„Aufbruch I“ von Sylvia Eggert


Aufbruch I

Die Frau dreht den Zündschlüssel um, verharrt.
Gleich wird sie zum letzten Mal vom Parkplatz neben dem Haus fahren, das ihr Zuhause gewesen ist. Doch nun ist es an der Zeit, dieses Zuhause abzulegen, wie eine Schlange die zu eng gewordene Haut und dorthin zu fahren, wo ihr neues Leben beginnt.
Der Motor läuft, erwartet ungeduldig die Anweisung zur Abfahrt. Doch die Frau zögert noch, den Vorwärtsgang einzulegen.
Sie seufzt; versucht, das unsichtbare Zittern aus sich herauszuatmen, das sich in ihrem Körper eingenistet hat.
Die Frau ist froh, dass die Kinder in der Schule sind und nicht mit ansehen mussten, wie ER und SIE sich umarmten.
Vorhin.
Zum letzten Mal …

Die Frau gibt sich einen Ruck, doch als sie langsam aus der Einfahrt fährt, die ersten Meter vorwärts, krampfen sich Herz und Magen zusammen. Es ist schwer, die Erinnerungen dort zu lassen, wo sie das Leben in ihr Gedächtnis gemalt hat.
Darum versucht sie, das alte Gemäuer als das zu sehen, was es, rein sachlich betrachtet, ist: ein Objekt aus vier Mauern, grau, mit bröckelndem Putz – mehr nicht.

Auf der Straße nimmt die Frau den Gang wieder raus, zieht die Handbremse an.
Sie steigt aus, um das Hoftor hinter sich zu schließen.
Da fällt ihr Blick auf das Efeu, das sie sich geschenkt hatten im letzten Sommer – gegenseitig, zum Hochzeitstag …
Hoffnungsgrün hatte es sich an der Wand emporranken sollen. Doch dann war es erfroren, im letzten Winter – als es draußen so kalt gewesen war, wie drinnen, zwischen ihr und ihm.
Nur welkes Laub ist geblieben, kein einziger frischer Trieb …

Die Frau dreht sich um, steigt in den Wagen und atmet nochmals tief durch. Sie legt den Gang ein und gibt vorsichtig Gas.
Im Schritttempo rollt sie los, lässt das Haus links liegen und fährt langsam weiter, bis sie es im Rückspiegel nicht mehr sehen kann.
Da beschleunigt sie und schaut von jetzt an nach vorn.
Sehr konzentriert.

 

 


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