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„Die Überraschung“von Sabine Windisch

Martin lag schon lange in seinem warmen Bett. Dieses hatte er erst heute neu bekommen. „Du bist nun schon bald ein großer Junge“, hatte die Mutti zu ihm gesagt. Dann waren sie gemeinsam mit Omi losgezogen. Im Möbelhaus durfte er sich ein Bett aussuchen. Er hatte sich für ein Hochbett entschieden. Unten konnte er spielen, Buden bauen, Bilder ansehen
und oben schlafen. Natürlich musste er vorher die gelbe Leiter emporsteigen – dies machte ihm Freude. Omi hatte ihm ein „Stück“ Bett geschenkt. Nun lag er das erste Mal darin – klasse!

Er konnte nicht gleich schlafen. So dachte er sich lustige Geschichten aus. Das machte Martin immer so, wenn er abends in seinem dunklen Zimmer lag und nicht sofort zur Ruhe kam. Plötzlich hörte er das Telefon klingeln. Vati sprach ganz aufgeregt. Martin hörte die Tür und plötzlich war es wieder still. Er stieg aus seinem Bett, ging zur Tür und suchte die Mutti. Er fand sie im Schlafzimmer. Vor ihr stand Omis Reisetasche. Sie legte gerade frische Handtücher hinein und zog den Reißverschluss mit einem kräftigen Ruck zu. Martin rieb sich die Augen und fragte: „Was ist denn?“ Mutti erzählte ihm: „Omi musste ins Krankenhaus, es geht ihr nicht gut!“ Martin war erschrocken. Er mochte seine Omi sehr und er verstand dies alles nicht. Gerade noch hatte er mit ihr sein neues Kinderbett ausgesucht, sie waren glücklich, hatten gemeinsam gelacht und nun? Mutti tröstete ihn, aber Martin bemerkte, dass sie unruhig war. „Komm mein Junge, wir gehen nun erst einmal wieder schlafen und morgen sehen wir weiter.“ Nur von fern hörte er noch seinen Papa zurückkommen, dann schlief er
tatsächlich ein.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fuhr Martin mit seiner Mutti in die Klinik. Er durfte beim Tragen der Tasche helfen. Eine freundliche Krankenschwester erklärte ihnen, dass Martins Omi operiert werden musste und sie sollten doch am Nachmittag noch einmal vorbei sehen. Sie ließen die große Tasche auf der Station, nahmen sich bei der Hand und fuhren heim. Martin war traurig. Er liebte seine Omi und er hatte das erste Mal Angst um sie. Nichts ging ihm von der Hand. Er setzte sich an das Fenster und wartete. Am Nachmittag, als Vati von der Arbeit kam, fuhren sie gemeinsam in die Klinik. Martin klopfte das Herz bis zum Hals. Als sie in das Zimmer wollten, meinte die Schwester zu dem Jungen: „Du musst bitte hier warten, denn du bist noch zu klein!“ Martin setzte sich artig auf einen Sessel, welcher in dem langen Flur stand. Nach einer Weile erschienen seine Eltern. Sie schauten traurig und nachdenklich. „Wir müssen wohl noch lange Geduld haben“, meinte Papa.

So vergingen viele Wochen und jedes Mal wartete Martin während des Omibesuches im Sessel. Seine Omi fehlte ihm und er fragte sehr oft, wann sie wieder heim darf. Die Eltern konnten ihm keine Antwort sagen: Jeden Abend, wenn er in seinem neuen Bettchen lag, dachte er lieb an seine Oma und wünschte ihr viel Glück. Tagsüber, wenn er im Kindergarten war und mit seinen Freunden zusammen spielte und lernte, vergaß er seine Sorgen. Am Nachmittag aber hatte er große Sehnsucht nach seiner Omi. Oft hatte sie ihn vom Kindergarten abgeholt. Stets unternahmen sie gemeinsam etwas Besonderes. Hin und wieder setzte er sich in seine Spielhöhle unter dem Bett und malte für seine Omi Bilder. Die nahm dann seine Mama mit in die Klinik.

Heute wollte ihn Papa vom Kindergarten abholen. Er hatte frei. Martin freute sich schon. Pünktlich erschien Papa am Tor. Er hatte einen großen Tulpenstrauß in seiner Hand. „Wer bekommt die denn?“, fragte Martin staunend. „Überraschung!“, lachte der Vater fröhlich. Martin kannte den Heimweg eigentlich genau und es fiel ihm schnell auf, dass sie heute in die entgegengesetzte Richtung fuhren. Vor Omis Haustür hielt Papa an. Martin durfte klingeln. Mutti öffnete ihnen die Wohnungstür. Sie lachte freundlich und schien sehr zufrieden. Martin trat durch die Wohnzimmertür und … „Omi, Omi, meine liebe Omi ist wieder da!“ Er flog ihr förmlich entgegen. Liebevoll nahm sie ihren Enkelsohn in die Arme. „Nun ist alles wieder gut“, meinte sie und lächelte Martin freundlich an. „Danke für deine vielen, so lustigen, bunten Bilder“, flüsterte sie leise. Dann schenkte ihr Papa die herrlichen, gelben Tulpen, drückte sie herzlich und gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange. „Kommt zum Kaffeetisch!“, hörten sie Mutti rufen. Nun saßen alle zufrieden beisammen. So lecker hatte Martin der Apfelkuchen von Mama lange nicht geschmeckt. – „Das war die allerschönste Überraschung!“, lachte Martin laut und zwinkerte Omi, Mama und Papa liebevoll zu. „Einfach nur schön!“, dachte Martin glücklich.