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Die Flucht von Edeltraud Möbius

Erinnerungen an meine Kindheit mit Flucht und Vertreibung sowie aus der Nachkriegszeit von Edeltraud Möbius

Im Juni 1944 mussten meine Mutter und wir vier Kinder wegen der herannahenden russischen Front mit einem Sammeltransport den Heimatort Tilsit verlassen. Sie ließ, wie auch viele andere, alles zurück, ein Siedlungshaus und das gesamte Eigentum, bis auf den Kinderwagen, in dem ich saß, sowie etwas Handgepäck.

Ein Bahntransport brachte uns in die Gegend um Allenstein in Ostpreußen, mit einem kurzen Aufenthalt in Neumertensdorf bei Bischhofsburg. Dann erfolgte im September 1944 ein Sammeltransport per Bahn nach Mittelherwigsdorf bei Zittau. Dort wurde uns eine Unterkunft auf einem Bauernhof zugewiesen. Hier mussten unsere Mutter und mein großer Bruder Arnold und noch andere Familien auf dem Feld schwer arbeiten. Im März 1945 brachte man uns mit einem Bahntransport nach Frauenberg bei Budweis/Tschechoslowakei. Hier wurden wir in einem Klassenraum der Schule untergebracht.

Mit Ende des Krieges, im Mai 1945, mussten wir die Schulunterkunft verlassen und wanderten ziellos mit zwei weiteren Familien von Ort zu Ort. Sie gingen mit uns auf die Landstraße, erfuhren Verbitterung und Hass. Bestohlen wurde meine Mutter auch, jedoch erhielt sie auch manchmal Zuwendung und fand neue Freunde.

Meine Geschwister erzählten oft von den Orten Krumau und Tisch und ihren Erlebnissen (ehemals Sudetenland). In Tisch lebten wir bis September 1945 mit mehreren Familien auf dem Heuboden eines Bauernhofes, da wir keine andere Unterkunft bekamen. Dann beförderten uns Soldaten der US-Armee mit Lastwagen nach Prachatiz, wo wir in einem Lazarettgebäude untergebracht wurden.

Mit einem Traktorenhängergespann transportierte man uns danach nach Neuhof bei Kuttenberg/Tschechoslowakei. Dort wurden wir auf dem Gutshof in Tagelöhnerräumen untergebracht und die Erwachsenen sowie größeren Kinder mussten täglich anfallende Arbeiten verrichten. Mit Essen wurden wir über eine Gemeinschaftsküche versorgt. In dieser Lagereinrichtung lebten wir mit mehreren Familien bis März 1946.

Ein zusammengestellter Bahntransport beförderte uns dann nach Proschesnitze/ Tschechoslowakei. Hier im Internierungslager, untergebracht in Baracken, lebten wir bis Juni 1946. Aus der Not heraus meldeten sich Mama und ebenso andere Familien zur Hilfeleistung in der Landwirtschaft. Einmal bekam sie von einem tschechischen Soldaten einen Hieb mit einem Gewehrkolben in den Rücken. Jahrelang litt sie daran unter Schmerzen.

Hier wäre ich beinahe an einer doppelseitigen Lungenentzündung gestorben, weil die Tschechen uns nicht halfen. Meine Mama und meine Geschwister mussten tagsüber auf dem Feld und in der Küche arbeiten. Ich blieb mir somit selbst überlassen und ging im Lager betteln. Damals war ich noch keine drei Jahre alt.

Im September 1946 erfolgte dann der Rücktransport nach Deutschland. Per Bahn kamen wir hungrig und müde in Ventschow/ Mecklenburg an. In einem am Waldrand gelegenen Lager lebten wir in Holzblockhäusern bis April 1947.

Dann brachte man uns in das Lager der Kiesgrube bei Weitendorf/ Mecklenburg. In diesem Lager wohnten wir bis August 1947. Hier setzen meine ersten Kindheitserinnerungen ein. Mit Auflösung des Lagers kamen wir nach Sternberg/ Mecklenburg. Von da aus sollten wir schon wieder weiter transportiert werden in Richtung Hamburg. Mama hatte diese vielen Transporte aber satt und weigerte sich weiter zu ziehen. Wir verblieben also in Sternberg. Hier wurde uns von der Behörde der Stadt ein Zimmer im Pfarrhaus, Mühlenstraße 4, zugewiesen. Somit endete die jahrelange Irrfahrt. Nun versuchte Mama mit uns heimisch zu werden.

Im Pfarrhaus wurden noch weitere vertriebene Familien aus Schlesien, Pommern und dem Sudetengau untergebracht, was die »Hauptmieter« sicherlich nicht erbaute. Pastor Fölsch lebte hier mit Frau, Tochter Harriet und Sohn Bert Heinrich. Tochter und Sohn wurden dann meine Freunde.

 

Nachkriegsjahre

Diese und die nachfolgenden Jahre waren für uns von bitterer Armut gekennzeichnet. Es dauerte lange Jahre, ehe wir uns erholen konnten, obwohl meine Mama hart und viele Stunden arbeitete, um allein die vier Kinder satt und groß zu bekommen.

Mama ging Woche für Woche und Monat für Monat über Land und arbeitete schwer bei den Bauern, auch bei einer Gutsbesitzerin in Keez bei Brüel, Frl. von Clausewitz.

