen, von unten wurde der Dreck nach oben geschaufelt. Die Ersatzrohre wurden von den Männern ganz unten eingebaut. Das Material kam von außerhalb, in Dresden gab es nichts mehr. Wir wurden den Baubuden zugeteilt, mit Kanonenöfchen, ganz primitiv mit Tisch und Stühlen, wo man Suppe wärmen und essen konnte. Man musste sich dort umziehen, ich hatte eine alte Hose vom Vater, da guckte niemand hin, das war ebenso. Da sind Sie 18 Jahre jung und wurden aus allen Träumen gerissen.

Meine Mutter hat nicht gearbeitet, sie war Hausfrau wie es damals üblich war. Nach dem Krieg musste sie sich Arbeit suchen, es ging um die Existenz; es musste weitergehen. Wir wussten nicht, dass Vater tot ist. Er ist an der Ruhr im Ausland gestorben.

Ich hatte noch einen kleinen Bruder, der im Januar zum Kriegsanfang geboren war. Mit den anderen Kindern spielte er in den Trümmern, was nie ganz ungefährlich für die Kinder war.

So alt waren die Frauen noch nicht, sie waren im schönsten Alter, als sie Witwen wurden. Auch in der Schule waren von den Klassenkameradinnen die meisten Väter tot. Es gab eine Zeit, da kamen jede Woche Nachrichten, dass der Vater tot ist, da hieß es, mein Papa ist im Krieg gefallen.

Das war ein Verbrechen an der Menschheit und keiner hat uns etwas zuleide getan. Keiner, kein Land, hat uns aufgefordert, Krieg zu machen. Im Gegenteil, der Engländer Churchill wollte als Politiker den Zusammenhalt fördern. Er hat auf Deutschland eingeredet, keinen Krieg! Wir waren größenwahnsinnig. Uns gehörte die ganze Welt. Alles wollte der Nationalsozialismus, die Spinnköpfe in der Regierung. Es war Krieg, wir haben ihn angezettelt und haben schwer dafür gebüßt.

Nie wieder Krieg!

Wir brauchen keine Waffen, überhaupt nicht.

Wer das miterlebt hat, der weiß das.

Wir sind später weg von Dresden. Die Wohnungen wurden aufgeteilt, nachdem die Russen das Magazin hatten, wollten sie auch die Wohnungen. Da haben sie die Mieter rausgeschmissen. Meine Mutter stellte einen Antrag auf ihren Rückzug ins Vogtland nach Aue, dem auch stattgegeben wurde. Damit war unser Schicksal besiegelt.

Ich bin in Dresden groß geworden, für mich war es grausam, wegzugehen von allem.“

Es klingelte. Frau Böhme meldete sich unten an der Tür an. Wir drei schleckerten schnell unsere Mangotörtchen, weil diese Geschichte nun beendet war.