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„Das Leben ist bunt.“ von Nele


Das Leben ist bunt

von Nele

Die Sonne scheint draußen – die spielenden Kinder auf dem Bauteppich interessiert das nicht. Sie sind in ihr Spiel vertieft. Wenn es nach der Fachberaterin ginge, würde ich sie jetzt mit klugen Sprüchen nach draußen locken. Sie ist aber gerade zur Tür heraus – also können die „Windelpupser“ selbst entscheiden. Mein Traumberuf – mit Kindern arbeiten. Das wusste ich schon in der Grundschule. Und nun? Nach 15 Berufsjahren die Kündigung „dank“ Wende. Unsere Einrichtung ist noch jung – also alle entlassen. Arbeitslos – ich sehe nur ein schwarzes Loch. Die Familie am Abendbrottisch kann nur ahnen, warum die Tränen beim Essen kullern. Eine Mama, die weint, kennen sie eigentlich nicht.

Also Augen auf – wo werde ich gebraucht? Arbeitslos zu sein hat so was „Anrüchiges“. Zu Hause rum sitzen ist nicht mein Ding. Da kommt die Gelegenheit zur Zusatzqualifizierung gerade richtig, ein Platz ist noch frei. Und die Gelegenheit, ein Praktikum im „Westen“ zu machen. Diese Herausforderung nehme ich an, auch wenn ich aus einer „ganz anderen Welt“ komme. Als Praktikantin in einem großen Unternehmen in Hannover gehe ich aber bestimmt in die Chronik des Hauses ein. Denn ich habe es „geschafft“, den großen Automaten außer Gefecht zu setzen, an dem man Magnetkarten auf laden kann, um dann damit den Kaffee zu bezahlen. Praktikanten sind eben manchmal auch da zum Kaffee holen. Kein Problem – man muss nur wissen, in welchen Schlitz der Geldschein gehört. Definitiv nicht in den fürs Kleingeld. Ich habe noch nie so einen verzweifelten Portier gesehen, der den Monteur rufen musste. In meiner Abteilung haben alle so gelacht, dass die Tränen kullerten. Da ich gut über mich selbst lachen kann, hatten wir einen lustigen Nachmittag. Ich musste den Schein schon sehr klein falten, damit er in den Schlitz passte. Was habe ich gelernt? Sehr viel – u.a auch, dass man ab und zu die Augen aufmachen muss und die Ruhe bewahrt.

Ohne meinen Humor wäre ich auch in der nächsten Etappe meines Berufslebens verloren gewesen. Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch, der zur rechten Zeit die Leute kennen lernt, die weiter helfen und dann ein Stück des Weges mit begleiten. Ich musste erst lernen, das auch anzunehmen. Mein Lieblingsspruch ist ja noch heute: “ Das kriegen wir schon hin“ Nein, kriegt man manchmal nicht alleine hin.

Ich war in der Wirtschaft gelandet (nicht in einem Gasthaus ;)) , ich durfte Unternehmen beraten. Das Wort Fördermittel konnten meine Kollegin und ich nach fünf Jahren nicht mehr hören und gingen dieses Mal freiwillig in die Arbeitslosigkeit. Wir hatten einen Wunsch: wir wollten in unserer Stadt Menschen beraten, wenn sie nicht weiter wissen und außerdem kulturelle Höhepunkte schaffen mit Hilfe eines sehr rührigen Vereins. Nachdem man im Regierungspräsidium unser schönes 20seitiges Konzept mit einem Finger kurz durchblätterte und uns dann mitteilte: „Das müssen sie auf 3 Seiten kürzen, das liest sonst kein Mensch“, haben wir uns mit Frust im Bauch einen „Haushaltstag“ genehmigt. Den gab es zu DDR-Zeiten und der war gar nicht mal so schlecht.

Nach umfangreicher Kürzung fand sich eine uns freundlich zugewandte Sachbearbeiterin, die uns unterstützte und unsere Idee tatsächlich in einer arbeitsmarktpolitischen Richtlinie unterbrachte. Klingt sehr hochtrabend- war es aber nicht. Wir haben es geschafft mit viel Willenskraft und der Überzeugung, dass jede von uns endlich das machen konnte, was sie schon lange wollte und das im sozialen und kulturellen Bereich.

Da bin ich heute noch – und glücklich mit dieser Arbeit. Auch wenn mir das Wort Fördermittel immer wieder im Alltag begegnet. Und auf dem Bauteppich spielen jetzt meine Enkelkinder.

Für sie bin ich „Oma Sonne“. Was gibt es Schöneres?

 


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