„Das Wagnis großer Ziele“ nach einem Interview mit Prof. Lothar Otto von Karl-Heinz Nebel

Zitat Prof. Lothar Otto:

»Die größte Gefahr besteht nicht darin, dass wir uns zu hohe Ziele setzen und sie nicht erreichen, sondern darin, dass wir uns zu wenige und zu niedrige Lebensziele setzen, und sie versuchen zu erreichen.«


»Wenn du da rangreifst, und es brummt, ist die Endstufe in Ordnung. Dort darfst du nicht anfassen, da kriegst du eine gewischt.«

Mit diesen einfachen Anweisungen hat Großvater Otto in seinem Musikgeschäft in der Rochlitzer Straße, in Mittweida, seinen damals siebenjährigen Enkel Lothar in die Geheimnisse der Rundfunkelektronik eingewiesen, und damals schon den Grundstein für das Lebenswerk des heute emeritierten Professors gelegt. Etwas mehr als sechs Jahrzehnte später haben wir Prof. Lothar Otto in seinem gemütlichen Gartengrundstück am Kuckucksberg besucht, und er hat uns von Unruhzeiten aus seinem Leben erzählt.

Die Familie Otto verzweigte sich nach dem Großelternpaar in zwei Richtungen: in eine musikalische und in eine technische. Lothar Otto entstammt dem technischen Zweig. Aus diesem Grund entwickelte sich schon früh das Interesse an Großvaters Radios im Musikgeschäft.

»Schon zu dieser Zeit wollte ich Rundfunkmechaniker werden«, sagte er.

Diesen Wunsch konnte er sich nicht erfüllen, aber der Elektrik und Elektronik ist er treu geblieben, denn er trat eine Lehre beim Fernmeldebau in Karl-Marx-Stadt zum Fernmeldetechniker an. Nach deren erfolgreichem Abschluss studierte er Elektrotechnik, wurde Abteilungsleiter und schließlich Produktionschef für Netze. Seine Aufgaben ließen ihn schnell zu einer geachteten Führungspersönlichkeit heranwachsen, denn in seinem Verantwortungsbereich befanden sich vierundzwanzig Meisterbereiche.

In dieser Stellung war Organisationstalent gefragt, was zur damaligen Zeit mit zunehmendem Materialmangel in allen Bereichen der Industrie immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte.

1982 begann Lothar Otto seine Dissertation über optische Nachrichtenübertragung zu schreiben und fand in dieser Zeit Zugang zu einem Forschungsthema, das sich mit genau dieser Problematik beschäftigte. Sein Doktorvater, Prof. Grimm, arbeitete an atmosphärischer Nachrichtenübertragung und unterstützte die Mitarbeit Lothar Ottos in diesem Projekt.

»1984, zum 35. Jahrestag der DDR, nahmen wir in Berlin die längste optische Übertragungsleitung Europas in Betrieb.« Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er die technischen Details dazu nannte – sie tragen heute musealen Charakter. Dennoch ist es wegweisend für die Weiterentwicklung dieser Technologie gewesen.

Die Persönlichkeit Lothar Otto mit all ihren Facetten wie Führungsqualität, Fach- und Sachkompetenz und nicht zuletzt Organisationstalent trat weithin sichtbar hervor und wurde insbesondere von der Hochschule Mittweida wahrgenommen. Er erzählt uns von einem Gespräch zwischen ihm und Prof. Balke, das nach der Verteidigung seiner Doktorarbeit stattgefunden hatte.

»Du, an den Hochschulen sollen künftig Verwaltungsdirektoren eingesetzt werden. Hättest du nicht Lust dazu?«, hatte der Professor ihn gefragt. Lothar Otto erzählte weiter, dass er nicht vorhatte, bei der Post, dem der Fernmeldebau angeschlossen war, zu kündigen, da ihm seine Arbeit dort gefiel. Aber das Angebot interessierte ihn natürlich auch, und so gab er dem Professor den Tipp, er solle in der Kombinatsleitung in Berlin sein Ansinnen vortragen und fragen, ob ein Überleitungsvertrag möglich sei. Das würde ihm die Kündigung ersparen und sicherstellen, dass er die Firma in gutem Einvernehmen verlassen könnte. Mehr noch, er hielt sich damit alle Türen offen, um weiter mit seiner ehemaligen Firma zusammenarbeiten zu können, denn 1985 wurde schon sichtbar, dass die Probleme in der DDR nicht weniger werden würden, und da war es wichtig, Verbündete zu haben.

»Und der hat das wirklich geschafft, dass der Überleitungsvertrag zustandekam.« Ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht. »Als problematisch erwies sich dann aber, dass zu der Zeit, 1985, die Stelle des Verwaltungsdirektors vom Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen noch nicht freigegeben war. Und da haben sie gesagt, du musst erst mal als Technischer Direktor anfangen, und wirst dann Verwaltungsdirektor, wenn das so weit ist. Und so habe ich am 01. 06. 1985 als Direktor Technik an der Hochschule Mittweida angefangen.«

Erst als er den Posten des Technischen Direktors angetreten hatte, erkannte er, in welch marodem Zustand sich auch die Hochschule befand.