Nur sonnabends bis sonntags kam sie nach Hause, um zu waschen, stopfen, bügeln und nach dem Rechten zu sehen. Wir vier Kinder waren in dieser Zeit auf uns allein gestellt. Möchte wissen, wie es Mama zumute war, uns so alleine zu lassen? Mein großer Bruder Arnold übernahm für mich die Vater- und Mutterrolle. Manchmal brachte Mama frisches Gänseblut mit und sie machte uns Blutplinsen: In das Blut rührte sie etwas Mehl, würzte das Ganze mit Salz, anschließend wurde es mit etwas Fett im Tiegel gebacken. Es schmeckte lecker, und wir wurden auch so richtig satt. Mama kochte uns aus Kirschen, Rhabarber oder aus anderen Früchten, wenn sie diese vom Bauern bekam, eine Fruchtklunkersuppe: Die Früchte wurden gewaschen und in Wasser mit etwas Zucker und einer Priese Salz gekocht. In eine Schüssel kam Mehl, dann schüttete sie etwas Wasser in das Mehl und formte mit den Fingern Mehlklunker. Diese Teigflocken streute sie in das sprudelnde Fruchtwasser. Für uns Kinder war das ein besonderes Essen und süß war es auch noch. Später arbeitete sie in Sternberg als Haushälterin beim Besitzer der Molkerei. Nach ihrem eigentlichen Feierabend im Holzbau Sternberg, sowie am Wochenende half sie im Haushalt bei einem Rechtsanwalt und bei Bahnhofsvorsteher Sadowski und wusch deren Wäsche. Mama wollte uns aus der Armut herausholen, aber für welchen Lohn. In der Zeit, als sie nebenbei in der Molkerei arbeitete, brachte sie uns Magermilch oder Molke mit. Im Aussehen hatte Magermilch einen blauen Schimmer und Molke einen grünlichen.

Im Sommer 1954 erhielten wir dann unsere erste eigene Wohnung, um die Mama hart kämpfen musste. Als wir sie dann doch zugesprochen bekamen, waren wir alle sehr glücklich.

 

Die kalten Winter

Früher waren die Winter oft bitterkalt. Handschuhe besaßen wir keine in dieser schlechten Zeit. Wenn ich mit meiner Mutter zum Einkaufen ging, waren meine Füße und Hände steifgefroren. Meine Mutter versuchte mich mit Trampeln, Hüpfen und Springen unterwegs warm zu bekommen. Jeweils eine von meinen Händen steckte sie immer in ihre Manteltasche, um sie zu wärmen, alle paar Minuten wechselten wir die Hände, aber es half nicht viel. Wieder zu Hause, wärmte ich meine Hände und Füße am warmen Kachelofen. Ein Weihnachtsfest ist mir besonders in Erinnerung, unter dem Tannenbaum lag ein Päckchen. Unsere Mutter sagte, der Weihnachtsmann hat es für uns dort hingelegt, mit Grüßen von unserer Tante Martha aus Bad Lausick. Als wir es öffneten, lagen Süßigkeiten darin und für uns alle selbst gestrickte Handschuhe. Die Freude war groß, denn nun hatte das Frieren an den Händen ein Ende.

Erinnern kann ich mich, dass mein Bruder Manfred aus seinen langen Hosen herausgewachsen war, und das im strengen Winter. Mama gelang es, eine braune Roßhaardecke von einem Bauern zu kaufen. Am Sonnabend und Sonntag schneiderte der Herrenschneider Oldinsky dann für Manfred eine lange Hose und so konnte er montags mit dem neuen Kleidungsstück stolz in die Schule gehen.

 

Untergang der „Wilhelm Gustloff“

Schon Anfang Januar 1945 war Gotenhafen mehr und mehr zu einer Flüchtlingstadt geworden. Viele Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen kamen hier im Bahnhof Gotenhafen an. Die Menschen warteten auf die Möglichkeit, im Hafen auf ein Schiff zu kommen, das sie über die Ostsee rettete. Wir waren ebenfalls in der Nähe. Mama bot sich auch die Gelegenheit, mit uns Kindern auf das Schiff, die „Wilhelm Gustloff“, zu gehen, aber sie wollte nicht. Mama hatte so ihre Bedenken oder eine Vorahnung und sagte: „Wenn das Schiff untergeht, meine Kinder können doch nicht schwimmen und sie ertrinken.“ Wir fuhren also mit dem Zug weiter. Später hörten wir, dass das Lazarett- und Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945, kurz nach 21. 00 Uhr, rund 60 Kilometer vor der Pommerschen Küste, von einem sowjetischen U-Boot mit drei Torpedos versenkt worden ist. Dabei kamen nachweislich 5.348 Menschen ums Leben, überwiegend Flüchtlinge, bestehend aus Kindern, Frauen, alten Männern und zum Teil Verwundeten. Der Anteil der toten Kinder lag bei über 3.000. Die Gesamtopferzahl lag aber noch viel höher, da in den letzten Stunden noch viele auf das Schiff drängten, ohne dass sie registriert worden sind. Nach Aussage eines überlebenden Besatzungsmitgliedes (ehemaliger Arbeitskollege meines späteren Ehemannes) lag die Gesamtzahl bei ca. 10.000 Personen an Bord, von denen nur ca: 1560 gerettet werden konnten. Unsere Mama war nun froh, nicht mit auf das Schiff gegangen zu sein.

Auch unser Stiefvater erzählte uns, dass er als Soldat in der Nähe der „Wilhelm Gustloff“ war. Er sah mit an, als die Flüchtlinge zu Fuß oder mit Pferdewagen bei rund 20 Grad minus über das zugefrorene Haff im Hafen Gotenhafen ankamen. Sie boten den Soldaten sogar ihre Pferde mit Wagen an, um auf das rettende Schiff zu gelangen. Die Soldaten mussten es aber ablehnen, da sie den Befehl hatten, an die Ostfront zu marschieren.