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„Das macht man nicht.“ von Nele


Das macht man nicht.

von Nele

Den Spruch kennt sie noch von ihren Eltern und Großeltern. Er verfehlte auch in dem Fall ihrer Trennung von ihrem Mann seine Wirkung nicht. Weil sie nach 25 Jahren einen anderen Weg gehen wollte, anders leben wollte als ihr Mann.

Sie fühlte sich schuldig. Sie hatte doch einen guten Mann, immer lustig mit Bommelmütze im Winter. Keiner sah aber die andere Seite hinter der Fassade. Auch ihre nicht. Selbst ihr letztes Urlaubsfoto von Kreta, auf dem sie gemeinsam in die untergehende Sonne blicken, zeigt ein zufriedenes Paar. Da wussten sie noch nicht, dass es ihr letztes gemeinsames Foto sein wird. Dass sie ein halbes Jahr später feststellten, dass es einen Grund hatte, warum sie die Silberhochzeit nicht gefeiert haben. Der Urlaub auf Kreta war ihr letzter gemeinsamer.

Danach Fragen über Fragen….

Ist es immer so, dass derjenige, der geht, der Böse ist? Dass einer mehr leidet als der andere?

Es gab einen einzigen Abend, an dem sie sich beide weinend gegenüber standen und sich fragten, wann sie sich verloren haben. Ansonsten war Reden einfach nicht möglich. Es geht schlecht, wenn es ein Partner nicht möchte oder kann.

Für sie war die schlimmste Erkenntnis, dass sie schon lange weg war. Die kam ihr in dem Bauwagen, in dem sie sich bei einer Freundin auf dem Hof verkrochen hatte. Das tat richtig weh. So weit weg schon – und ganz deutlich ein Licht in der Ferne. Da wollte sie hin. Nächtelang malte sie auf ausgedienten Schrankrückwänden mit Acrylfarben in voller Bandbreite. Sie hatte die Farben in einer Weiterbildung kennen gelernt. Diese vielfältig einsetzbare Farbe begeisterte sie. Es war ihre Therapie.

Sie malte und malte, erst mit Linien, später frei. Immer mit Schwung. Ohne Grenzen, ohne Einschränkungen.

Eine Visionssuche in der Schweiz half ihr beim Abschied von ihrem alten Leben. Diese Reise hatte sie lange vor der Trennung für sich allein gebucht – ein 6. Sinn? Nun kam sie gerade richtig. Laufen, laufen, laufen, allein im Wald übernachten, mit sich ganz allein sein. Unter provisorischer Plane schlafen – jeglicher Luxus war für 4 Tage nicht erlaubt. Was ist Luxus? Es war definitiv diese viele Zeit, die sie für sich ganz allein hatte. Ohne Zeitdruck, ohne Termine. Zu entdecken, dass da noch ein kleines Mädchen in ihr ist, dass gut den ganzen Tag mit Kienäpfeln und vielem anderen im Wald spielen kann. Das sich plötzlich traut, laut zu singen. Im nebligen Wald verabschiedete sie sich an einem Bach von ihrem Ehering und wandte ihr tränenüberströmtes Gesicht dem Himmel zu. Genau in dem Moment lugte die Sonne etwas zwischen den Wolken hervor. Das vergisst sie nie. Es hilft ihr im Alltag bei allen Herausforderungen und Widrigkeiten eben dieses Stück Sonne zu sehen. Und wenn es manchmal auch nur ein Zipfel ist.

 


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