„Der verlorene Sohn“ von Evelin Korndörfer

(c) Silke Dietze Fotozirkel Mittweida

 

Erschöpft aber glücklich sitzt die alte Dame in ihrem Lehnstuhl auf der Veranda und schaut dem Wellenspiel im See zu. Anlässlich ihres sechzigsten Geburtstages, hatte sich die Familie vollzählig um sie versammelt. Ja, auch ihr Erstgeborener mit Frau und Kindern ist dabei. Das war nicht immer so. Sie lässt den Gedanken freien Lauf und versinkt in der Vergangenheit.

Der Juli im Jahr 2005 ist sehr heiß. Die Fenster im Zimmer der Wöchnerinnen sind weit geöffnet. Die Tür öffnet sich und die Schwester schiebt Hanna in den Raum. Auf jeder Seite stehen acht Betten, davon sind sieben belegt. Das am Fenster ist noch frei, dorthin rollt das Gefährt. Nun galt es aufzustehen, Hanna zögert, denn sie denkt noch an den Schmerz im Fuß, als sie im Geburtensaal auftrat. Es war wie ein Tritt in ein Nadelkissen. Nur zu, sagt die Schwester, jetzt piekst nichts mehr. Am späten Nachmittag hält sie zum zweiten Male ihren Sohn im Arm. Staunend betrachtete sie das kleine Wesen: den dichten dunklen Haarschopf, die langen Wimpern, die zarten Gesichtszüge – Ja, ein Wiedererkennen der eigenen, sowie die des Kindsvaters. Nun war sie Mutter und Ehefrau mit gerade vierundzwanzig Jahren.

Auf Druck ihrer Eltern erfolgte die Eheschließung noch vor der Geburt. Die Zeit, dass mit den Fingern auf eine junge Frau mit Kind gezeigt wurde, gehörte eigentlich der Vergangenheit an. Doch für ihren Vater galt das nicht. Seine einzige Tochter mit einem unehelichen Kind, eine Schande. Ein Glück, dass sie nach dem Krankenhaus in die eigenen vier Wände ziehen konnten. Nächstes Jahr würde sie das Studium abschließen, danach die leitende Position in der Firma einnehmen, komme was da wolle. Gegen das Ansinnen von Vater und Ehemann, das Studium abzubrechen, um dem Kleinen Krippe und Kindergarten zu ersparen, stieß bei Hanna auf taube Ohren.

Von da an kümmerten sich die stolzen Großeltern in der Woche um Klein-Jan. Ein Stammhalter war schon damals ihr Traum gewesen. Hanna war das recht, die Hauswirtschaft, das Studium, das Kind, drohten ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. Das Wochenende verbrachte der Junge im Elternhaus. Dadurch entstand keine feste Bindung zwischen Eltern und Sohn, doch das begriff sie zu spät. Das Jahr verging wie im Flug. Nach dem erfolgreichen Abschluss, galt es sich in der Firma zu behaupten. Zielstrebig ging sie den Weg der beruflichen Anerkennung. Allerdings blieb dabei Kind und Ehe auf der Strecke. Einige Jahre später fand sie einen Partner, zwei Mädchen gingen aus der Verbindung hervor. Der Sohn kam zwar zeitweise zu Besuch, wollte aber nicht in die Familie wechseln. Er blieb bei den Großeltern. Ja, den Preis, den sie zahlen musste, war hoch und tat sehr weh, denn eine Mutter war sie ihm nie gewesen. Erst im Mannesalter fand eine Annäherung statt, mit der sie Beide leben konnten.

 


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