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„Befreiung“ von Karl-Heinz Nebel



Befreiung

Er hatte den Horizont noch nie wirklich gesehen, nur eine Linie, an der Himmel und Erde sich trafen. Zu sehr verkroch er sich in sich selbst, immer wieder aus Angst, Schläge vom Vater zu bekommen wegen eines Fehlers, den er gemacht hatte. Eine innere Stimme riet ihm, sich zu wehren, doch er kämpfte sie jedes Mal erfolgreich nieder. Man begehrt nicht auf gegen den Vater.

Aber irgendwie gelang es ihm, den Kopf ein Stück höher zu tragen, bis seine Kehle frei wurde und er es endlich herausschrie: »Das ist mein Leben!«

Er lauschte nach seiner inneren Stimme – sie schwieg. Aber nur einen Augenblick. Dann jauchzte sie: »Wow! Du lebst ja wirklich!«

Von seinem ersten Lohn hatte er sich neue Schuhe gekauft; endlich zog er sie an und lief zum Horizont.

 


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