»Balke hat gewusst, dass ich da einiges bewegen könnte.« Als ein Beispiel nannte er den schlechten Zustand des Heizhauses, die Kohlefeuerung und vor allem den Schornstein, der dringend saniert werden musste. Es war unserem Gastgeber anzusehen, dass es ihm heute noch Spaß macht, darüber zu reden, wie er seine Beziehungen ins Spiel bringen konnte, um an Klinkerziegel, Zement und eine dazu erforderliche Bewilligung der Baumaßnahme durch das Ministerium heranzukommen.

Während seiner Zeit als Direktor Technik sind mehrere Baumaßnahmen der Hochschule realisiert worden. Eines der wichtigsten war das Laborgebäude des Maschinenbaus.

»Es hat mir immer wieder Spaß gemacht, wenn etwas Neues entstanden ist.«

1988 wurde Lothar Otto schließlich Verwaltungsdirektor und kümmerte sich von nun an mehr um die inhaltliche Arbeit der Hochschule, wie beispielsweise um die Mitorganisation der wissenschaftlichen Konferenz, die die Hochschule ausrichtete, und zu der internationale Wissenschaftler anreisten, auch Vertreter von vier Hoch- und Fachhochschulen aus dem Westen Deutschlands. Er stellte sich Prof. Schmidt zur Verfügung, der mit der Organisation betraut war. Jede Delegation der westdeutschen Hochschulen wurde von einem Kollegen betreut. Lothar Otto oblag die Betreuung der Delegation der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt.

»Als sie wieder abreisten fragten sie, wann ich sie denn einmal besuchen käme. Ich sagte ihnen, dass das im Moment unmöglich sei, aber wenn es einmal anders sein sollte, dann versprach ich, der Einladung zu folgen.«

Sofort nach dem Fall der Mauer machte er sich auf die Reise nach Würzburg, und diese Begegnung begründete eine ehrliche und tiefe Freundschaft. Dieses Treffen, und vor allem alle hilfreichen Informationen und Tipps, die er von dort mitgebracht hatte, stellten die Weichen für die Rettung des Hochschulstandortes Mittweida. Die Hochschule verzichtete auf ihren universitären Status und wandelte sich zu einer Fachhochschule.

1990 wurde der erste Rektor nach der politischen Wende gewählt. Aus dieser Wahl ging Prof. Reinhard Schmidt als klarer Sieger hervor. Aus seinen guten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Lothar Otto holte er sich ihn in sein Team als Kanzler. Die Wahl Schmidts als Rektor und dessen Entscheidung für Otto als seinen Kanzler sollten sich als Nachhaltigkeitsfaktor für den Bestand des Hochschulstandortes Mittweida erweisen.

Noch war die Hochschule nicht endgültig gerettet. Nachdem die Gesetze der BRD auch für alle Hochschulen der ehemaligen DDR galten, musste sich die Schule einem Studentenwerk anschließen.

»Zur Wahl standen Chemnitz und Freiberg. Sich dem Studentenwerk Chemnitz anzuschließen hätte bedeutet, dass wir uns der Universität Chemnitz anschließen, was unsere Eigenständigkeit bedroht hätte. Der Standort Mittweida wäre aufgelöst worden. Deshalb haben wir uns für Freiberg entschieden.«

Der Umbau der Hochschule in eine Fachhochschule nach bundesdeutschem Standard konnte als einschneidendster Umbruch bezeichnet werden. Das Personal musste von 600 auf 300 reduziert werden. Es ist das Verdienst vor allem der Professoren Schmidt und Otto, dass dieser Prozess mit viel Fingerspitzengefühl vonstattenging. Junge Leute wurden animiert, ein Studium aufzunehmen, statt sich in die Arbeitslosigkeit zu begeben. Einem Teil des damaligen Zentrums für Elektronischen Gerätebau (ZEG) wurde ein Übergangszeitraum eingeräumt, in dem sie so lange in der Hochschule bleiben konnten, bis sie den Schritt in die Selbstständigkeit gehen konnten.

»In den alten Bundesländern war es nicht üblich, Handwerker und Reinigungspersonal an der Schule zu beschäftigen. Das Ministerium hat uns immer wieder nahegelegt, dieses Personal zu entlassen.« Und wieder erscheint auf dem Gesicht unseres Gastgebers das schelmische Lächeln. »Wir haben einen siebten Fachbereich gegründet: Ordnung und Sauberkeit. Damit haben wir aber weitere Kündigungen verhindert.« Heizer zum Beispiel wurden umqualifiziert und verrichten noch heute wichtige Aufgaben im Bereich Medien.

Prof. Lothar Otto sieht sich selbst als einen Menschen, der immer bestrebt ist, das, was er begonnen hat, auch zu Ende zu führen. Er reflektiert damit seine Zeit als Rektor dieser Hochschule.

»Die Zeit, die ein Rektor in einer Amtsperiode hat, ist zu kurz, um angeschobene Dinge zum Erfolg zu führen.«

Er sieht es selbst als großes Glück, alles, was er als Kanzler begonnen hatte, als Rektor weitergebracht und beendet zu haben.

Die Spuren, die Lothar Otto an der Hochschule und in Mittweida hinterlassen hat und hinterlässt, werden noch lange sichtbar bleiben.

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