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„Auf der Erde nach den Sternen greifen“ nach Tasillo Römisch

„ Auf der Erde nach den Sternen greifen“
Text von Julita Decke nach einem Interview mit Tasillo Römisch
Fettdruck: Interviewtext Tasillo Römisch

Schöne Träume enden nie…und frei nach Gerhard Schöne:

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt, doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“

Ich stand am Fenster und schaute verträumt in den Herbstabend. Das Radio spielte eine leichte Schlagermelodie und auf einmal unterbrach die Sendung mit einem merkwürdigen piependen Geräusch. Ich dachte erst, dass das Radio vielleicht kaputt sei, aber dann kam eine Stimme, die lauthals und freudig verkündete, dass der erste Sputnik ins All geflogen ist. Nun ist es tatsächlich wahr, was mein Freund Karl behauptet hatte. Wir können nun ins All fliegen und das Piepen kommt direkt aus dem Kosmos? Wieder und wieder wurden die Signale per Radio in die warmen Wohnzimmer der Menschen gesendet. Wieder und wieder hörte ich die Berichte über diese merkwürdige Kugel.

„Wenn ich groß bin, werde ich auch in den Weltraum fliegen.“ nahm ich mir vor und verfolgte aufmerksam Starts und Landungen weiterer Sputnikraketen.

Ein kühler Frühlingstag im April 1961 erinnerte mich wieder an meinen Traum. Juri Gagarin umrundete als erster Mensch die Erde und war 108 Minuten im Weltraum gewesen. Das machte Eindruck. Damals mussten wir alle aufstehen, wenn die Lehrerin ins Klassenzimmer kam. Dann meldete einer, ob alle vollzählig waren oder eben nicht. Als jedoch Gagarin gestartet war, kam Frau Kuckuck aufgeregt rein, ignorierte den zur Meldung bereiten Schüler und schrie „ein Sowjetmensch ist im Kosmos!“ Die ganze Welt stand Kopf und ich war mitten drin. In den Schaufenstern waren üppige Sternendekorationen, im Radio und Fernsehen jagte eine Meldung die andere und jedes Kind träumte vom Weltraumflug als Urlaubsreise.

Jede Faser meines Körpers war vom Weltraumfieber erfasst und so beschloss ich noch am selben Tag, Kosmonaut zu werden. Ich hatte das Bild eines Kosmonauten mit Expander vor mir. So einen wünschte ich mir von meinen Eltern und ich bekam ihn auch. Dann trainierte ich meinen Körper und las ich alles was in unserer kleinen Stadtbibliothek zu finden war über Weltraum und Raketen. Ich war bald so sportlich, dass ich als hoffnungsvoller Nachwuchssportler zum Leichtathletiktraining eingeladen wurde und 400m-Lauf wurde meine Spezialität.
Die Weltbestzeit von 43,03s bei den Männern erreichte ………

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt, doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“

German Titow hatte eine schöne Frau. Juri Gagarin…, alle Raumfahrer haben schöne Frauen. Das beschäftigte mich natürlich als Teenager. Ich hatte Lust auf das Leben mit all seinen schönen Seiten. In meiner jugendlichen Leichtigkeit, dachte ich, dass es schon klappt mit den Frauen, wenn ich endlich Kosmonaut wäre…

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt,
doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“

Auch ich wollte, wie viele Andere auch, eine bessere DDR.

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt,
doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“

Die Wende war mein bisher größter Umbruch im Leben.
Ist es gut, das zu erzählen? Ist es zu früh?

Herbst 89: An allen Ecken und Enden knirschte es im System DDR. Die Menschen lebten in Häusern, die oft nur vorn schön angestrichen waren, aber hinten herum zerfielen. Klar, es gab Milch für 32 Pfennige und Brötchen für 5 Pfennige. Die Menschen waren unruhig. Mangel auf der einen Seite und auf der anderen Seite verkaufte man die Unterwäsche an den Otto Katalog. Ein kleiner Handel mit dem Ausschuss blühte und doch gab es kein Garn, keinen Beton, kaum Klopapier, kein Bier oder zumindest nicht das was schmeckt, keinen Quark, keine Zylinderkopfdichtungen, keine tollen Lederturnschuhe……..

Was brauchte der Mensch denn? Sozialismus mit menschlichem Antlitz? Bananen?Zylinderkopfdichtungen?
Wir sind das Volk! Konnte das die Lösung der Probleme werden?
Das Volk befragen, welches sich so lautstark bemerkbar machte? Auf einmal?

Ich war Parteisekretär. Im Kollektiv der Parteisekretäre besprachen wir nun auch die aktuelle Lage. Wir wollten dem „Volk aufs Maul schauen“ aber leider beschlossen nur einige wenige, darunter ich, mit in die Kirche zu gehen, um zuzuhören, was dort besprochen wurde. Mich interessierte, was ich tun kann. Es gab auch geheime Treffen mit den Parteisekretären. Auf einem der letzten Treffen beschlossen wir, dass der derzeitige Chef gebeten wird abzutreten…, vielleicht, um etwas Ruhe unter den Menschen zu erreichen und eine Atempause für uns zu erringen. Das war in der Wäscheunion. Wir dachten, dass sich etwas ändern würde, wenn der damalige Chef zurücktritt.

