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„ … das Leben geht weiter!“ von Diana Miller


„ … das Leben geht weiter!“

von Diana Miller

Ich lernte Hannes bei meiner Arbeit im Pflegeheim kennen.

Seine schwerkranke Frau verlebte die letzten Monate auf unserem Wohnbereich. Hannes kümmerte sich rührend um sie, kam täglich zu Besuch und tat alles nur Erdenkliche, um ihr das Leben so angenehm wie nur irgend möglich zu gestalten. Er war ein Mann, der Gefühle zeigte und ich verliebte mich in ihn – ich, achtundzwanzig Jahre jünger als er.

Unter ständiger Beobachtung der Dorfbewohner, für die es fortan viel Gesprächsstoff gab, packten wir unser gemeinsames Leben an. Allmählich verstummten die Lästermäuler und der Tratsch löste sich in Wohlgefallen auf. Wir lebten ein von tiefer Zuneigung, Herzlichkeit und Vertrauen geprägtes Leben, verreisten viel, genossen jede gemeinsame Stunde und ließen uns durch Nichts und Niemanden davon abbringen. Hannes war für mich Lebenspartner, Vater und Mutter in einem. Wir waren rundum glücklich, passten wie Topf und Deckel und schwebten auch nach neun Jahren noch auf Wolke 7.

Dann kam der Schock, der alles verändern sollte. Hannes wurde schwer krank. Es folgte eine Zeit von Hoffen und Bangen, mit Chemotherapie, Krankenhausaufenthalten, Besserung des Befundes – Jubel. Vor einer noch ausstehenden Therapiephase forderte Hannes eine „Auszeit“, um sich von den Strapazen zu erholen – und um zu heiraten.

Es wurde eine Hochzeit, so wie wir uns das vorgestellt hatten. Die Menschen, die uns wichtig waren, feierten mit uns. Alles schien gut.

Doch der nächste Kontrolltermin im Krankenhaus brachte uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Alle Tumore waren wieder gewachsen. Es folgte die nächste Chemotherapie, härter als die vorangegangene. Ich frage mich noch heute, wo er die Kraft dafür hernahm. Allerdings erholte er sich nicht so recht, war oft müde und kaputt, hatte keine Energie.

Dennoch flogen wir im Mai eine Woche nach Barcelona. Genossen die Sonne, die Ruhe und die Zeit, die wir miteinander hatten. Trotzdem ging es Hannes nicht besser. Da er Moskau unbedingt noch einmal sehen wollte, flogen wir im Juli nach Petersburg und fuhren mit dem Schiff bis Moskau. Ich konnte ihn nicht davon abhalten, obwohl er gesundheitlich sehr angeschlagen war und ich große Angst hatte, dass er diese Reise nicht durchhalten würde. Tatsächlich kostete es ihn enorm viel Kraft. Er schlief viel, erlebte aber alle Höhepunkte der Reise. Als wir bei Nacht auf dem roten Platz in Moskau standen und mein Mann strahlte und sagte: „Mädel, das ist es, das wollte ich sehen“, da wusste ich, dass es die Mühe wert gewesen war.

Wieder zu Hause angekommen waren Untersuchungen längst überfällig, aber eigentlich auch sinnlos. Wir wussten, wie das Ergebnis aussehen würde …

Ich schaffte den Spagat zwischen der Arbeit in drei Schichten und der Betreuung meines kranken Mann nicht mehr. Das ständige schlechte Gewissen ihm und den Kollegen gegenüber zerriss mich fast. Ich musste mich krankschreiben lassen.

Hannes versuchte im September eine dritte Chemotherapie, die ihn fast umbrachte. Er brach sie ab und bereitete sich auf sein Ende vor. Er organisierte alles Nötige, sprach mit den Kindern, plante mit mir seine Trauerfeier und schrieb dafür, unterstützt von einer Autorin, sogar seine Abschiedsrede selbst.

Es folgte eine Zeit, die auf der einen Seite nur schwer zu ertragen, auf der anderen Seite aber so innig und eng war, dass ich sie nicht missen möchte.

Am 22. November starb Hannes zu Hause im Kreise seiner Familie.

Für mich brach eine Welt zusammen, ich fiel ins Bodenlose. Von der Zeit, die vorher nicht reichte, hatte ich plötzlich zu viel. Ich hatte die letzten mehr als zwei Jahre für meinen Mann gelebt, mit ihm alles getragen und versucht zu helfen, wo immer ich konnte. Jetzt war da nichts mehr – nichts. Ich funktionierte nicht mal mehr – und das hatte ich mein ganzes bisheriges Leben immer gekonnt. Funktionieren. Ich saß einfach nur da und tat nichts.

Ich hatte die Trauerfeier hinter mich gebracht, die ja durch Hannes schon zum größten Teil organisiert war. Danach bestand mein Leben daraus, auf den Friedhof zu gehen – oft dreimal am Tag.

Familie und Freunde kamen immer wieder vorbei, nötigten mich raus zu gehen, etwas mit ihnen zu unternehmen, riefen an, schickten Whats Apps und waren einfach da, auch wenn ich sagte, dass ich keinen bräuchte. Sie wohnten zeitweise bei mir, standen immer wieder vor der Tür und ließen sich einfach nicht „abwimmeln“.

Schritt für Schritt bekam ich mein Leben wieder in den Griff. Irgendwann sah ich Licht am Ende des Tunnels, es war eher nur ein Funke, aber immerhin. Ich schrieb jeden Tag einen „Brief“ an Hannes, so als würde ich mit ihm reden. Schrieb, was ich fühlte oder auch nicht, über meine Ängste, meine Wut, die Verzweiflung und bat ihn um Kraft, das alles irgendwie zu überstehen.

Wieder einmal beim Schreiben schoss mir der Satz in den Kopf, den Hannes viele Wochen vor seinem Tod immer und immer wieder zu mir gesagt hatte: „Mädel denk dran, du schaffst das, das Leben geht weiter“.

An diesen Satz klammerte ich mich, sagte ihn x-mal am Tag laut oder in Gedanken, schrieb ihn unter jeden Brief an meinen Mann. Von da an war Hannes mein Schutzengel – langsam, sehr langsam, aber stetig ging es mir besser.

Heute habe ich eine neue Wohnung, eine neue Arbeit und immer noch die „alten“ Freunde – dem Himmel sei Dank. Oder Hannes!? Ich kann das Leben wieder genießen, auch wenn ab und an noch eine Träne kullert.

Rückblickend bin ich dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam hatten; dankbar für das große Glück, einen Menschen kennengelernt zu haben, mit dem mich wahre Liebe und grenzenloses Vertrauen verbunden hat.

Auch durfte ich erleben, wie Familie und wirkliche Freunde uns durch Trauer, Hilflosigkeit, Wut tragen und Lebensmut zurückbringen können.

das Leben geht weiter.

 


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