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt,
doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“

Ich sprach an diesem Tag mit zitternder Stimme und machte diesen Vorschlag vor allen Versammelten. Aber der, den wir meinten, reagierte nicht. Wieder einmal war ich gegen Wände gerannt, die seit langem immer öfter im Weg standen und nicht weichen wollten. Die Oberen der Partei und Regierung verschlossen sich und wollten nicht wahr haben, dass der Weg der DDR schon lange nicht mehr zu einer besseren Welt, einem besseren Leben, zu mehr Freiheit für die Proletarier, zu …ja zu was eigentlich?…führte.

Ein guter Freund riet mir nach dieser Versammlung heute lieber nicht zu Hause zu schlafen. Ich tat es dennoch und hatte Angst. Angst vor der Stasi, vor den wütenden Menschen, vor der Zukunft, vor dem Chaos, vor der Leere? Es bahnte sich eine Änderung in meinem Leben an, die ich noch nicht überblicken konnte. Ich hatte ja eigentlich einen guten Posten. Mein Beruf als Parteisekretär und Ökonom machte meist sogar Spaß. Ich hielt Vorträge über mein Hobby, die Raumfahrt in der ganzen DDR, vom Erzgebirge bis zur Ostsee.Was sollte also schon passieren?

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt,
doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“

Auch meine Ideale sind an diesem Tag kaputt gegangen. Ich spürte, dass etwas zu Ende gegangen war. Es gab kein Zurück mehr. Viele Gedanken gingen auf einmal durch meinen Kopf, so etwas wie eine Abrechnung, eine Inventur, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite überlegte ich, ob ich auch in den Westen gehen müsse. Keiner wusste, was als nächstes passiert und wie die Dinge sich entwickeln. Würde ich vielleicht sogar wegen meiner Arbeit für Partei und Staat bedroht? Würde gar meine Familie Probleme bekommen?
Ich hatte jedenfalls von nun an immer genug Benzin im Tank meines Trabbis, um im Notfall zur Verwandtschaft in den Westen zu fahren.
Sehr bewusst bin ich in Mittweida geblieben…

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt,
doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“

Zähneknirschend gab ich dann 1990 mein Parteibuch ab.

Alles löste sich auf. Einen Parteisekretär brauchte man nun nicht mehr. Als Ökonom konnte ich noch in der Textima bleiben und hatte eine ganz unangenehme Arbeit zu machen in der sich ein Ende dieser Firma schon abzeichnete…Konnte ich es ahnen? Irgendwie kam es mir vor, als ob die neuen Herren wissen wollten, wie produktiv wir wirklich waren….Und wir waren offenbar tatsächlich gar nicht so schlecht…Eine ungeliebte Konkurrenz, die man sich vom Halse schaffen wollte…?
Als arbeitsloser DDR- Ökonom bekam ich keine Arbeit. Es war ja nicht so, dass ich es nicht gewusst hätte. In meiner Ausbildung habe ich alles gelernt, auch das kapitalistische Wirtschaften...

„Was kannste denn eigentlich?“ fragte ich mich dann doch irgendwann.

Und so entdeckte ich meine alte Liebe zur Raumfahrt neu und fing an Modelle zu bauen. Vom Rest meines Geldes nahm ich an Ausschreibungen und Wettbewerben teil. Eines Tages bekam ich tatsächlich den Traumauftrag. Mit einem Schlag konnte ich einige Tausend DM verdienen und da ich von einem Tag auf den anderen mit meinen eigenen Mitteln wirtschaften musste, machte ich natürlich viele Fehler. Zum Glück traf ich immer Menschen, die mir an den entscheidenden Stellen weiter geholfen haben. Ich nahm jeden Strohhalm und pflegte die Beziehungen, die sich durch die Wendezeit gehalten hatten… Die Spreu war vom Weizen getrennt…

Seit der Zeit habe ich 66 Länder gesehen, Tamara, die Frau von Titow kennen gelernt, meine Hobbys verwirklicht, habe gemacht was ich wollte, was mich interessierte, habe Fallschirmseide verkauft und Kosmonautennahrung gegessen, ein Museum aufgebaut und Weltraumfahrer saßen auf meinem Sofa. Ich habe viele Vorträge an der Hochschule gehalten, war auf der Osterinsel, bei den Mayas und habe mit Clinton gejoggt….

„Ich bin der Traummann Fidibus. Ich denk mir aus, was ihr so träumt,
doch pass ich auf, dass ihr den Schluss von einem schönen Traum versäumt…“